Klärschlamm zu nass, Winter zu kalt / Wenig Kosten / Suche nach Lösungen

Regenwürmern vergeht der Appetit

Regenwürmer sollten dem Klärschlamm das Wasser entziehen, es war ihnen offenbar aber viel zu nass und viel zu kalt. Foto: Imago Images/Texra

Visselhövede - Von Jens Wieters. 10 000 neue „Mitarbeiter“ hatte die Stadt Visselhövede im Herbst 2018 eingestellt. Die hatten nur eine Aufgabe: Aus dem dünnflüssigen Klärschlamm wertvollen Humus zu machen. Aber jetzt macht sich Ernüchterung breit, denn den 10 000 „Mitarbeitern“ schmeckt die Arbeit offenbar nicht. Noch schlimmer: Sie haben sich sprichwörtlich vom Acker gemacht. Die Rede ist von den polnischen Regenwürmern, die eigentlich das Volumen der feuchten Masse um 80 Prozent reduzieren sollten.

„Das hat aber nicht so richtig hingehauen“, wie Bürgermeister Ralf Goebel jetzt dem Ausschuss für Landwirtschaft und Grünanlagen berichtete. „Der nasse Klärschlamm ist wohl nicht geeignet. Hinzu kommen noch die kalten Wintertemperaturen, sodass sich die Würmer nicht vermehrt haben und auch die Reduzierung des Volumens die Erwartungen nicht erfüllt hat.“

Gemeinsam mit dem Ideengeber Michael Quintern von der Lübecker Firma Mynoke hatte die Stadt zwei Versuchsfelder angelegt: Eines mit Klärschlamm und Gärresten und eines mit Rindermist. Dann wurden zehn Kilo Regenwürmer in den beiden Feldern ausgesetzt. „In dem Bereich mit Rindermist haben sich die Würmer zwar wohler gefühlt, aber das Resultat war dort ebenfalls nicht befriedigend“, so Goebel.

„Über den feuchten und kalten Winter kam es zu keiner Entwicklung der Regenwurmpopulation. In der Variante mit Gärrückstand sind die Regenwürmer abgewandert. Bei der Rindermistvariante waren die Würmer in diesem Zeitraum ebenfalls inaktiv“, heißt es in dem Abschlussbericht. Im Frühjahr und Sommer hätten sie sich in der Rindermistvariante oberflächennah sehr gut entwickelt, im Klärschlamm allerdings nicht. „Hinzu kam der trockene Sommer 2019, der den Würmern zu schaffen machte: Die Beete trockneten aus und es kam zu einem starken Rückgang der Wurmzahlen.“

Aber der Bürgermeister will nicht so schnell aufgeben. Zwar sei der Versuch neben der Klärschlammvererdungsanlage an der Verlängerung des Waldwegs abgebrochen worden, aber „wir arbeiten jetzt mit der Uni Göttingen und dem Landwirtschaftsministerium zusammen und haben zwei Lkw unseres Klärschlamms in leere Gewächshäuser im Nienburger Raum gebracht. Dort wird weiter mit den Würmern experimentiert, allerdings unter andere klimatischen Bedingungen“. Ende des Jahres würden erste Ergebnisse vorliegen.

Viel Geld hat die Stadt für den Feldversuch vor Ort nicht ausgeben müssen. Denn die neun bis 30 Zentimeter langen Würmer haben nur 300 Euro gekostet.

Dass es überhaupt zu diesem Versuch kam, liegt darin begründet, dass die vor knapp 19 Jahren installierte Klärschlammvererdungsanlage mit Schilfbeeten nicht so funktioniert wie erhofft. „Wir und auch die Betreiberfirma Eco-Plant wissen nicht, woran das liegt. In anderen Gemeinden klappt die Vererdung bestens“, so Goebel. „Vielleicht ist der Grund unsere eigentliche Kläranlage. Wenn man dort ein Becken verändert, hat das gleich Auswirkungen auf die Vererdung“, so Bauamtsleiter Gerd Köhnken.

Denn die Stadt hat ein großes Problem – und ein teures dazu: Sie verbrennt Wasser. Da der Klärschlamm trotz Anlage einen viel zu hohen Feuchtigkeitsanteil hat und zudem mit Schwermetallen wie Quecksilber knapp über dem Grenzwert belastet ist, kann er nicht auf landwirtschaftlichen Felder ausgebracht werden, was ohnehin immer schwerer wird, sodass viele Kommunen weite Transportwege nach Mecklenburg-Vorpommern in Kauf nehmen müssen. Also muss der Schlamm in einer speziellen Anlage verbrannt werden.

Rund 90 Euro pro Tonne werden der Stadt dafür berechnet. Damit steht sie aber noch ganz gut da, andere Kommunen zahlen bis zu 180 Euro. Aber dennoch schlägt sich das auf die Abwassergebühren nieder, weil rund 200 000 Euro pro Jahr für die Verbrennung aufgebracht werden müssen.

Aber auch zu diesen Anlagen muss der Schlamm erst einmal hinkommen. Um ihn ein wenig ausbluten zu lassen, wie die Fachleute sagen, wird er zwischengelagert und mit zugekauftem Stroh stabilisiert, um ihn überhaupt für Lkw transportfähig zu machen.

„Die Würmer haben zwar den Schwermetallanteil ein wenig reduziert, aber er ist immer noch leicht oberhalb des Grenzwerts“, so Goebel. Es gebe zwar Zentrifugen, die wie eine Wäscheschleuder arbeiten würden, aber der Betrieb koste Unmengen an Energie. Aktuell würden verschiedene Firmen an hydraulischen Pressen tüfteln, um Wasser und feste Stoffe zu trennen. „Wir sind da auch mit den Nachbarkommunen im Heidekreis im Gespräch. Vielleicht ergibt sich ja eine gemeinsame Lösung.“

Die Regenwürmer spielen dabei aber vorerst keine Rolle mehr, obwohl Michael Quinterns Tiere seinen Angaben nach in Neuseeland bereits große Erfolge erzielt haben. „Allerdings ist der Boden dort auch nicht versiegelt, bei uns wurden die Versuchsfelder auf einem Betonboden aufgebaut, weil wir keine Erlaubnis bekommen hätten, sie auf einer Ackerfläche zu installieren“, erläuterte Goebel dem Ausschuss.

„So ist es leider: Kein Komposthaufen funktioniert auf einem Betonuntergrund“, hat Heiner Gerken (Grüne) einen weiteren Grund für den Misserfolg ausgemacht.

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