Arzt und Apotheker schlagen Alarm

Problem Grippeschutz: Viele Patienten, aber kein Impfstoff

Der Visselhöveder Arzt Dr. Kai Möller würde möglichst vielen Menschen den Vierfach-Grippeschutz impfen, kann es aber nicht, weil es kaum welchen gibt.

Visselhövede - Von Jens Wieters. „Es ist ganz wichtig und richtig, dass der Kollege Tom Schaberg noch einmal öffentlich appelliert hat, dass sich die Menschen rechtzeitig gegen Grippe impfen lassen. Das Problem ist nur: Es gibt einen dramatischen Engpass bei der Beschaffung des Impfstoffs!“ So reagiert der Visselhöveder Arzt Dr. Kai Möller auf den Bericht in der Rotenburger Kreiszeitung. Jetzt sollen Präparate, die für das Ausland bestimmt waren, die Lücke schließen.

In den vergangenen Wochen musste Dr. Möller nämlich viele Patienten ohne Pieks im Arm wieder nach Hause schicken. „Mitte November war ich komplett leergelaufen. Es gab nicht mal eine einzige Impfdosis“, klagt der Mediziner. Und das, obwohl eine Grippesaison in jedem Jahr so sicher ist wie das Amen in der Kirche am Sonntag. 

„Und genau darum hat es eine große öffentliche Kampagne der Landesgesundheitsämter und anderen Institutionen gegeben, um die Menschen aufzufordern, sich gegen die Grippe impfen zu lassen“, sagt Möller. „Das ist ebenfalls gut und richtig, aber ohne ausreichenden Impfstoff nützt auch die beste PR-Aktion nichts“.

Warum die Pharmaindustrie nicht genügend Präparate vorproduziert hat, weiß auch Möller nicht: „Da schieben sich die Krankenkassen und die Industrie gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Fakt ist nur, dass ich meine Patienten gerne impfen möchte, aber nicht kann. Und es ist jetzt wichtig und nicht im Januar, wenn die Grippewelle ihren Höhepunkt erreicht.“

Abhilfe sollen jetzt Präparate schaffen, die von den Konzernen für das Ausland produziert worden sind. „Da kann es in den nächsten Tagen schon mal sein, dass die Arztpraxen der Region mit einem Impfstoff arbeiten müssen, der zum Beispiel einen schwedischen oder ungarischen Aufdruck trägt“, informiert Apotheker Matthias Gutermann.

Der muss zurzeit bei den Pharmagroßhändlern nicht nur um Chargen betteln, sondern auch noch Beipackzettel in Deutscher Sprache drucken und sie den Praxen zur Verfügung stellen. Dass ausländischer Impfstoff überhaupt in großen Mengen in Deutschland verabreicht werden darf, liegt an der „Ausnahmeermächtigung in Krisenzeiten“, wie es in einem Paragrafen des Medizingesetzes heiße, erklärt Gutermann. „Krisenzeiten – so weit sind wir jetzt schon gekommen!“

Er bezeichnet den aktuellen Notstand als „einen von vielen Fehlern unseres Gesundheitssystems“ und weiß auch von den gegenseitigen Schuldzuweisungen der Krankenkassen und Konzerne. „Aber die Krankenkassen hatten im Vorfeld an die Ärzte appelliert, ihre Impfstoffbestellungen doch mit Bedacht abzugeben. Denn es geht immer nur um die Kosten – auch weil an der Spitze der Krankenkassen keine pharmazeutischen Fachleute, sondern Ökonomen sitzen, die die Ausgaben beschränken wollen“, hebt der Apotheker hervor. 

Das sei bereits im vergangenen Jahr so gewesen, als die Krankenkassen nur den Dreifach-Impfstoff bezahlt hätten, aber nicht das Präparat mit einem vierten Wirkstoff, der einen bestimmten Virenstamm außer Gefecht setze.

„Und genau der hat dafür gesorgt, dass es zu einer heftigen Grippewelle mit vielen Toten gekommen ist“, ergänzt Dr. Möller, der aber zumindest froh ist, dass „die Kassen in diesem Jahr den Vierfach-Impfstoff bezahlen, den ich im vergangenen Herbst nur den Selbstzahlern verabreicht habe“.

Matthias Gutermann nimmt bei der Problematik die Industrie aber ein wenig aus der Schusslinie: „Denn die produziert nach Bedarf, und wenn der von den Krankenkassen gedeckelt wird, dann wird auch weniger produziert. Nur mal peu à peu Impfstoffe herzustellen, geht bei den Firmen nicht. Auch VW kann an einem Band nicht heute einen Golf bauen, morgen einen Passat und dann wieder den Golf.“

Der Apotheker hat die vergangenen Tage damit zugebracht, zu versuchen, Mittel fürs Ausland zu ordern, aber dabei Ewigkeiten in der Telefonschleife verbracht. „Wahrscheinlich wollen jetzt alle Kollegen die Präparate, die sich vom Wirkstoff her nicht von den Produkten mit deutscher Aufschrift unterscheiden.“

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