Ryla-Seminar „Macht der Medien“: Zeitung, Radio und TV kämpfen im digitalen Zeitalter um Existenz

Journalismus in stürmischen Zeiten

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Hendrik Brandt referierte als einer von vier Medienprofis beim Ryla-Seminar des Rotary-Clubs Rotenburg.

Rotenburg/Visselhövede - Von Lisa Duncan. Was früher Tageszeitung und Tagesschau übernahmen, läuft jetzt über andere Kanäle. „Jeder kann mit jedem zu jeder Zeit“, sagt Tobias Nehren. Als Experte für den Bereich Social Media, also Informationsverbreitung via Facebook, Twitter & Co., leitete er die Online-Kampagne für den einstigen Spitzenkandidaten der SPD, Peer Steinbrück. Nehren war einer von vier Referenten, die der Rotary Club (RC) Rotenburg zu einem Seminar zur „Macht der Medien“ ins Hotel Luisenhof nach Visselhövede eingeladen hatte. Teilnehmer dieses „Ryla“-Seminars waren junge Leute von der Schülerin bis zum Berufsangfänger.

Die Entwicklung, die Tobias Nehren beschreibt, ist nicht neu. Sie begann im Jahr 2004 mit der Verbreitung von Facebook und beschleunigte sich noch einmal durch Smartphones. Innerhalb von Sekunden verbreitete sich etwa die Nachricht über das „Charlie Hebdo“-Attentat Anfang 2015. Journalisten mussten reagieren, indem sie erstmal zusammenstellten, was in den sozialen Netzwerken herumschwirrte.

Ein Paradigmenwechsel hat sich nicht nur bei der Verteilung, sondern auch bei der Rezeption von Nachrichten vollzogen. Der „Lean-Back“ Modus, mit dem sich die Familie früher in Berieselungslaune vor dem Fernseher versammelte, sei zum „Lean-Forward“-Modus geworden. Gespannt warte man mit Blick auf das Smartphone auf Neuigkeiten, die sich viral verbreiten. Das funktioniere mit Katzenvideos, aber eben auch mit Skandalen.

Als Wahlkampfhelfer geriet Nehren 2013 selbst in diesen Strudel der Hysterie, als ein Redaktionsmitglied der Süddeutschen Zeitung in der Nacht vor der Veröffentlichung das Stinkefinger-Foto von Peer Steinbrück via Twitter rausschickte. Ein Auftritt, der dem SPD-Kanzlerkandidaten einen Shitstorm einbrachte und ihm im Wahlkampf das Genick brach.

Ein aktuelles Beispiel: Der US-amerikanische Rechtspopulist Donald Trump, der ohne Twitter nicht solchen Zuspruch finden würde. „Manche seiner Äußerungen hätte keine Zeitung gedruckt.“ Dennoch sieht Nehren die dezentrale Nachrichtenverbreitung als Chance für politische Parteien und „junge, schlaue, agile Unternehmen“.

Auf ein ähnliches Fazit kommt die ARD-Fernsehjournalistin Anna Marohn. Klassische Medien wie Fernsehen stehen in Zeitkonkurrenz zum Internet. Netzinhalte würden mit 214 Minuten täglich stärker konsumiert als TV (118 Minuten täglich). Das Aushängeschild der ARD, die Tagesschau, behaupte sich dabei noch verhältnismäßig gut.

Um künftig ihr Publikum zu halten, müssten TV-Sender auf Qualität setzen. In Zeiten, in denen das Wort „Lügenpresse“ salonfähig geworden ist, müssten sich Journalisten eine „andere Fehlerkultur“ aneignen. Dies verpflichte jedoch nicht zum endlosen Zwiegespräch mit Leuten, die an einem Dialog offenbar nicht interessiert sind.

Helge Haas, Programmchef von Bremen 4, sieht auch bei der „analogen Insel“, dem Radio, einen Trend zur Digitalisierung. Gescheitert sei bereits die Umstellung auf Satelliten- und Digitalradio. Webradio sei mobil noch nicht so gut nutzbar, weil es eine hohe Daten-Bandbreite erfordere. Aber dort sieht Haas die Zukunft. Auch an der Personalisierung von Radioprogrammen wie bei „Spotify“ führe kein Weg vorbei. Die regionale Nähe bleibe für Radiosender als Identifikationsmedium wichtig.

Über die Zukunft der Tageszeitung referierte Hendrik Brandt, Chefredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ). Der demographische Wandel und die Medienkonkurrenz führten seit Jahren zu Verlusten. Früher kamen 60 Prozent der Einnahmen über Werbung und 40 Prozent über den Vertrieb zustande. Heute habe sich das Verhältnis umgekehrt.

Die Madsack-Mediengruppe, die die HAZ herausgibt, habe neue Einnahmen etwa über Druckdienstleistungen und Digitalgeschäft generiert. Einst eigenständige Vollredaktionen, die den Mantelteil der Zeitung erstellen, wurden zusammengelegt. Es sei denkbar, dass die Papierzeitung sich irgendwann nur noch auf einen Wochentag konzentrieren werde. Gleichzeitig sei es noch unklar, wie sich Zeitungen finanzieren, wenn sie Artikel kostenlos ins Netz stellen. Einzelne Zeitungshäuser nutzen bereits Bezahlschranken. Jedoch könne sich das System nach Brandts Ansicht nur durchsetzen, wenn man es vereinheitlicht.

Inhaltlich müsse sich der Zeitungsjournalismus auf seine Kernaufgaben konzentrieren und unabhängig bleiben. Dass es in Teilen Ostdeutschland nur noch Anzeigenzeitungen gebe, bewertete Brandt kritisch, Bei diesen bestehe keine saubere Trennung zwischen Redaktion und Anzeigenteil, was eine kritische Berichterstattung erschwere. „Wir dürfen nicht vergessen: am Ende geht es um so etwas wie Demokratie!“

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