Interview mit Gründern

Theater Metronom: „Es hat sich einfach so ergeben“

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Der Zirkuswagen, mit dem Karin Schroeder und Andreas Goehrt früher unterwegs waren, hat genau wie die beiden in Hütthof eine Heimat gefunden.

Ein Vierteljahrhundert wurde auf dem Hof im Zwölf-Seelen-Ort Hütthof in einer ehemaligen Treckerhalle Theatergeschichte geschrieben. 32 Eigenproduktionen, zahlreiche Gastspiele, Symposien und Workshops gingen hier bis heute über die Bühne.

Hütthof – Das Theater Metronom ist seit Langem eine feste Größe im kulturellen Geschehen der Region. Zum 25. Jubiläum halten die beiden Gründer und Betreiber Karin Schroeder und Andreas Goehrt für uns Ein-, Rück-, und Ausblicke.

Frau Schroeder, Herr Goehrt, wenn Sie vor 25 Jahren in die Zukunft hätten blicken können – hätten Sie geglaubt, was Sie da sehen?

Karin Schroeder: Nein. Wir haben hier angefangen mit dem „Narrenschiff“, einer Co-Produktion mehrerer Theaterschaffender. Hütthof war als Probestätte gedacht. Ich hätte nicht gedacht, dass wir hierbleiben. Aber dann kam der Ruf der Bevölkerung: „Ihr könnt uns doch nicht anfüttern und dann wieder verschwinden!“ Die erste kleine Spielreihe hieß dann „Das kleine Dezembertheater“ und bestand aus vier Produktionen – und alle Aufführungen waren gleich voll.

Andreas Goehrt: Wir waren ja vorher schon relativ sesshaft, nur eben mit einem Zirkuswagen in der Nähe von Worpswede. Es ist nicht so, dass wir völlig aus einer vagabundierenden Szene stammen. Aber dass sich so schnell ein fester Spielort etablieren lassen würde, hätten wir nicht gedacht. Das war eine gemeinsame Entwicklung mit unseren Zuschauern und der Region. Es hat sich einfach so ergeben. Einen Spielort in einem Ort mit 16 Einwohnern zu installieren, auf die Idee kommt ja keiner.

War das einfach ein günstiger Zeitpunkt in der Theaterlandschaft oder wäre das heute auch noch so möglich?

Goehrt: Zu dem Zeitpunkt war das kulturelle Angebot in der Region schon etwas dünner. Es gab noch nicht diese Veranstaltungsdichte – insofern war es leichter, weil ein größeres Vakuum und ein größerer Hunger bestanden. Trotzdem glaube ich, wenn heute jemand mit einer guten Idee kommt und eine Nische besetzt, dass er durchaus seine Chancen hat.

Ein Vakuum, das heute durch Medien wie Netflix gestopft wird?

Schroeder: Was den Leuten gefällt, ist, dass Theater auch Treffpunkt ist, wo man danach im Foyer Stücke und Themen diskutiert und mit den Schauspielern ins Gespräch kommt. Das wird heute immer wichtiger. Wir sind ein Stein im Gefüge gegen die Vereinsamung.

Goehrt: Die zweidimensionalen Medien wie Kino und Internet stellen immer noch etwas anderes dar als Theater in seiner Räumlichkeit. Möglich, dass das auch mal uninteressant wird – das unterliegt ja auch irgendwelchen Schwankungen, die spüren wir auch. Ich wehre mich aber immer dagegen, beide Formen gegeneinander auszuspielen. Es ist schwer vergleichbar. Klar, um ins Theater zu gehen, muss man sich auf den Weg machen – das ist hier im ländlichen Raum mit weiten Wegen eine andere Entscheidung als in einer großen Stadt. Da ist es einfacher, vor dem PC sitzen zu bleiben, aber das ist irgendwann karg.

32 Eigenproduktionen in 25 Jahren – erinnern Sie sich gern an bestimmte Stücke? Und stellen Sie eine Entwicklung fest?

Goehrt: Es gibt Stücke, die eine ganz eigene Atmosphäre haben und uns ganz lieb sind. „Der letzte Flug“ zum Beispiel. Lange Zeit „Die Zirkusreiterin“, „Oskar und die Dame in Rosa“, „Niemand heißt Elise“, „Däumelin“ und „Emmas Glück“. Natürlich kann man sich nicht ständig toppen und es gibt eine Unterschiedlichkeit in der Schreibweise. Da probieren wir uns aus, bieten eine bestimmte Vielfalt. Interessant finde ich bei unseren Stücken im Rückblick, dass manchmal Themen angesprochen werden, bei denen wir gesellschaftlichen Fragestellungen ein Stück voraus waren. Zum Beispiel „Blackout“ – das war zwar kein neues Thema, aber wir fanden es faszinierend, zwei Jahre später in der Zeitung zu lesen, dass in ganz Südamerika und kurz danach in Berlin der Strom ausgefallen sei – wo man denkt: Hui, überholt uns die Geschichte jetzt womöglich? Oder bei der „Geschichte eines Soldaten“, wo wir die Abhängigkeit der Landwirtschaft von den großen Konzernen angesprochen haben – bildhaft als den Verkauf der Seele an den Teufel. Ein Thema, das immer aktueller wird. Im „Tod eines Hausmeisters“ 1995 habe ich schon den wirtschaftlichen Protektionismus von China angeprangert. Damals war nicht absehbar, was für Ausmaße das annehmen würde.

Gab es Meilensteine in Ihrem Schaffen?

Goehrt: Auf jeden Fall die Festivaleinladungen und Auslandstourneen. Es ist natürlich so, dass wir hier in Hütthof in unserem geschützten Rahmen wohlbehütet unsere Arbeit machen. Und in dem Moment, wo wir in die weite Welt getragen werden mit unserer Arbeit, ist das natürlich sauaufregend. Weil wir uns dann auch der weiten Kulturwelt stellen. Da sitzen nochmal ganz andere Leute als in Hütthof. Nicht unbedingt klügere, aber theater-erfahrenere Menschen mit einem ganz anderen Blick darauf, was wir da tun. Und da ist es ein Meilenstein zu merken: Unsere Arbeit hat auch außerhalb Bestand und wird wertgeschätzt. Und dann ist es natürlich auch die Umgebung, die kulturell spannend ist.

Zuhause haben Sie ein großes, treues Stammpublikum, von dem man weiß, wie es tickt. Erleben Sie vor ganz anderem Publikum auch Überraschungen?

Goehrt: Wenn, dann ist das teilweise kulturell bedingt. Die Japaner sind zum Beispiel sehr zurückhaltend im Theater. Wenn man bei einem Stück, das sonst Reaktionen hervorruft, auf einmal null Resonanz hat, ist man auf der Bühne natürlich erstmal ein wenig irritiert.

Schroeder: Der Ausbruch kam erst beim Schlussapplaus, und dann haben sie nicht mehr aufgehört. Bei „Däumelin“ haben sie auf dem Festival genauso reagiert wie hier.

Wo Sie gerade dieses Stück ansprechen: Hat sich Ihre Erzählweise, aber auch der Einsatz technischer Mittel verändert, Stichwort Multimedia?

Goehrt: Ja, das wird natürlich auch durch die allgemeine Entwicklung beeinflusst. Der Einsatz von Multimedia im Theater ist ja keine Erfindung von uns und nichts Neues und wird ja auch schon länger verwendet. Bei unserem Krimi 1994 haben wir schon mit Super-8-Filmen gearbeitet, insofern waren wir schon immer recht modern. Wenn wir jetzt bei „Däumelin“ damit arbeiten, ist das nichts Neues – schon bei „Yolo“ hatten wir fingierte Overhead-Projektoren. Dafür sind Festivals auch toll, wo man sieht: Wie arbeiten andere, welche Mittel funktionieren, welche interessieren uns?

Schroeder: Wir sind sehr streng mit uns und fragen uns in jedem Fall: Ist ein Beamer wirklich notwendig für das Stück? Wenn ja, machen wir das.

Das klingt fast schon ein wenig puristisch.

Goehrt: Ja – wenn es darum geht, Effekte um ihrer selbst willen zu erzielen, halten wir uns da gern zurück. Wenn es für die Erzählweise eine Bereicherung bedeutet und sie stützt, setzen wir sie gern ein. Zum Beispiel hat „Oskar und die Dame in Rosa“ dagegen eine sehr pure Form. Da reicht Licht und Ton, mehr darf da nicht sein. Der Rest ist Schauspiel. Jedes Stück erfordert seine Mittel. Natürlich ist der Reiz da, damit zu experimentieren.

Eine Frage, die sich viele Besucher stellen, aber wohl nicht fragen zu trauen ...

Goehrt (lacht): Nein, wir sind nicht verheiratet!

Die Frage zielt tatsächlich in die Richtung: Wenn man nicht nur Dach und Leben teilt, sondern auch Arbeitsplatz und Leidenschaft – ist das nun Fluch oder Segen?

Schroeder: Beides. Wir haben lernen müssen, Arbeit und Privatleben zu trennen. Wir haben lange gebraucht, aber wir haben Mechanismen gefunden, wie wir das hinkriegen. Manchmal klappt es auch nicht, dann sind wir wieder in der Arbeit, obwohl wir eigentlich gerade Freizeit haben. Da müssen wir streng sein mit uns, dass man auch Freizeit haben kann.

Goehrt: Zum Beispiel bei einer kleinen Produktion, wo ich Regie bei Karin mache, sagen wir ganz klar: Was hinter der Theatertür passiert, ist etwas anderes als davor. Diese Verabredung braucht es schon, weil wir bei der Bühnenarbeit ein anderes Verhältnis haben. Da können schon mal die Emotionen mit einem durchgehen, das muss dann vor der Tür vergessen sein. Die Verführung, sich permanent mit seiner Arbeit zu beschäftigen, ist natürlich groß, vor allem, wenn sich das so eng mischt und auch noch räumlich so dicht beieinander ist. Da ist die Verführung groß: schnell noch nachts ins Büro und was erledigen. Andererseits ist auch nur so in dieser Form Theater für uns leistbar.

Und Ihre persönlichen Sternstunden?

Goehrt: Es gibt so viele schöne Theatergeschichten – Sternstunden? Auf jeden Fall unvergessene Momente. So wie die vom kleinen Ensemble der Oper Berlin, das hier mit einem Opernabend gastierte. Der musikalische Leiter war extra dabei, wir hatten einen Steinway-Flügel besorgt und es herrschte eine angespannte Atmosphäre. Das Publikum wollte wissen: „Was sollen wir denn anziehen?“ Und die Sänger und Sängerinnen waren überrascht, weil sie nur eine gemischte Garderobe vorfanden – das waren sie so nicht gewohnt. Der Tenor war fürchterlich aufgeregt, weil der schützende Orchestergraben fehlte. Die ersten zwei, drei Stücke war die Atmosphäre etwas steif. Als der Tenor seine Arie anstimmen sollte, hörte man draußen plötzlich: „Muuuuhh“ – eine Kuh, die kurz vorm Kalben war. In dem Moment brach das Publikum unter schallendem Gelächter zusammen, der Pianist sackte auf dem Steinway zusammen, der Tenor bekam einen hochroten Kopf vor lauter Prusten. Von da an war das Eis gebrochen. Beide Seiten wussten, wo sie waren, nämlich in Hütthof, gegenüber vom Kuhstall. Auch da kann man gute Musik machen.

Ein Jubiläum ist ja ein guter Moment des Innehaltens. Schauen Sie eher lieber zurück oder nach vorn?

Goehrt: Zurück. Nach vorn – ein Weitblick nach vorn bringt nichts, es kann ja alles von einem Tag auf den nächsten anders kommen. Natürlich müssen wir mittelfristig unsere Spielzeiten und Produktionen planen. Und langfristig müssen wir uns natürlich schon auch überlegen, wie es mit dem Theater Metronom weitergeht. Aber ich glaube, da haben wir uns eine Freiheit erhalten, nicht zu weit nach vorn zu schauen, um auch flexibel reagieren zu können.

Gibt es langfristige mögliche angedachte Szenarien?

Goehrt: Es wäre natürlich wünschenswert, wenn wir uns eine Nachfolge erschaffen könnten. Nun sind die Verhältnisse hier allerdings so speziell, dass wir hier in der Region nicht unbedingt theaterbegeisterte Menschen finden, die auch noch bereit sind, das Risiko einzugehen, und die Menschen in den Städten können sich das glaube ich auch eher nicht vorstellen. Wir sind da etwas in der Zwickmühle: Wir haben zwar ein super funktionierendes Theater, um das uns auch viele beneiden, aber die Rahmenbedingungen sind sehr speziell auf uns zugeschnitten. Ich glaube eher an Zufälle und Begegnungen.

Schroeder: Und dafür tun wir einiges. Wir haben eine Strategie, um eine mögliche Lösung zu ermöglichen, und dokumentieren eine gewisse Offenheit.

Gibt es einen Punkt, an dem Sie nicht mehr Theater spielen würden?

Goehrt: Nein, solange ich noch krauchen kann ...

Schroeder: Meine letzte Rolle, die ich spielen möchte, ist Miss Marple. Das dauert aber sicher noch ein paar Jährchen.

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