Sommertheaterfestival läuft

Nachtwache beim Hütthofer Theater Metronom

Die Nachtwächter Niels, Johanna, Steffi und Artjom (v.l., die nur bei ihren Vornamen genannt werden möchten) genießen die besondere Atmosphäre des Piratenplatzes.
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Die Nachtwächter Niels, Johanna, Steffi und Artjom (v.l., die nur bei ihren Vornamen genannt werden möchten) genießen die besondere Atmosphäre des Piratenplatzes.

Hartböhn/Hütthof – Es ist Samstagabend gegen 22.30 Uhr. Der Mond über dem Piratenplatz in Hartböhn erscheint als eine schmale Sichel wie im Kinderbuch „Der kleine Häwelmann“. Gerade haben die beiden Musikerinnen von „Ladys Ahoi“ mit Gesang und Quetschkommode ihre letzte Zugabe ins Zuschauerrund geschmettert. Innerhalb von Minuten leert sich der Schauplatz des Sommertheaters des Hütthofer Metronom.

Während die Lichter gedimmt werden, die letzten Gläser klirren und die Besucher am Ausgang ihre Handys zücken, um sich bei der Luca-App auszuchecken, schlägt die Stunde der Helfer.

Eine gute Handvoll türmt die Strohballen hinter der hölzernen Kogge zu einem Haufen, Ralf Struck, schon im vergangenen Jahr überall dort eingesprungen, wo Helfer gebraucht wurden, schaltet die Stirntaschenlampe an, um im Halbdunkel die Plane zum Abdecken der Sitzgelegenheiten ausfindig zu machen.

Derweil bespricht Metronom-Inhaberin Karin Schroeder mit Techniker Robin Gallo den nächsten Tag. Gesprächsfetzen wie „Licht einmessen für Emmas Glück“, „Nein, Schimmelreiter kommt erst Dienstag“ und „Wer ist eigentlich bei Herzen in Terzen am Tonpult?“ mischen sich an der verwaisten Bar mit denen des nächsten Grüppchens, das die nahende Nacht auf Hartböhn plant.

„Also wir fahren aufs Gelände, das haben wir gestern auch so gemacht“, meint der End-Zwanziger, den die anderen Artjom nennen. Wenige Minuten später tuckern zwei betagte ausgebaute Bullis auf den Rasenplatz zwischen dem mächtigen Holzschiff und Bühne und parken so, dass die Schiebetüren zueinander zeigen. Die beiden Pärchen, die die Nachtwache hier einläuten, kennen sich aus dem Metronom-Umfeld, vom gemeinsamen Theater-Spielen oder Musizieren. Nachdem die Campingstühle im Kreis ausgestellt sind, folgt der Campingtisch, im Nullkommanichts voller Snacks, Getränke und einer Keksdose im Nikolausdesign. „Abendbrot“, verkündet Niels aus Bremen und reißt genüsslich eine Tüte Chips auf. Das Gespräch kommt auf alte Zeiten – die gemeinsamen Auftritte wie beim Jugendtheater „Yolo“ oder „Der Boxer“, bei denen Steffi mitgemacht hat – und auf neue: So der Solo-Gig von Niels, früher bei den Lokalhelden von „Who killed Frank“ an Gitarre und Synthie, bei der Breminale vor ein paar Wochen und Steffis Bürgertheater, ein Projekt des Metronom, das seit Corona ruht.

Regieassistenz und Thekenschicht

Artjom seufzt wohlig und schaut gen Osten in den Himmel – in die Richtung, wo er gestern Abend einige Sternschnuppen gesehen hat. Die Natur, die Ruhe mitten im Nirgendwo, nur unterbrochen vom gelegentlichen Rascheln eines nächtlichen Tieres, das ist auch für Max der Grund, hier öfter eine Nacht zu verbringen – vier Mal waren es in der vergangenen Woche.

Der Abiturient hatte es sich schon in dem großen Zelt im Backstagebereich mit Stehhöhe und Bett gemütlich gemacht. Eigentlich hatte er sich heute für die Nachtschicht eingetragen, wie so oft in diesen Wochen zwischen Abi und Studium. Er schätzt die Nächte hier draußen. Oft übernimmt er die Thekenschicht, mitunter auch Regieassistenz, auf- oder Abbau; danach noch nachts mit dem Rad nach Rotenburg zurück.

Die nächtlichen Dienste, ursprünglich einer Vorgabe der Versicherung fürs Equipment geschuldet, haben inzwischen nahezu Kultstatus – fast die meisten Nächte finden sich Freiwillige aus dem Umfeld des freien Theaters, die die Abgeschiedenheit und die besondere Atmosphäre des Platzes zu schätzen wissen. So auch die vier heute Abend: Der Sekt – allerdings alkoholfrei – , fließt in Strömen, die Soundbox wummert im Hintergrund, der Techniker hat, bevor er sich verabschiedete, noch die letzten Lichter gedimmt, sodass nur noch einige Lichterketten unter dem Mond funkeln. Metronom-Macherin Karin Schroeder nähert sich mit einer großen Tüte voller Fladenbrote. „Möchte jemand? Heute frisch vom Bäcker.“ „Prima“, meint Niels, „dann haben wir ja auch schon Frühstück.“ Auf die gastfreundlich angebotenen Kühlschrankinhalte greifen sie nicht zurück – die Bestände an Bord der Bullis scheinen gut bestückt.

Mittlerweile liegt die Temperatur bei 13 Grad, die Faserpelze werden ob der in die Glieder kriechenden Feuchtigkeit zugemacht. „Ich hab schon mal das Bett gemacht“, meint Johanna und zeigt auf das Ausklappdach des Bullis. Für den Gang zum Dixiklo liegt eine Taschenlampe bereit. Nächtliche Kontrollgänge sind nicht geplant; wenn etwas raschelt, sind das in der Regel Tiere – so wie der Igel, im Vorjahr ein regelmäßiger Besucher im Nachtwachen-Zelt. „Wenn sich jemand hierher verirrt, sind das höchstens morgens neugierige Radfahrer – bei denen machen wir dann Werbung für die Stücke“, meint Johanna.

„Habt Ihr schon den Schimmelreiter gesehen?“, will Steffi wissen. Man verabredet sich. Das aktuelle Stück „Weil wir schon immer wissen wollten, wie es weitergeht“ kennen die vier mittlerweile alle, „genauso genial wie das erste“, befindet Artjom. Wenig später holt er zwei bunt blinkende Laserschwerter aus dem Wohnmobil. Sie geistern schon bald mit dramatischem Zischen in den Händen der beiden jungen Männer über den Platz. Die Kogge, die Saloons, all die vor langer Zeit liebevoll gezimmerten Kulissen – was würde sich idealer anbieten für eine nächtliche Runde Lasertag? Die Nacht, sie scheint nach diesen 60 Minuten weniger zum Ruhen als zum Wachen gemacht – und über allem funkelt der grandiose Sternenhimmel.

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