Interview mit „ArtOutlet“-Macher Willi Reichert / Künstler hoffen auf Zuschuss

„Ohne Kultur verhungert die Seele“

„ArtOutlet“-Macher Willi Reichert hofft auf viele Unterstützer der Petition. Foto: Wieters

Visselhövede - Von Jens Wieters. Nicht nur die Wirtschaft der Region ächzt unter den Beschränkungen wegen der Corona-Krise, auch den Kulturtreibenden machen sie zu schaffen: Bands haben keine Auftritte, Malschulen keine Schüler, Ausstellungen keine Zuschauer. Unter anderem musste im Visselhöveder Kulturhaus „ArtOutlet“ das Event „Darf man DAS darf man“ abgesagt werden. Das reißt große Löcher in die Portemonnaies der Künstler. Darum hat „ArtOutlet“-Macher Willi Reichert jetzt eine Petition mit dem Ziel gestartet, vom Landkreis eine Art außerplanmäßige Kulturförderung zu bekommen, die gerecht unter den gut 30 Mieter des Kulturhauses aufgeteilt wird. Im Interview gibt Reichert Antworten zum Thema Kultur zu Corona-Zeiten.

Was beabsichtigen Sie mit der Petition?

Die erste Absicht ist sicher die, gehört zu werden. Auch von der Politik und damit auch öffentlich. Als Zweites könnte der Effekt auch der sein, dass unsere Petition Menschen beschäftigt, die für den weiteren Platz von Kunst und Kultur in unserem Gemeinwesen noch Ideen haben und uns zukommen lassen. Der Hauptgrund aber ist doch, Kunstschaffenden, denen man gerne nachsagt, dass sie von Luft und Liebe leben, zumindest die finanziellen Sorgen zu erleichtern.

Was genau fordern Sie?

Fordern ist vielleicht doch eine verschreckende Umschreibung. Wir sehen uns eher als Teil einer zum Zerreißen gespannten Kette von Einzelgliedern. Was wir gerne hätten, wäre die Verstärkung unserer Zusammenhaltemöglichkeiten. Eine Einmalzahlung von 5 000 Euro würde bei Verteilung an die Mieter hier im Hause und die externen Ausstellungsmitmacher die Möglichkeit geben, mit dem begonnenen oder geplanten Aktionen wieder zu starten.

Sie vergleichen die Situation der Künstler mit der der Spargelbauern, die Unterstützung von der Politik durch die Einreisemöglichkeit von ausländischen Helfern bekommen. Ist das nicht ein wenig vermessen?

Der Spargel dient als Symbol und ließe sich ersetzen durch viele Lebens- und Wirtschaftsbereiche, die um Unterstützung ersuchen. Ob nun Lufthansa oder Fußballvereine und nicht zu vergessen der ganze Bereich der Pflegeberufe: Alle haben Sorgen und rufen nach individuellen Hilfen. Der Vergleich mit der Spargelsituation drängte sich mir förmlich auf, weil möglich gemacht wurde, dass das Gemüse vom Acker kommt und mir Zahlen vorliegen, dass mit Spargel rund 800 Millionen Euro Umsatz für die deutsche Volkswirtschaft generiert wird. Mit Kunst und Kultur aber das Vierfache. Und was das Vergleichen anbelangt: Ohne, mit teurerem oder weniger Spargel verhungert niemand, aber ohne Kunst und Kultur verhungern die Seele und das Herz des Gemeinwesens.

Spargel und Erdbeeren verderben, wenn sie nicht geerntet werden. Kunstausstellungen kann man problemlos verschieben, oder?

Schon alleine die Absicht etwas zu verschieben, zeigt an, was für einen Stellenwert Kunst und Kultur hat. Als verschiebbar verstehen wir uns nicht und auch ein soziales Gemeinwesen, das sich auch staatlicherseits oft mit dem Beinamen Kunst - und Kulturnation schmückt, sollte überlegen, was es bei den Kunst- und Kulturmachern hinterlässt, verschiebbar zu sein. Wir haben in dem uns zur Verfügung gestellten Gebäude etwas aufgebaut, was schon alleine als Gebäude, aber auch als Idee nicht verschiebbar und auch nicht aufhörbar ist.

Wie schätzen Sie die Chancen der Petition ein?

Was die Fördersumme anbelangt, wohl eher schlecht, Aber ich glaube, dass viele Leute auch dadurch darüber nachdenken, was wir sind, was wir können und und was wir wollen. Das ist sicher auch nachhaltiger.

Was passiert, wenn der Kreistag nicht mitspielt?

Wir Künstler sind es gewohnt, nicht nur schöne Bilder aufzuhängen. Auch was aufregt, unverständlich oder sogar ärgerlich ist, ist etwas, was einen Grund und eine Berechtigung hat, betrachtet oder gehört zu werden. Hinter jedem Tun oder jeder Entscheidung steckt immer ein Mensch mit einer Idee, und mit diesen Faktoren müssen oder wollen wir leben.

Wie ist zu Corona-Zeiten überhaupt die Lage in der regionalen Kunstszene?

Das Schönste ist, dass wir im „ArtOutlet“ immer noch gut arbeiten können, und so weit mir bekannt ist, sind alle Mieter auch noch gesund. Da Künstler in der Regel große Individualisten und bis auf die sonst im Hause übenden Bands auch Einzeltäter sind, ist das abgeschiedenere Arbeiten für manche teilweise neu, aber mit einer Art telefonischen „Wohnzimmerkonzertzusammenschaltung“ auch möglich. Malende und fotografierende Kollegen müssen zurzeit leider auf Ausstellungspublikum verzichten und das ist schon schwerer.

Gibt es massive finanzielle Einbußen bei Musikern und Malschulen?

Ja, und zwar erhebliche. Alleine die überregional spielenden Bands, die im „ArtOutlet“ ihre Übungsräume haben wie die Shotgun-Band oder Muddy Proom haben durch Corona viele fest terminierte Absagen. Und nicht nur für die freiberuflich tätige Betreiberin der Malschule im Haus sind die Beschränkungen ein finanzieller Verlust.

Ist das „ArtOutlet“ im Bestand gefährdet?

Noch nicht, aber sicher bekommen Kollegen auch finanzielle Verluste zu spüren für entgangene Konzertgagen oder ausgefallene Kunstkurse der Volkshochschule, weil sie dort freiberuflich arbeiten. Aber auch die momentan ausbleibende Anerkennung für künstlerisches Schaffen ist für viele mit fehlendem Lohn gleichzusetzen. Und bei manchem kommt da schon die Frage auf, wie lange man die notwendigen Auslagen aushält. Deswegen suchen wir jetzt als loser Künstlerverbund beim Landkreis auch um eine einmalige Unterstützung nach.

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