Symbiose vollendeter Eleganz und einzigartiger Qualität

Mercedes-Benz 300 Sc: Einer der seltensten automobilen Klassiker fährt im Altkreis

+
Ein 4,70 langer optischer Genuss: Das Mercedes-Benz 300 Sc Cabriolet. Weltweit gibt es nur 49 Exemplare.

Visselhövede - Von Jens Wieters. Steht man vor ihm, will man unweigerlich zu einem weichen Tuch greifen, um ganz vorsichtig ein Staubkorn vom glänzenden Chrom zu entfernen. Denn nichts soll den Anblick vollendeter Eleganz stören. Steht man neben ihm, staunt man über die in Blech gekleidete Formensprache deutscher Ingenieure. Steht man hinter ihm, sieht man(n) Kurven, die keinen Vergleich zu scheuen brauchen.

Und wenn man erst im luxuriösen Innenraum auf den breiten handgearbeiteten dunkelroten Sitzen Platz nimmt, denkt man gar nichts mehr, sondern lässt voller Ehrfurcht die Kinnlade sinken. Der Mercedes-Benz 300 Sc Roadster, Baujahr 1956, ist einer der seltensten und gesuchtesten Klassiker der Automobilkunst. Und eines von nur 49 weltweit gebauten Modellen ist im Altkreis Rotenburg unterwegs – aber nur bei gutem Wetter.

„Ja, es war damals Liebe auf den ersten Blick“, sagt der Eigentümer dieses Autos, das wohl zu den wertvollsten in Deutschland gehört. Aus verständlichen Gründen will der Mann seinen Namen und auch seinen Wohnort nicht in der Zeitung lesen – zu groß ist die Befürchtung, dass es Autofans gibt, die den Traum aus Lack und Leder nicht nur bestaunen wollen. Also heißt der Mercedes-Fahrer für uns schlicht Herr Müller.

Wir schreiben das Jahr 1986, als Müller mal wieder in den USA unterwegs ist. Zuhause in Deutschland wartet bereits ein ganzer Fuhrpark auf Bewegung, aber im Promi-Wohnort Beverly Hills bei Hollywood läuft, beziehungsweise fährt, Müller der Roadster über den Weg. „Der oder keinen“, sagt er sich, macht den Besitzer ausfindig und überredet ihn, dass ein Auto dieser Baureihe doch in dem Land rollen sollte, wo es einst die Hallen der Mercedes-Benz-Manufaktur in Stuttgart-Untertürkheim verlassen hatte. Der Preis? Darüber spricht man in diesen Kreisen nicht.

Ein Star unter den Sternen, die jemals das Mercedes-Benz-Werk in Stuttgart verlassen haben.

Per Schiff wird das wertvolle Stück von Übersee nach Norddeutschland gebracht, wo es Müller in Empfang nimmt und gleich in einer gesicherten Garage verschwinden lässt. „Ich wollte mit dem Auto ja nicht vor den anderen angeben.“

Aber nach ein paar Tagen juckt es in den Fingern und er lässt die 175 Pferde des Drei- Liter-Sechszylinders auf den Landstraßen der Lüneburger Heide galoppieren. „Dort fahre ich auch heute noch am liebsten“, sagt Müller 32 Jahre später. Aber trotz einer möglichen Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h gleitet er mit dem 1,8 Tonnen wiegenden Oldtimer der Spitzenklasse „immer so mit 90 durch die Lande“. Zwischendurch geht es allerdings auch mal in die Alpen, wo Müller an der Kitzbühel-Rundfahrt, einer Art Rallye für etwas betagtere Luxuskarrossen teilnimmt. Auch dort ist der Mercedes ständig von Fotografen der Fachpresse umringt, Passanten zücken ihre Handys und manche wollen auch nur mal den dunkelblauen Lack berühren.

Das Auto rollte einst durch Hollywood.

Ein 4,70 Meter langes Blechkleid dieser Farbe hat der Benz allerdings nicht immer getragen. „Er war elfenbeinfarbig. Aber das war nicht mein Ding. Ich finde dieses tiefe Blau einfach schick“, sagt Müller, der damals einen auf Oldtimer spezialisierten Lackierer ausfindig machen musste. Ansonsten ist alles original an der automobilen Rarität. „Denn das macht schließlich auch den Wert des Wagens aus. Ich lasse ein Originalteil, das tatsächlich auch mal kaputt geht, lieber zehnmal reparieren, als es nachbauen zu lassen.“

Obwohl von dem Cabriolet zwischen 1956 und 1958 nur 49 Exemplare gebaut wurden, ist die Versorgung mit Ersatzteilen nicht so schwierig wie man denken könnte. „Einige Teile sind baugleich mit denen aus der Limousine. Wenn nicht, braucht man jemanden, der einen kennt, der einen anderen kennt“, so Müller schmunzelnd.

Sein Auto hat im Oktober 1956 bei Mercedes 36 500 Mark gekostet. Das war damals das teuerste Fahrzeug eines deutschen Herstellers und übertraf in dieser Hinsicht sogar den legendären Flügeltürer, den Mercedes-Benz 300 SL, der für 29 000 Mark in den Läden stand. Für Normalverdiener waren allerdings beide Modelle unerschwinglich. Der durchschnittliche Monatslohn lag 1956 bei 200 Mark. Das überarbeitete Modell, intern 300 Sc genannt, verfügt zur Gemischbildung nicht mehr über drei Vergaser, sondern hat stattdessen eine Benzindirekteinspritzung – die erste weltweit in einem Serienmodell.

Das Lenken ist in dem Traumwagen noch echte Arbeit.

„12,5 Liter Sprit verbraucht das 62 Jahre alte Auto im Durchschnitt“, informiert Müller, der gerade rund 200 000 Kilometer auf dem Tachometer abgelesen hat. In dem Wagen kann der Fan solcher Vehikel den luxuriösen Innenraum genießen: Poliertes Holz-Armaturenbrett, gefräste Aluminiumknöpfe, die sich satt schalten lassen, ganz viel Chrom und ein riesiges Lenkrad, mit dem das Steuern noch echte Arbeit ist. Geschaltet wird die automobile Sänfte mit vier Gängen. Das Bremspedal verträgt einen kräftigen Tritt, weil Trommelbremsen den Roadster zum Stehen bringen.

Natürlich habe es schon viele Anfragen gegeben, ob er das Cabriolet verkaufen möchte, sagt Müller, der sich aber trotz seines etwas fortgeschrittenen Alters nicht von seinem Liebling trennen wird. „Denn es ist kein Gebrauchsgegenstand und gehört einfach zur Familie.“

Was sein 300 Sc heute wert ist, will Müller natürlich nicht verraten. Wer das wissen möchte, muss schon mal das Internet bemühen oder in einschlägigen Fachzeitschriften blättern. Nur eins ich sicher: Tendenz steigend.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Auf den Trümmern einer Brücke: die Bühne der Populisten

Auf den Trümmern einer Brücke: die Bühne der Populisten

Gedenken der Opfer des Gladbecker Geiseldramas in Heiligenrode

Gedenken der Opfer des Gladbecker Geiseldramas in Heiligenrode

Gladbecker Geiselnahme: Geblieben sind Schmerz und Trauer

Gladbecker Geiselnahme: Geblieben sind Schmerz und Trauer

Aufbau für jbs-Maisfeldfete und Oldie-Abend in Westeresch

Aufbau für jbs-Maisfeldfete und Oldie-Abend in Westeresch

Meistgelesene Artikel

„Laut & draußen“-Festival auf dem Kalandshof bleibt vom Unwetter verschont

„Laut & draußen“-Festival auf dem Kalandshof bleibt vom Unwetter verschont

Lars Kühnast und Meike Loewel holen sich die Titel

Lars Kühnast und Meike Loewel holen sich die Titel

Erfolgsgeschichte: Rotenburg kommt beim Stadtradeln auf Platz eins

Erfolgsgeschichte: Rotenburg kommt beim Stadtradeln auf Platz eins

Gasalarm am Brockeler Bussardweg - Baggerfahrer reißt Leitung auf

Gasalarm am Brockeler Bussardweg - Baggerfahrer reißt Leitung auf

Kommentare