Rollstuhlfahrer erfährt eher durch Zufall, was ihm zusteht

Christian Walter: „Sonst bin ich hier in Vissel gefangen“

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Christian Walter will nicht die meiste Zeit nur zu Hause verbringen, sondern zumindest auch mal in die Nachbarorte reisen. Fahrten stehen ihm laut Gesetz auch zu, nur das Angebot fehlt.

Visselhövede - Von Joris Ujen. Christian Walter möchte einen Kinofilm sehen und anschließend eine Gaststätte aufsuchen. Eine Abendgestaltung, die für die meisten Menschen mit wenig Aufwand verbunden ist. Doch der Visselhöveder ist seit Mitte vergangenen Jahres an den Rollstuhl gebunden und hat seitdem die Stadt nach eigenen Angaben nicht verlassen können. Wie er durch Zufall in einer Facebookgruppe erfahren hatte, hat er als Schwerbehinderter allerdings einen Anspruch auf Fahrten in die nahegelegenen Orte. „Barrierefreie Teilhabe an kulturellen Veranstaltungen“ genannt. „Diese Informationen werden von den Krankenkassen kaum oder gar nicht publik gemacht“, kritisiert der 47-Jährige.

125 Euro im Monat stünden Christian Walter monatlich für solche Fahrten zu, die von der Krankenkasse abgerechnet werden. Nur wer darf ihn fahren und wer bietet überhaupt diesen Service an? Die Pflegedienste zum Beispiel. Nur sei speziell in Visselhövede dieses Angebot nicht wirklich realisierbar. „Wir bieten das auch an, aber nur begrenzt“, sagt Heike Rathmann, Geschäftsführerin des Visseler Pflegedienstes. Das liege vor allem am Personalmangel für diese Sonderfahrten. Zudem sollten die Fahrer eigentlich auch einen Personenbeförderungsschein besitzen. „Die Pflegekassen sagen, dass diese Fahrdienste übernommen werden müssen. Laut den Versicherungen sei das aber nicht geklärt“, so Rathmann weiter. Es müsse auch vereinbart werden, wer die Oberaufsicht für die zugelassenen Fahrer übernimmt. Für diese Koordinierung sei ebenfalls eine Bescheinigung vonnöten, die laut Rathmann jedoch mit viel Aufwand verbunden ist.

Pflegedienstleiterin der Diakonie-Sozialstation Visselhövede-Bothel, Bettina Rück, könne die Fahrten ebenfalls nicht anbieten: „Ich kriege ja kaum meine Pflege versorgt. Wie sollen wir dann diese Fahrten leisten?“ Ihrer Aussage zufolge sei auch kein Pflegedienst dazu verpflichtet, wenn er es schlichtweg aufgrund von Personalmangel nicht leisten kann. Das sehe Christian Walter auch ein. „Die Pflegedienste müssten ja auch Fachkräfte bereitstellen, die eigens für die Touren jederzeit abrufbar sind.“ Der 47-jährige Visselhöveder, bei dem im Jahr 2000 die Erkrankung Multiple Sklerose diagnostiziert wurde, ist enttäuscht von dem fehlenden Angebot, zeigt aber auch Verständnis für die Situation der Einrichtungen. Eine Lösung seiner Problematik habe er beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) gefunden, das solche Fahrten leisten könne. „Sonst bin ich hier in Vissel gefangen. Einer Stadt, die meines Erachtens nach nicht sonderlich behindertengerecht ist. Barrierefreie Toiletten sind hier beispielsweise Mangelware.“ So müsse er immer darauf achten, in der Nähe seiner Wohnung zu bleiben, wenn er draußen ist.

Demnächst möchte er das Angebot des DRK nutzen und in Walsrode einen Film mit seiner Freundin schauen. Ihm sei es wichtig, dass auch andere Schwerbehinderte die Fahrdienste zu kulturellen Veranstaltungen in Anspruch nehmen und überhaupt von der Möglichkeit wissen. „Dass kaum einer davon weiß, liegt an den Krankenkassen“, ist er sich sicher.

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