Polizei oft chancenlos

Autoschrauber auf Abwegen: „Berufskriminelle“ auf der Jagd nach teurer Technik

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Pascal Prange: „Die Täter brauchen nur einen Schraubendreher und einen Seitenschneider“.

Visselhövede - Nachts um drei an der Visselhöveder Bahnhofstraße: Mit einer geräuscharmen Akkusäge schneidet ein Autoknacker ein Loch in die Stoßstange eines Fünfer-BMW. Genau so groß, dass er mit einer Zange ein dahinterliegendes Kabel durchknipsen kann. Das versorgt die Hupe des Autos mit Strom – unter anderem genau dann, wenn in das Fahrzeug eingebrochen wird. Aber ohne Strom kein Alarmhupen.

So schlägt der Mann unbemerkt eine Seitenscheibe ein, was aufgrund der Folien-Glas-Verbindung auch nicht viel Krach macht, und entriegelt die Motorhaube. Im Innern des Autos reißt er das Navigationsgerät und das Radio aus dem Armaturenbrett. Die elektrischen Außenspiegel und die teuren LED-Scheinwerfer werden binnen weniger Minuten abgeschraubt und die Verkabelung per Seitenschneider durchgeknipst. Vermutlich nach nicht einmal einer halben Stunde steht der BMW halb nackt auf seinen Rädern. Der Unbekannte ist verschwunden und der Eigentümer des Autos entdeckt den Schaden, der in die Zehntausende gehen kann, erst am nächsten Morgen.

Keine Szene aus einem Krimi, sondern eine vom vergangenen Wochenende mitten in der Stadt. „Das sind schon echte Experten. Die brauchen keine 15 Minuten, um die Teile auszubauen, auf die sie es abgesehen haben“, sagt Pascal Prange, Juniorchef des Visselhöveder Autohauses Dettmer. Und der 24-jährige Kfz-Meister kennt sich gerade mit den Modellen der bayerischen Autoschmiede aus, aus, schließlich hat er bei BMW-Cloppenburg seine Ausbildung gemacht.

Um das Kabel der Alarmanlage zu kappen, haben die Unbekannten die Stoßstange aufgesägt.

„Besonders begehrt sind die Teile aus der Fünfer- und Siebener-Modellreihe sowie die Autos mit dem M-Paket. Denn bei denen kosten die Schweinwerfer und auch die elektronischen Bauteile wie Navis oder Außenspiegel richtig viel Geld“, so Prange. Gefragt seien auch die Multifunktionslenkräder, die heutzutage eine Vielzahl von Systemen im Auto steuerten. „Außerdem sitzt dort auch einer der Airbags drin, der ebenfalls auf den Auftragszetteln der Autoknacker steht“, weiß der Fachmann.

Denn die kleinen Luftsäcke, die im Ernstfall Leben retten sollen, werden dringend benötigt. „Oft werden sie für Autos benötigt, die einen Unfallschaden hatten“, informiert Rotenburgs Polizeisprecher Heiner van der Werp. „Das sind keine Gelegenheitsdiebe, die sich nachts an den teuren Autos zu schaffen machen, sondern Berufskriminelle, die Erfahrung haben.“

Hintermänner wohl oft im osteuropäischen Ausland

Van der Werp vermutet, dass die Hintermänner oft im osteuropäischen Ausland sitzen, die ihren speziellen Mechanikern in Deutschland ganz klare Anweisungen geben, welche Teile von welchem Modell sie abbauen sollen.

Gefasst würden sie in den seltensten Fällen: „Die tauchen in einem Ort irgendwo auf, knacken die Autos, bauen die Sachen aus und sind sofort über alle Berge. Wir haben oft nur die Chance, die Täter zu fassen, wenn Zeugen etwas beobachtet haben.“ Van der Werp bekommt von seinen Kollegen, die diese dreisten Diebstähle aufnehmen, immer wieder zu hören, dass die Täter sehr professionell vorgingen, und die Teile fein säuberlich ausbauen würden. „Im Prinzip erstklassige Autoschrauber, die angesichts des Facharbeitermangels ihr Geld sicherlich auch auf legalem Wege verdienen könnten“, glaubt der Polizist.

Der Innenraum des BMW nach dem unerwünschten Besuch der Autoknacker. 

Dass die Ganoven aber nicht immer die feine Klinge schwingen, hat der Eigentümer des Fünfer-BMW an der Visselhöveder Bahnhofstraße feststellen müssen. Dort wurde der Innenraum des Autos komplett verwüstet. „Dann ist der Schaden natürlich noch viel größer“, sagt Pascal Prange. Denn alles was rechts und links des begehrten Objekts wie zum Beispiel dem Navi oder den Schweinwerfern verbaut sei, werde einfach rausgebrochen. Kabel und dergleichen einfach gekappt. „Den Jungs ist der Schaden ja egal, die wollen nur das Teil“, sagt Prange.

Aber so nackt können die Teilediebe mit den modernen Hochleistungsleuchten noch nichts anfangen. „In ihren Werkstätten brauchen sie IT-Spezialisten, die die Lampen und andere Geräte zunächst einmal einlesen und decodieren müssen, bevor sie mit den bestehenden Steuerungssystemen des restlichen Autos verbunden werden können. Sonst kriegen sie den Wagen nicht zum Laufen und die Lampe nicht zum Leuchten“, erklärt der Experte.

Alarmanlagen können außer Betrieb gesetzt werden

Alarmanlagen könnten zwar schützen, aber wenn sie so außer Betrieb gesetzt würden, wie an der Visselhöveder Bahnhofstraße, sei kaum etwas gegen die Diebe auszurichten. „Die kennen sich exakt mit den Modellen und den vielen Sonderausstattungen aus. Einige Autos haben eine Innenraumüberwachung, da muss schon das Hupsignal ausgeschaltet werden. Andere Alarmanlagen sichern nur einen Teil der Scheiben ab, aber nicht alle. Und die Täter wissen genau, dass ein kleines Seitenfenster der hinteren Tür eines bestimmten Modells eben nicht Alarm schlägt, wenn es zerbrochen wird“, so Prange.

Zum Glück deckt die Teilkaskoversicherung den Diebstahl der Teile und auch die Schäden durch Vandalismus ab, berichtet Malte Flammann von der Visselhöveder Allianz-Versicherung. „Allerdings abzüglich der individuell vereinbarten Selbstbeteiligung.“ Schwierig werde es hingegen, wenn das Auto schon ein wenig älter sei und der angerichtete Schaden höher ausfalle, als der Restwert des Autos. „Dann ist es ein wirtschaftlicher Totalschaden und die Versicherungen rechnen über den Restwert des Fahrzeugs ab“.

Natürlich würden die Autos, deren Anbauteile bei den Ganoven sehr begehrt seien, in den Typenklassen der Versicherungen ganz anders eingestuft. Da koste ein etwas älterer Siebener-BMW natürlich immer noch erheblich mehr Beiträge als ein neues Auto einer asiatischen Marke. „Und es gibt auch regionale Einstufungen. In Gegenden mit vielen dieser Delikte ist es teurer als bei uns auf dem Land“, so Flammann, der sein eigenes Auto immer in der Garage parkt.

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