Vor ihrem Konzert in Visselhövede 

Interview mit Ulla Meinecke: „,Tänzerin‘ ist immer noch ein tolles Lied“

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Ulla Meinecke.

Visselhövede - Sie ist seit 40 Jahren im Geschäft, ihr heutiges Konzert in Visselhövede wurde wegen der enormen Nachfrage vom Heimathaus in die St.-Johannis-Kirche verlegt. Ulla Meinecke stand unserer Zeitung vorab Rede und Antwort.

Frau Meinecke, auf die Gefahr hin, zu Beginn eine unangenehme Frage zu stellen: Wenn man Ihren Namen nennt, hört man oft: „Ach, das ist doch die mit ‚Tänzerin im Sturm‘“. Nervt das?

Ulla Meinecke: Das ist überhaupt keine unangenehme Frage – das ist doch ein tolles Lied!

Absolut! Ein Tontechniker erzählte mir gerade, er spielt es jedes Mal beim Soundcheck, weil er es so toll findet.

Meinecke: Das hängt auch mit der ausgezeichneten Qualität der Aufnahme zusammen. Einer meiner Musiker wohnt am Gendarmenmarkt, da sind diese riesigen Open-Air-Konzerte. Und auch Techniker aus Amerika und England nehmen sehr oft diesen Song, weil er soundtechnisch die Qualitäten hat, um ihre Anlage einzumessen, und da lachen wir uns immer kaputt. Wir haben damals sogar einen Preis von den Technikfirmen bekommen, den „Golden Reel“, weil der Song in der Zeit von der Aufnahmequalität her ungewöhnlich war. Das hat der Udo Arndt damals gut hingekriegt.

Also ist so ein Hit mehr Segen als Fluch?

Meinecke: Ich find das absolut super! Das war ja mein fünftes Album – das war genau wie bei Grönemeyer: Die ersten vier Alben wollte keine Sau. Tragisch wird die Sache, wenn man einen Hit hatte, vielleicht mit irgendeinem doofen Lied, was einem jemand aufgeschwatzt hat, wo man selbst nicht mit zufrieden ist oder wo die Plattenfirma gesagt hat: „Das sing jetzt“, wo der Text törichte Sätze beinhaltet, die Musik cheesy ist – da würde ich mich auch erschießen.

Singen Sie ihn denn noch als Tribut ans Publikum oder weil sie ihn selbst gern singen?

Meinecke: Beides. Wir verändern ihn auch mal. Es gibt ihn auch mal bei den Lesungen. Was wirklich ein Kunststück ist: der Ingo (York, Anm. d. Red.) tatsächlich eine Gitarrenversion davon gemacht, die einen Riesenspaß macht. Es ist einfach ein gutes Stück – ein guter Text, zeitlos, wie ja die meisten meiner Sachen.

Hofft man immer noch auf einen zweiten Hit oder werden andere Dinge wichtiger als Erfolg?

Meinecke: Es war ja noch nicht mal ein Hit – die Leute haben gleich das ganze Album gekauft, nicht die Single. Es gibt immer Höhen und Tiefen. Das weiß man vorher nie. Das Popgeschäft stelle ich mir sehr anstrengend vor. Die Künstler bekommen dort auch keine zweiten Chancen. Da wird ja alles auf Hits und Charts getrimmt. Diese Ecke der Branche stelle ich mir sehr ungemütlich vor.

Sie sind seit weit über 30 Jahren im Geschäft und präsent. Wie erreicht man das?

Meinecke: Das hätte ich auch nie gedacht! Mein erstes Album ist im April 1977 erschienen. Ich habe immer weiter gemacht. Das macht einfach einen so wahnsinnigen Spaß. Was keinen Spaß macht, ist die dämonische A 2, die katastrophale A 9, die irre A 1. Aber jeder Beruf hat Schattenseiten. Aber sobald wir da sind und auf die Bühne gehen, macht es mir einen Heidenspaß – und meinen Musikern geht´s genauso.

Ständig auf Achse zu sein, ist also selbst gewähltes Schicksal?

Meinecke: Es ist unser Beruf! Auf die Dauer auf einer Bühne zu stehen, wenn man das nicht will: Das klappt nicht! Hinzu kommt, dass man sich fragt, wie lange ich das noch machen kann. Als ich 23 war, war ein Jahr ein Ozean voller Zeit. Jetzt habe ich vor zwei Monaten gedacht: Du musst jetzt endlich mal das Weihnachtsmannkostüm aus dem Kofferraum nehmen. Letzte Woche dachte ich: Das Ding bleibt drin! Ich sehe es ja bei Kollegen: Gesundheitlich so gut drauf zu sein, dass man stimmstabil ist und an die 100 Shows im Jahr zu machen, ist nicht selbstverständlich.

Dazu kommen noch die Lesungen, die Theaterrollen…

Meinecke: Nein, Theater ist vorbei! Da war so eine Zeit, da kam das Angebot, in dem Theaterstück vom Dietmar Loeffler mitzuspielen, „Wiederbeschaffungsmaßnahmen“. Normalerweise würde man 30 Vorstellungen spielen Dann wurde das aber ein Erfolg. Und die anderen Schauspieler waren alle jünger als ich und es wurde mit meinem Namen geworben und dann habe ich es nicht übers Herz gebracht, auszusteigen, weil immer die Bedingung war: Originalbesetzung. Und dann haben wir dieses Ding 460 Mal in drei Jahren gespielt. Und ich war verdammt froh, als es vorbei war.

Aber die Schriftstellerei wollen Sie noch?

Meinecke: Ich weiß es nicht. Auch ein Buch ist eine Entscheidung: Ein Jahr oder länger der eigenen Lebenszeit. Das bedeutet, jeden Tag um sechs oder halb sieben am Schreibtisch. Das ist schon eine Entscheidung, die viele andere Dinge ausschließt. Aber man soll nie „nie“ sagen.

In Wikipedia werden Sie als „Vorreiterin des Pop mit deutschen Titeln“ bezeichnet. Ist das ein Prädikat, mit dem Sie gut leben können?

Meinecke: Pop? Eigentlich ist es eher Rockmusik oder Singer-Songwriter, wie die Amis sagen. Aber ich war schon eine der ersten, absolut.

Heute ist eine neue Generation am Start mit Joris, Silbermond, Poisel, Gloria. Gibt es darunter Künstler, die Sie beeindrucken?

Meinecke: Klar, ich kriege die jungen Leute mit, es gibt Sachen, die mir gefallen. Was so in jüngster Zeit gekommen ist – da sind mir zu wenig Mädels, aber das ist ja ein Dauerphänomen. Bei den jungen Männern ist wieder so die Zeit: Hauptsache Hymne, Hauptsache Pathos. Ist auch nicht meins, aber zwischendrin gibt es auch Sachen, die mir gut gefallen. - hey

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