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Serie Wohn(t)räume: Leben in den Kinder- und Jugendwohngruppen Visselhövede

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Von: Jens Wieters

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Für die Kinder in der Wohngruppen wird der Alltag so normal wie möglich gestaltet.
Für die Kinder in der Wohngruppen wird der Alltag so normal wie möglich gestaltet. © KJW

Verwandt sind sie meistens nicht und Mama und Papa sind weit weg, aber die Bewohner der Kinder und Jugendwohngruppen Visselhövede wachsen in einer familiären Umgebung auf.

Visselhövede – Ein Zwölfjähriger sitzt am Abendbrottisch und lässt sich die Bockwurst schmecken. Der Elfjährige gegenüber drängelt schon und will endlich gemeinsam an der Playstation Fifa 22 zocken, während das Mädchen neben ihm darum nur die Augen verdreht. Eine Szene, wie sie in vielen Familien der Region fast jeden Abend zwischen Geschwistern stattfindet.

Aber diese drei sind nicht miteinander verwandt, sondern leben in den Kinder- und Jugendwohngruppen Visselhövede – und da geht es dann auch so zu wie in einer „richtigen“ Familie.

„Wir versuchen, den jungen Menschen ein Zuhause auf Zeit zu geben, in dem sie sich rundum wohlfühlen und ihre Freuden und Ängste, Sorgen und Späße genauso ausleben können wie andere Kinder auch. Sie sollen so normal wie möglich aufwachsen. Das ist unser Anspruch, der ganz oben auf unserem Einrichtungskonzept steht“, sagt Daniel Hahn, der pädagogische Leiter der Einrichtung, die mit mittlerweile rund 70 Mitarbeitern zu den größten Arbeitgebern Visselhövedes gehört.

56 Kinder und Jugendliche, die nach Problemen in schwierigen Familienverhältnissen in Visselhövede eine neue Heimat gefunden haben, sind im Haupthaus und im Bungalow an der Verdener Straße sowie in den Wohnbereichen in Schwitschen, am Alten Postweg und an der Schützenstraße und in Erziehungsfamilien untergebracht.

Serafino hat immer Zeit und Raum, um sich zum Lesen in sein eigenes Zimmer zurückzuziehen.
Serafino hat immer Zeit und Raum, um sich zum Lesen in sein eigenes Zimmer zurückzuziehen. © -

Manche Kinder würden schon im Vorschulalter, in den Erziehungsfamilien schon im Säuglingsalter, aufgenommen und blieben bis nach der Volljährigkeit im Haus. „Na klar, es baut sich durch die intensive Begleitung der Kinder in ihrer Entwicklung eine enge familiäre Beziehung zwischen Mitarbeitern und den betreuten Heranwachsenden auf. Dann fällt es schon manchmal recht schwer loszulassen, wenn ein Kind ein Alter erreicht hat, um die Gruppe zu wechseln“, erinnert Hahn.

Die Kinder entscheiden in der Regel mit, ob sie in den „Verselbstständigungsbereich“ ziehen. Oft äußern sie selber den Wunsch, zu den Älteren zu gehören, um mehr Eigenverantwortung und Freiraum genießen zu können. Manchmal bedarf es aber auch einer liebevollen Motivation durch pädagogische Fachkräfte, den neuen Schritt zu wagen.

Bei größeren Veranstaltungen wie dem regelmäßig stattfindenden Tag der offenen Tür sei es schon die Regel, dass ehemalige Kinder mit ihrer eigenen Familie anreisen, um der zu zeigen, wo sie aufgewachsen sind. Hahn: „Ich finde, das ist ein gutes Zeugnis für unsere Arbeit.“

Und überhaupt lege man bei den Kinder- und Jugendwohngruppen Visselhövede sehr viel Wert drauf, dass die jungen Leute vom Rest der Einwohner der Stadt nicht als „Heimkinder“ wahrgenommen würden: „Das klappt unter anderem auch durch den regelmäßigen Austausch mit den Schulen sehr gut, sodass wir bei fast allen in der Stadt ein gutes Standing haben. Das gilt aber sicher auch für die anderen Jugendhilfeeinrichtungen vor Ort.“

Die pädagogische Betreuung sei die eine Sache, damit sich die Kinder wohlfühlten, aber auch die nötige Infrastruktur sei dafür maßgeblich. „So haben alle Kinder ein Einzelzimmer. Maximal zwei müssen sich ein Bad teilen. Die älteren Jugendlichen haben alle ein eigenes Badezimmer“, zählt der Pädagoge auf.

Daniel Hahn ist der pädagogische Leiter.
Daniel Hahn ist der pädagogische Leiter. © Wieters

Aber in den Häuern spielt auch der Slogan „Gemeinsam statt einsam“ eine große Rolle. „In unseren gemütlich eingerichteten Stuben sitzen oft bis zu zehn Kinder zusammen, spielen Gesellschaftsspiele, sehen fern und nutzen gemeinsam Computerspiele“, berichtet die Geschäftsführerin Katrin Pape.

Denn auch sie betont, dass „ein Zuhause, in dem man sich wohl und geborgen fühlt, sich positiv auf unsere Kinder- und Jugendlichen auswirkt“. Ein sicherer Ort gebe immer sehr viel Raum für Entwicklungsmöglichkeiten, gleichzeitig hätten die Kinder die Möglichkeit, sich jederzeit in ihr eigenes Zimmer zurückzuziehen.

Ehemalige sind immer wieder zu Besuch

„Insbesondere unsere Hauswirtschaftskräfte, deren Arbeit nicht hoch genug einzuschätzen ist und die in den Gruppen bleiben und nicht wechseln, unterstützen die pädagogischen Fachkräfte und sorgen für die wichtige Infrastruktur im Alltagsleben. Immer wieder entdeckt man liebevoll gestaltete Elemente auch bei der Jahreszeit-Deko“, berichtet Pape, die auch die Hausmeister erwähnt. „Ohne die wäre alles so nicht umsetzbar. Sie sorgen dafür, dass jedes Zimmer individuell gestaltet wird.“

Natürlich gehören zum Großwerden auch Phasen mit einem ungeheuren Bewegungsdrang. „Darum wird aktuell unser Tobekeller im Haupthaus für unsere Jüngsten umgeplant und gestaltet. Da immer jüngere Kinder bei uns leben, möchten wir mehr Bewegungsmöglichkeiten mit dicken Matten, Bällebad, Sprossen- und Kletterwand schaffen“, erzählt Pape.

Ansonsten gebe es in jedem Haus einen Hausaufgabenraum, eine große Küche und ein Esszimmer. „Gruppenübergreifend gibt es für alle Jugendlichen einen Fitnessraum, ein Musikraum und für begleitete Besuchskontakte unsere Begegnungsräume mit einem Besprechungsraum, Spielzimmer und einer Küche, in der ein zusätzliches Koch- und Backangebot stattfindet.“

Auch eine tiergestützte Pädagogik ist den Mitarbeitern der Kinder- und Jugendwohngruppen nicht fremd: „Wir haben ein Areal mit einem Bauwagen. Dort fühlen sich ein Hund und vier Hühner wohl. Aber auch kein Wunder, denn sie werden von den Kindern und Jugendlichen bestens umsorgt.“

Und auch für die Fast-Erwachsenen ist gesorgt: Die können in eigenen Apartments leben mit einer Küche und Bad. „Hier lernen die jungen Menschen zunehmend, ihr Wohnumfeld selbst zu gestalten und auch zu organisieren“, unterstreicht Pape, die sich schon auf die nächsten Begegnungen mit Ehemaligen freut, die dann wiederum ihrer Familie ihre alte Heimat zeigen.

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