Gemütliches Wahllokal

„Schwarzwälderkirsch“ geht immer in Drögenbostel

Leckeres Wahllokal: Karin Glauch und Astrid Klafke servieren Schwarzwälder-Kirschtorte.
+
Leckeres Wahllokal: Karin Glauch und Astrid Klafke servieren Schwarzwälder-Kirschtorte.

Drögenbostel – „Ding dong“. Dass jemand am Wahlsonntag seine Kreuze machen will, ist im Drögenbosteler Wahllokal Gasthaus Bremer normalerweise nicht zu überhören. „Aber heute habe ich die Klingel schon früh ausgemacht, es ist einfach zu laut“, sagt Karin Glauch, die Chefin im altehrwürdigen Gasthaus im südöstlichsten Zipfel des Landkreises.

Dennoch sind die Wähler gut zu hören, denn ihre Schritte hallen auf dem steinernen Mosaikfußboden wider, der früher sicher ein Vermögen gekostet haben muss. Chrissi Wolter weiß, wohin sie muss – auch ohne die Hinweisschilder lesen zu müssen. Durch die Küche an dem alten gusseisernen Herd vorbei, dann scharf nach links in Karins Glauchs Klubzimmer, das aber ebenso wie der Saal mit dem rustikalen Charme einer gemütlichen Dorfgaststätte „leider immer weniger genutzt“ wird.

Auf dem bequemen und sicher auch für Antiquitätenhändler interessanten Sofa sitzen Martin Eimer, Astrid Klafke und Ortsvorsteher Michael Meyer. Die drei schieben Dienst in dem Wahllokal, wo die Wähler keinen Personalausweis vorlegen müssen, um ihre beiden Kreuze in der Wahlkabine zu machen, die zwar etwas wackelig, aber blickdicht zwischen Kühltruhe und Bücherregal aufgebaut ist – man kennt sich halt. „Wir haben 99 Wahlberechtigte bei 120 Einwohnern“, informiert Ortvorsteher Meyer.

Chrissi Wolter holt sich den Wahlschein bei Martin Eimer (l.), Astrid Klafke und Michael Meyer ab.

Der will noch weiter ausholen und die Geschichte des Dorfs seit Adam und Eva erzählen, als plötzlich leckerer Kaffeeduft den Raum erfüllt, der mit seinem sechs mal drei Metern auch zu Corona-Zeiten ausreichend dimensioniert ist. Aber wie es sich auf dem Dorf seit Generationen gehört, bleibt es nicht beim Kaffee. So lassen sich zumindest die erwartungsfrohen Blicke deuten, die der Wahlvorstand in Richtung Tür zur Gaststube schickt, wo eingefleischte HSV-Fans gerade das 2:0 von Dynamo Dresden mit Herforder Pils aus Flaschen bejubeln. Schließlich spielen die Sachsen gegen Werder Bremen dem Erzfeind der meisten Hamburger.

Wie auf Kommando kommt Karin Glauch um die Ecke und präsentiert die wohl beste Schwarzwälder Kirschtorte nördlich von Tübingen, wo die Leckerei angeblich mal erfunden sein soll. Auch Astrid Klafke serviert gekonnt und ohne Umfaller die schmalen und hohen Tortenstücke, die sich Wahlvorstand und Zeitungsmann auf Sofa und Sessel unter der ebenfalls antiken Wanduhr schmecken lassen, während nebenan erneut gejubelt wird.

Um kurz nach drei ein nächster Höhepunkt in dem besonderen Wahlraum mit dem unschlagbaren Lokalkolorit. Und es ist nicht die Tatsache, dass Eimer und Meyer bereits auf das nächste Stück Torte schielen, sondern dass gerade der 51. Wähler den Weg zum weinroten Sofa und dem Ausziehtisch gefunden hat, dem man ansieht, dass er viele Geschichten erzählen könnte.

„Denn jetzt brauchen wir die Wahlurne um kurz nach sechs nicht nach Hiddingen fahren, um sie dort auszählen zu lassen“, jubelt Meyer, der aufgrund der 24 Briefwähler mit einer Wahlbeteiligung von „mehr als 70 Prozent“, rechnet.

Bürgermeisterwahl ist Thema

Wären es nämlich nur 50 Urnengänger gewesen, die ihre Stimmen persönlich abgegeben hätten, wären die Wahlscheine im Nachbarort gezählt worden. „Der Bundeswahlleiter will auf diese Weise das Wahlgeheimnis wahren, weil bei einer sehr geringen Wahlbeteiligung eventuell Rückschlüsse zu ziehen sein könnten, wer was gewählt hat“, informiert Meyer, der es besser finden würde, wenn die Zahl auf 30 gesenkte werden würde. „Da sollte bei den nächsten Wahlen geändert werden.“

Das ist zwar noch lange hin – zumindest bis der Bundestag erneut gewählt wird, aber Eimer, Klafke und Co. werden schon in sechs Monaten wieder auf dem Sofa sitzen und von Karin Glauch „hoffentlich wieder“ mit Schwarzwälder Kirschtorte versorgt werden. „Denn dann steht die Visselhöveder Bürgermeisterwahl an. Die besonderen Verhältnisse rund um die gescheiterte Wahl des Verwaltungschefs vor zwei Wochen ist natürlich auch Thema zwischen Kaffee, Torte und Wahlzettel austeilen. „Kann gut sein, dass es nicht bei einer Wahl bleibt, sondern wir Mitte März sogar noch eine Stichwahl zählen müssen“, gibt sich Michael Meyer geheimnisvoll. Dass das wohl eher bei drei Kandidaten der Fall sein wird, will der amtierende Visselhöveder CDU-Gemeindeverbandsvorsitzende nicht kommentieren – und auch Namen lässt er sich nicht entlocken. Muss er auch nicht, denn der März ist noch weit weg und heute geht es Wurst im Bund – oder doch um die Torte?

Karin Glauch jedenfalls freut sich, dass alle zufrieden sind: Der Wahlvorstand, der Reporter und auch die HSV-Fans im Kneipenraum: „Obwohl unser 2:2 gegen Nürnberg zu wenig ist. Aber die Hauptsache ist, dass Bremen verloren hat.“

Und weil alle so glücklich sind in dem kleinen Dorf, schaltet die Wirtin auch die Kirchengeläut-Klingel wieder ein. „Ding dong“ hallt es bereist einige Augenblicke später wirklich laut durch die Kneipe. Gerd Desens ist da, der 52. Wähler.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Karpfen werden umgesiedelt

Karpfen werden umgesiedelt

Impressionen vom Bremer Freimarkt 2021

Impressionen vom Bremer Freimarkt 2021

Dampftag im Kreismuseum

Dampftag im Kreismuseum

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Meistgelesene Artikel

Westerwalseder sauer auf die Nachbarn

Westerwalseder sauer auf die Nachbarn

Westerwalseder sauer auf die Nachbarn
Mit dem 22-Tonnen-Maishäcksler auf dem Acker unterwegs

Mit dem 22-Tonnen-Maishäcksler auf dem Acker unterwegs

Mit dem 22-Tonnen-Maishäcksler auf dem Acker unterwegs
„Mit Freunden“-Festival trotzt Unwägbarkeiten

„Mit Freunden“-Festival trotzt Unwägbarkeiten

„Mit Freunden“-Festival trotzt Unwägbarkeiten
Gemeinsam im Kiez

Gemeinsam im Kiez

Gemeinsam im Kiez

Kommentare