60 MINUTEN Rückbau der Anlage „Wittorf Z1“ unter hohen Sicherheitsauflagen

Safety first

Betriebsleiterin Kati Hanack blickt auf die 101 Rohre, die der Bohrturm aus dem Loch gezogen hat.
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Betriebsleiterin Kati Hanack blickt auf die 101 Rohre, die der Bohrturm aus dem Loch gezogen hat.

Grapenmühlen – „Wir ziehen jetzt die Rohre raus, wenn Sie spontan Zeit haben, können Sie mit eigenen Augen sehen, in welchem Zustand die Stahlröhren sind“, sagt Heinz Oberlach am Telefon. Er ist Sprecher des Erdgasmultis Wintershall Dea und auch Kommunikationschef für den Rückbau der Versenkbohrstelle in Grapenmühlen bei Wittorf.

Natürlich habe ich spontan Zeit bei solch einer für den Großteil unserer Leser interessanten Tätigkeit. Schließlich wurde und wird über die Verpressanlage „Wittorf Z1“ weit über die Grenzen des Landkreises hinaus diskutiert. Viele Menschen in der Region vermuten, dass die Stahlrohre da unten, wo es niemand sieht, defekt sein könnten, und der giftige Cocktail verschiedener Flüssigkeiten bereits auf dem Weg in die vorgesehene Tiefe von 1 000 Metern in dem Bereich versickern könnte, wo das Trinkwasser aus der Rotenburger Rinne gefördert wird.

Also schnell rein ins Auto und mal eben ein Foto von den Rohren machen und ein paar Infos einholen. So ist der Plan. Aber schon die Einfahrt zur Anlage direkt an der Bundesstraße 440 ist mit rot-weißen Pylonen blockiert. In dem Container sitzt ein Pförtner, der mich freundlich, aber bestimmt zum Aussteigen auffordert.

Ohne Schutzhelm geht es nicht

Vor dem Fensterausschnitt bekomme ich ein Formular ausgehändigt, dass ich „sehr sorgfältig“, wie der Mann sagt, ausfüllen muss. Na klar, ist ja Corona-Zeit und der Pförtner ist zwar streng, aber selbst an ihm könnte sich das Virus vorbeischmuggeln. Kontaktdaten und alles andere stehen darum jetzt auf dem Zettel und auch das Kennzeichen meines Autos muss ich dem Chef des Containers ansagen. Er drückt mir einen weißen Schutzhelm und eine Brille in die Hand.

Erst dann gibt er freie Fahrt – aber nicht, ohne mir den Parkplatz zuzuweisen: „Gleich rechts auf der Schotterfläche, aber mit dem Heck zum Zaun. Damit die Autos im Notfall nicht gewendet werden müssen.“ Klingt logisch. Also parke ich vorschriftsmäßig ein und steige aus dem Auto.

Aber schon nach nur einem Schritt werde ich von Betriebsleiterin Kati Hanack abgefangen: „Hallo, schön, dass es geklappt hat. Sie müssen jetzt aber erst mal eine Sicherheitseinweisung über sich ergehen lassen. Und: Welche Schuhgröße haben Sie?“ Ich stutze kurz, aber schon schiebt mich die maskierte Blondine ein paar Meter weiter, wo mich Florian Möller aus der Abteilung Gasschutz des Förderbetriebs Gas Nord der Wintershall Dea auf dem Weg durch das kleine Containerdorf begleitet. Jetzt bin auch ich maskiert – natürlich.

Sicherheitseinweisung in abgedunkeltem Raum

Vor einem dieser Metallkästen steht ein Desinfektionsgerät, das ich benutzen muss, bevor wir in einen abgedunkelten Raum gehen. „Der Beamer ist nicht lichtstark genug“, sagt Möller, der jetzt ein Vollgesichts-Visier trägt, um „verständlicher sprechen zu können“. Eigentlich dürften wegen der Corona-Abstände nur zwei Leute im Raum sein, der vollgestopft ist mit blinkenden Messgeräten aller Art, aber an Mund und Nase geschützt sei es etwas anderes.

So kommt Kati Hanack herein. Unter dem Arm trägt sie ein paar klobige blaue Sicherheitsschuhe „in Größe 46“, die im Fall einer möglichen statischen Aufladung meiner Person den Strom in die Erde ableiten, damit ja kein Funke überspringt. Außerdem bekomme ich einen knielangen derben Kittel mit Dea-Logo drauf. Schwer entflammbar und Säure abweisend – natürlich.

Hanack setzt sich neben mich und wie gelehrige Schüler hören wir uns den Vortrag von Florian Möller an, der mit bunten Bildern und vielen, vielen schriftlichen Regeln per Licht an die Leinwand geworfen wird.

„Keine Drogen, kein Alkohol und auch kein Restalkohol im Blut sind auf der Anlage erlaubt! Natürlich müssen Sie das Handy ausschalten oder es ins Auto legen“, stellt Möller klar. Es könne ja einen Funken verursachen und es sei nicht auszudenken, was passiere, wenn trotz aller Sicherungsmaßnahmen doch Gas aus dem Bohrloch austreten würde. Möller weist darauf hin, dass einige der zwölf Mitarbeiter auf der Anlage keinen Bart tragen dürften, weil sonst die spezielle Atemschutzmaske nicht dicht auf der Haut abschließen würde. „Ganz schön ernst hier“, denke ich und reibe mit Daumen und Zeigefinger an meinem Kinn. Geht noch!

Kamera-Akku könnte gefährlich werden

Eine gefühlte Ewigkeit und einige chemische Formeln später darf ich endlich in die blauen Schuhe und den langen Kittel schlüpfen. Also nur noch Helm und Brille auf und ab geht‘s zum Foto machen. Aber da ist auch schon das nächste Problem, das es aus der Welt zu schaffen gilt: Denn eine Digitalkamera hat einen Akku, und auch der kann sich entzünden oder runterfallen und Funken schlagen. Zwar gewinne ich eher ‘ne Million im Lotto, aber Möller bleibt hart.

Er holt ein spezielles Messgerät aus der Tasche, das in meiner unmittelbaren Umgebung permanent die Luft misst, ob nicht doch ein explosives Gas meinem Fotoapparat zu nahe kommt und alle Mann fluchtartig das Gelände verlassen müssen. Ich verstehe, darum also das Auto mit dem Heck zum Zaun!

So ausgestattet gehen wir mit Abstand in die Nähe des 38 Meter hohen Turms, der die 101 Rohre nach und nach aus der Erde gezogen hat. Ich blicke zwischendurch mal kurz in den Himmel. Bei all den Eventualitäten und Katastrophen, die mir Florian Möller angedroht hat, könnte es ja sein, dass mir ein Flugzeug auf den Kopf fällt. Denn nur einige dunkle Wolken bereiten den Männern und der einen Frau auf der Anlage schon Bauchschmerzen. „Gewitter geht gar nicht. Bei solch einer Vorhersage müssen wir die Arbeiten abbrechen und sofort den Platz verlassen.“

Rohre ohne sichtbare Auffäligkeiten

Jetzt sind wir am Ziel meines Besuchs. Fein säuberlich und völlig unspektakulär liegen die Rohre aufgestapelt in einer Ecke des umzäunten Areals. Bohrmeister Randolph Dehling erläutert in groben Zügen die Arbeiten und den Rückbau der Anlage. Und jetzt darf ich endlich die begehrten Fotos von den grau-braunen Rohren machen, die weder durchgerostet sind noch sonst irgendwelche Auffälligkeiten aufweisen. Eigentlich sehen sie nur ein bisschen gebraucht aus. Zu diesem Ergebnis kommt mein laienhafter Blick.

Möllers Messgerät schlägt keinen Alarm. Ruckzuck sind die Bilder auf der Speicherkarte – ganz ohne Funkenflug. Jetzt alles wieder rückwärts: Sicherheitsschuhe aus, Turnschuhe an. Kittel aus, Kapuzenpulli an, Helm und Brille ab. Ich drücke Kati Hanack alles in die Hand, die die Sachen mit dem Spruch „Sicherheit zuerst“ entgegennimmt.

Jetzt aber schnell ins Auto, das ja zum Glück mit dem Heck Richtung Zaun geparkt ist. So bin ich schnell am Pförtner-Container. Dort räumt ein Mitarbeiter die Pylonen weg. Ich grüße lässig, biege auf die Bundesstraße und kann endlich Gas geben. Aber eines ist klar: Das nächste Mal schieße ich Bilder von der anderen Seite des Zauns, das ist bedeutend einfacher – aber vielleicht auch ein bisschen gefährlicher? Wer weiß.

Zahlen, Daten, Fakten

Die Anlage „Wittorf Z 1“ des Konzerns Wintershall Dea war 1981 als Erdgas-Produktionsbohrung damals noch vom Unternehmen RWE Dea konzipiert worden. In den folgenden Jahren entsprachen die Fördermengen in 5 000 Meter Tiefe jedoch nicht den Erwartungen, sodass 1994 die unteren 4 000 Meter verfüllt worden sind. Danach wurde die Bohrung für das bei der Erdgasgewinnung anfallende Lagerstättenwasser genutzt, das in eine Tiefe von rund 1 000 Metern verpresst wurde. Ende 2018 wurde der Betrieb eingestellt. Seitdem läuft der Rückbau der Anlage.

Aktuell steht das Modul „Verfüllung der Bohrung“ auf der Agenda. Dazu gehört auch der Ausbau des 101 Teilstücke umfassenden etwa 950 Meter langen Steigrohrs, durch das im Laufe der Jahre etwa 850 000 Liter Lagerstättenwasser in die Tiefe gepumpt worden waren. Es gehörte 1994 zur Erstausstattung der Versenkbohrung. Der Durchmesser des Rohrs aus C95-Stahl mit einer Wandstärke von 6,1 Millimetern beträgt 11,3 Zentimeter. Die Einzelstücke wiegen zusammen rund 18 Tonnen. Die Verfüllung der Bohrung und der Abbau der dafür benötigten Geräte inklusive des 38 Meter hohen Turms ist bis Ende des Jahres geplant. Der Rückbau des Betriebsplatzes und die Rekultivierung der gesamten Fläche soll im Juni 2021 beendet sein und wird dann dem Eigentümer übergeben.  

26 Jahre in der Erde sind den Rohren nicht anzusehen.

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