Nach drei Jahren und „beispielhafter Integration“

Schule will Abschiebung serbischer Familie verhindern

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26 Schüler aus elf verschiedenen Ländern werden in den Sprachförderkursen der Visselhöveder Oberschule unterrichtet. Lehrer und ehrenamtliche Helfer betonen, dass Sprachbarrieren keine Lernbarrieren sein müssen.

Visselhövede - Von Jens Wieters. Neun Kinder hat die Familie H. (Name der Redaktion bekannt). Einige besuchen die Grundschule und den Kindergarten Visselhövede, der älteste Sohn die Berufsbildenden Schulen in Rotenburg und die drei mittleren Kinder im Alter zwischen elf und 16 Jahren die Oberschule (OBS). „Der Vater hat Arbeit in der Landwirtschaft, die Kinder sind bestens in den Klassenverbänden integriert. Darum ist es unverantwortlich, dass die Familie aus Serbien jetzt von der Abschiebung bedroht ist“, sagen Sonja Bartels und Martin Pape, beide Lehrer an der OBS, die sich seit Jahren nicht nur um die Familie H. kümmern, sondern insgesamt 26 Schülern aus elf verschiedenen Ländern die Deutsche Sprache in den speziellen Förderklassen beibringen.

Familie H. hat nämlich ein Urteil des Verwaltungsgerichts Stade zugestellt bekommen, in dem das Gericht zu der Überzeugung gelangt ist, dass Serbien ein sicheres Herkunftsland sei und damit kein Recht auf Asyl bestünde. „Rechtskräftig ist das Urteil allerdings noch nicht, und darum haben wir eine Härtefalleingabe gemacht, um gemeinsam mit dem Anwalt der Familie zumindest aufschiebende Wirkung zu erzielen“, sagt Pape.

Am Beispiel des Elfjährigen machen Pape und Bartels deutlich, dass die Integration des vor drei Jahren mit der ersten Flüchtlingswelle in Visselhövede angekommenen Jungen „nur als beispielhaft“ bezeichnet werden könne. „Er hat seit Beginn meines Unterrichts am 1. August 2016 keine einzige Unterrichtsstunde versäumt. Er gewann schnell Zutrauen in die eigene Sprachfähigkeit und ist seitdem sehr engagiert. Dies ist vor allem darum von großer Bedeutung, dass der Junge kaum alphabetisiert war und somit über keinerlei Lese- und Schreibkompetenz verfügt hat“, listet Lehrerin Bartels in ihrer Eingabe auf.

Fachkräfte dringend benötigt

Es sei für den Elfjährigen außerordentlich ungünstig, wenn die begonnenen sozialen und fachlichen Lernprozesse durch eine Abschiebung beendet würden. „Zudem wären die psychischen Folgen für das Kind unkalkulierbar. Es muss auch berücksichtigt werden, dass es in seiner Muttersprache über keinerlei Lese- und Schreibfähigkeit verfügt und auch von seinen Eltern keine Unterstützung erwarten kann“, so Bartels, die gemeinsam mit den Lehrkräften Martin Pape und Janika Hogrefe sowie den ehrenamtlichen Helfern Brigitte Berger, Irmgard Friedrichs und Hans Gamperl die Sprachförderkurse betreut – überwiegend für Jugendliche, die ebenfalls Asyl beantragt haben.

Wollen die Abschiebung der Familie H. verhindern (v.l:) Gerard Dyck, Astrid Enger, Martin Pape und Sonja Bartels.

„Wir werden von der Landesschulbehörde gefördert, die seit dem neuen Schulhalbjahr die Lehrkraft Astrid Enger bezahlt“, informiert Schulleiter Gerard Dyck. Für ihn ist es ein politisches Problem: „Es kann ja erstens nicht sein, dass die Asylverfahren wie in diesem Fall drei Jahre dauern und zweitens wird auch eine Menge Geld für die Sprachförderung bereitgestellt, um die Leute später dennoch abzuschieben, obwohl wir in Deutschland dringend Fachkräfte brauchen.“

Das sei auch für seine Kollegen frustrierend und koste eine Menge Kraft, wenn „man den Kindern drei Jahre lang voller Hoffnung die Sprache und das Leben in unserem Land vermittelt hat, und dann erfährt, dass die Abschiebung droht.“ Dyck hat einen Tipp für die Entscheider in Berlin parat: „Die, die bereits in unserem Land sind, fördern und bei denen, die vielleicht noch kommen, sicherstellen, dass eine schnelle Asyl-Prüfung erfolgt.“

Deutsch als Zweitsprache

„Es sind viele Steuergelder und viel Engagement investiert worden, ohne dass die Gesellschaft einen langfristigen Erfolg von Integration erleben kann, in dem die Jugendlichen zum Beispiel eine Ausbildung im Handwerk oder in einem Pflegeberuf aufnehmen“, betonen die OBS-Lehrer, die im Fall der Familie H. öffentlichkeitswirksame Protestaktionen in Erwägung ziehen, wenn die Abschiebung tatsächlich umgesetzt werden soll.

Das DaZ-Lehrerteam (Deutsch als Zweitsprache) will sich aber durch solche Geschehnisse wie am Beispiel der Familie H. nicht unterkriegen lassen. „Jetzt erst recht“, sagt Sonja Bartels, die mit ihren Kollegen weiter mit viel Engagement daran arbeiten will, dass die Schüler das international anerkannte Deutsche Sprachdiplom B1 schaffen. Diese Prüfung ist bisher nur an rund 70 niedersächsischen Schulen möglich und wird seit diesem Schuljahr in der OBS Visselhövede angeboten.

„Das Diplom ist auch bei den Industrie- und Handelskammern als eine Art Gütesiegel bekannt, denn die bescheinigten Sprachkenntnisse erleichtern vielen Jugendlichen den Einsieg in ein Ausbildungsverhältnis“, hebt Lehrer Pape hervor.

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