Serie Wohn(t)räume: Visselhövederin macht Kunst aus Sperrmüll

Astrid Lamm aus Visselhövede lebt in einem Tiny-Haus und gestaltet ihren Garten mit Kunst, die aus Materialien stammen, die andere wegwerfen.
Visselhövede – Mal ist es ein meterlanges Rohrstück, mal ein Stapel Bauholz oder auch ein alter Teppich, der auf dem Sperrmüll landen sollte: Im Garten von Astrid Lamm bekommen solche Gegenstände nicht nur ein zweites Leben, sondern sogar noch eine künstlerische Note. Die Visselhövederin lebt wie mittlerweile viele andere in einem Mini-Haus auf dem Wüstenhof-Gelände unweit des Stadtkerns – in der Villa Kunterbunt, wie Nachbarn das durch seine Farben fröhlich wirkende Haus nennen.
Schon beim Betreten des kleinen Geländes schauen den Besucher eine kleine Schar Vögel an, die Astrid Lamm liebevoll und mit einem kräftigen „Moin“ versehen auf die Gartenpforte gemalt hat. Aber natürlich kommt die nicht von der Stange aus irgendeinem Baumarkt, sondern die 54-Jährige hat die Tür aus altem Holz gezimmert, das ihr Nachbarn gebracht haben. „Denn auf eine Wegwerfegesellschaft stehe ich überhaupt nicht“, sagt die Rheinländerin, die 2020 das Tiny-Haus auf einem „nackten“ Grundstück bezogen hatte.
Angefangen hat die besondere Gestaltung des Gartens mit dem Sammeln von Steinen. „Wir haben hier in der Region so viele Arten von großen und kleinen Exemplaren, die alle sicher unterschiedlich alt sind. So habe ich mich einfach auf die Socken gemacht und Steine gesammelt“, erinnert sich die gelernte Grafikerin, die sich jetzt aber auch Stück für Stück in der Kunstszene einen Namen macht. Gerade sind einige ihrer Werke im Visselhöveder Rathaus zu sehen. Die haben eine klare politische Botschaft gegen den Klimawandel und sind – wie sollte es auch anders sein – aus Dingen hergestellt worden, die andere weggeworfen haben. Unter anderem aus einem alten Federrost fürs Bettgestell.

Ist die Gartenpforte erst mal wieder dicht, geht es weiter an einem Hochbeet vorbei, das Lamm aus alten Brettern gebaut hat, die ihr die Nachbarn gebracht haben. Mittlerweile hat es sich nämlich herumgesprochen auf dem weitläufigen Gelände, dass „ich fast alles gebrauchen kann“. So finden auch die alten Schrauben aus so mancher Bodendiele wieder eine neue Verwendung.
Während das Hochbeet im Winter naturgemäß etwas karg wirkt, wird es ein paar Meter weiter wieder knallbunt. Lamm hat ein großes Poster entworfen, das eine Meeresschildkröte zeigt, die umgeben von Plastikmüll durch einen Ozean paddelt, während über ihr ein Teddy mit einer Gasmaske auf dem Gesicht sofortiges Handeln für das Weltklima fordert.
„Ja, ich war schon immer politisch und sage laut meine Meinung, die ich jetzt im etwas fortgeschrittenen Alter halt als Kunstform präsentiere“, betont die Frau, die aus Düsseldorf an die Vissel gezogen ist, weil ihre geliebtes Viertel Stück für Stück abgerissen worden war und durch schmucklose und triste Gebäude ersetzt wurde. Auch der große Freundeskreis hat sich in viele Richtungen bewegt „und meine war halt Visselhövede“. Und auch Corona habe sie dazu bewogen, mehr in der Natur zu wohnen, sagt sie, die sich „als zweite Generation des Punks“ bezeichnet.
Das Poster an dem gelben Haus aus Altholz wird oben umrahmt von einer Art Vorhang. Und der stammt vom Sperrmüll. „Das war wohl mal ein Laken oder so etwas“, vermutet die Künstlerin. Das hat sie sich einfach geschnappt und in recht flüssigen Beton getaucht, damit sich der Stoff vollsaugt, und es dann trocknen lassen. „So ist es richtig hart und bleibt in Form.“ Und umrahmt ihre Botschaft.
Gleich um die Ecke freuen sich echte Vögel über die Futterstelle, die Astrid Lamm natürlich aus alten Gläsern, Holz, Rohr und ein wenig Gummi herstellt. Die Materialien hat sie gefunden oder von ihren neuen Freunden geschenkt bekommen.

Ein bisschen Technik kommt bei ihrem Fahrradschuppen ins Spiel. Denn sie hat für das Dach einen besonderen Klappmechanismus gebaut, der sowohl ihr Fahrrad vor Witterungseinflüssen schützt, an dem sie aber auch ihre Wäsche trocknen kann. „Wenn ich etwas sehe, was auf dem Sperrmüll landen soll, kommt mir sofort eine Idee, was ich damit bauen oder künstlerisch verarbeiten könnte.“ Oft bekommen die Spender auch etwas geschenkt. „Denn wenn etwas zu mir kommt, gebe ich anderen immer etwas ab. Das ist mein Lebensmotto“, unterstreicht Astrid Lamm, die auch bei der Gruppe „Vissel for future“ aktiv ist.
Nach dem kleinen Rundgang geht es dann doch ins Warme in ihr Tiny-Haus, das getrost als „urgemütlich“ bezeichnet werden kann. Recht klein, aber gut nutzbar. „Und hier habe ich alles, was ich brauche. Weniger ist oft mehr“, sagt Lamm lachend und setzt sich an ihren Schreibtisch, um neue Grafik-Ideen oder zu entwickeln – natürlich aus alten Dingen, die andere wegschmeißen



