Redakteurin Elisabeth Stockinger geht mit Helmut Giesen vom Gleitsegelclub Weser in die Luft

Wie die Möwen im Wind

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Der Windenführer ist laut Helmut Giesen der wichtigste Mann – oder in diesem Fall die wichtigste Frau.

Visselhövede - Von Elisabeth Stockinger. Runter kommen sie alle – so sagt es zumindest ein bekanntes Sprichwort. Helmut Giesens Kommentar, nur wenige Minuten vor dem Start, klingt ähnlich: „Da vorne ist übrigens ein Friedhof.“ Ich schlucke, er lacht. Das sei natürlich nur Spaß. Wenn er nicht zu 100 Prozent überzeugt von dem sei, was er mache, würde er es lassen. Ich bin ein wenig beruhigt und lasse mich auf das Abenteuer ein. Ein Abenteuer, das mich per Gleitschirm in die Luft befördern soll, mit Helmut Giesen als erfahrenen Piloten und Tandempartner.

Giesen ist zweiter Vorsitzender des Gleitsegelclubs Weser. Regelmäßig am Wochenende versammeln sich die aktiven Mitglieder auf dem Fluggelände bei Wittorf in Visselhövede, um gemeinsam ihrer Leidenschaft, dem Gleitschirmfliegen, zu frönen. Per Schleppwinde geht es dann ab in den Himmel. „Die Thermikmöwen“, so nennen sich die Vereinsmitglieder. Thermik wäre an diesem Tag auch wichtig, denn sonst wird es ein kurzer Flug.

Kurz war auch der Flug des Tandems vor mir. Unmittelbar nach dem Start – das Duo war erst wenige Meter in der Luft – war die Sollbruchstelle gerissen. Kontrolliert hatte der Pilot Schirm und Flugpartner sicher gen Erde gelenkt. Bei der Sollbruchstelle handelt es sich um eine reine Schutzvorrichtung, erklärt Giesen. In diesem Fall war sie gerissen, weil die Belastung auf die Piloten und den Schirm aufgrund einer aufkommenden Windböe zu groß geworden war. „Das kommt vor, ist aber absolut nichts Schlimmes.“

Ich lasse mich jedenfalls nicht abschrecken, auch wenn sich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend ausbreitet. Gemeinsam mit Helmut – in Fliegerkreisen duzt man sich – geht es in die Startposition. Per Funkgerät gibt Vereinsmitglied Andreas Goehrt unsere Namen und das Gesamtgewicht an den Windenführer in 1,2 Kilometern Entfernung weiter. „Du bist leicht, da kommen wir schnell hoch“, sagt Helmut. Für mich der schönste Satz des Tages.

„Pilot und Gerät startklar“, funkt Andreas dann an den Windenführer. „Pilot eingehängt und Beingurte geschlossen.“ Der Windenführer zieht das Seil an, ich muss mich dagegen stemmen, um nicht direkt mitgezogen zu werden. Als es dann heißt „Los los los“, renne ich los los los. Doch es werden nur wenige Schritte, schon haben wir keinen Boden mehr unter den Füßen und es geht ab in Richtung Himmel. Geschwind steigen wir auf. Als wir uns in einem etwa 70-Grad-Winkel zur Erde befinden, klinkt Helmut das Seil aus. Ich rutsche zurück auf meinem Gurtzeug, sodass ich wie in einem Stuhl sitze und jetzt endlich – nachdem der Adrenalinspiegel etwas gesunken ist – kann ich mich umschauen und einfach nur genießen.

Es ist bewölkt an diesem Tag, in der Ferne liegt Nebel über den Feldern. Dennoch bietet sich aus 500 Metern Höhe ein wahnsinnig schöner Blick. „Da ist Visselhövede“, zeigt Helmut auf die Häuser am Boden. „Da hinten liegt Rotenburg und ganz weit in der Ferne kann man bei guter Sicht bis nach Bremen gucken.“ Heute nicht, aber auch der Nebel hat seinen Reiz, ebenso wie das Gleitschirmfliegen. Denn hier stört keine Flugzeugkapsel, hier ist der Fliegende komplett allein in der Luft, nichts um ihn herum, nur über ihm der Schirm. Hätten wir Thermik, würden wir steigen, erzählt Helmut. Doch sein Variometer – ein Messgerät – hat aufgehört zu piepsen. Das bedeutet, wir sinken nur noch statt zu steigen. In kreiselnden Bewegungen geht es abwärts, etwa einen Meter pro Sekunde der Erde entgegen.

Zwar schade, doch damit steht der nächste Adrenalinkick bevor: die Landung. „Wir landen auf dem Hintern“, ruft Helmut. Also: Beine hoch und hoffen, dass es nicht allzu weh tut. Der Erdboden kommt immer näher, gleich ist es soweit. Doch entgegen meiner Erwartung schmerzt der Aufprall nicht, wir landen im hohen weichen Gras, nur wenige Meter neben der Startbahn. Als ich aufstehe sind meine Beine leicht zittrig. Doch einen Riesenspaß hat es gemacht, es könnte gleich nochmal in die Lüfte gehen. „Es ist das Gefühl von Freiheit“, sagt auch Helmut. Ein Grund, warum der 72-Jährige jedes Wochenende in die Luft geht.

Der andere sei das Gemeinschaftsgefühl innerhalb des Vereins, der derzeit 50 aktive und 30 passive Mitglieder zählt. Regelmäßig treffen sie sich zum Fliegerstammtisch, richten Clubmeisterschaften aus und veranstalten einen Aktionstag unter dem Motto „Fliegen, bis das Licht ausgeht“. Und ansonsten treffen sich die Piloten, je nach Wetterlage, eben auf dem Fluggelände bei Wittorf.

Wer mehr über den Gleitsegelclub Weser erfahren möchte, kann sich im Internet unter www.gsc-weser.de informieren.

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