Weiterer Supermarkt ist möglich

Millionen sollen in Visselhövede bleiben

Werbeschild des Netto-Discounters
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Neben dem Combi teilen sich noch drei Discounter den Lebensmittelmarkt in Visselhövede. Laut GMA-Gutachten wäre noch Platz für einen weiteren Vollsortimenter.

Visselhövede – Die Visselhöveder Stadtverwaltung wird im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Empfehlungen des von ihr 2019 bei der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) in Auftrag gegebenen Einzelhandelsgutachtens umsetzen. Das hat zumindest der Ausschuss für Finanzen und Wirtschaftsförderung während seiner vergangenen Sitzung beschlossen. Das Thema wird aber erst am 22.Juli im Stadtrat final behandelt.

Das Gutachten sagt im Kern, dass die Kaufkraft in Visselhövede in den vergangenen Jahren enorm gestiegen sei, dass die Stadt in Relation zu ihrer Einwohnerzahl von 9 597 (Stand 31. März 2020) zu viele Discounter habe, und dass der bereits vom Stadtrat klar umrissene zentrale Versorgungsbereich in der Innenstadt neben dem Combi-Markt einen weiteren Vollsortimenter gut vertragen könnte. „Das liegt auch an der besonderen Lage Visselhövedes, das direkt an zwei Nachbarlandkreise grenzt und somit ein großes Einzugsgebiet im Umland hat“, wie Katharina Staiger von der GMA dem Ausschuss via Bildschirm bei der ersten politischen Hybridsitzung in Visselhövede mitteilte.

Kaufkraft der Einwohner ist enorm gestiegen

Staiger siedelt die Kaufkraft der Menschen in der Stadt nämlich sogar über dem Bundesdurchschnitt an: „Der lag im Jahr 2020 bei 100,9 Prozent, vor Rotenburg (98,2) oder Walsrode (96,2), aber hinter Scheeßel (102,1) und Verden (108,6).“ Das Kaufkraftpotenzial werde für den stationären Einzelhandel berechnet und die jährliche Pro-Kopf-Ausgabe habe 2020 in Deutschland bei 6 210 Euro gelegen, davon 2 952 Euro für Dinge des periodischen Bedarfs.

„Das Kaufkraftniveau wird auf Basis der amtlichen Steuerstatistik berechnet. Das heißt, in einem Raum mit hohem Einkommen und geringer Arbeitslosigkeit liegt dementsprechend ein hohes Kaufkraftniveau vor“, informierte Staiger.

Und genau diese gute Platzierung Visselhövedes, dem ehemaligen wirtschaftlichen Schlusslicht des Landkreises, wurde und wird von Kritikern einer möglichen Ansiedlung von Edeka oder Rewe angezweifelt. So bezeichnete Ulf Timmann (Grüne) die enorme Steigerung der Kaufkraft als „Knackpunkt bei dem Gutachten“. Ihm erschließe sich diese Steigerung nicht völlig, und „wenn ein Vollsortimenter etwa 6 000 Menschen in seinem Einzugsgebiet braucht, dann müssten wir für zwei dieser Supermärkte 12 000 Visselhöveder zählen – das passt also nicht“, so Timmann, der auch Vorsitzender des Gewerbevereins ist.

Nicht mehr Millionäre, sondern breiter aufgestellte Mittelschicht

Katharina Schwaiger betonte, dass sie sich beim Erstellen des Gutachtens auf die Quellen der Zahlen verlassen müsse und die Kritiker sich nicht ausschließlich mit der Kaufkraft beschäftigen sollten: „Denn eines ist bei unserer Umfrage unter den Visselhöveder Kunden herausgekommen: Die Leute sind mit dem Combi nicht unbedingt zufrieden. Wenn 36 Prozent der Befragten ihn mit ,eher schlecht‘ bewerten, dann ist das sicher kein gutes Zeugnis.“

Staiger untermauerte ihre Argumentation mit weiteren Zahlen: „Die Visselhöveder Einwohner haben eine Kaufkraft von rund 60 Millionen Euro pro Jahr. Davon werden rund 39 Millionen in den Geschäften der Stadt ausgegeben. Das sind 65 Prozent und schon ganz ordentlich für ein Grundzentrum. Aber es ist noch reichlich Luft nach oben und warum soll das Geld nicht in der Stadt bleiben?“

Hybridsitzung in Visselhövede. Katharina Schwaiger war per Bildschirm zugeschaltet.

Kritik an der GMA-Bewertung wollte Bürgermeister Ralf Goebel so nicht stehen lassen: „Auch die Industrie- und Handelskammer hat mir bestätigt, dass sich ihre eigenen Daten mit denen der GMA decken würden.“

Die Stadt habe in den vergangenen Jahren im Vergleich zu den Nachbarkommunen einen großen Sprung nach vorne gemacht. Wir haben jetzt viel mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze und viel weniger Menschen, die von Transferleistungen leben müssen.“ Das spiegele sich eben auch in der Kaufkraft wider. „Wir haben jetzt nicht nur ein paar Millionäre mehr, sondern unsere Mittelschicht ist viel breiter aufgestellt“, bilanzierte Goebel.

Combi- und Aldi-Werbeschild an der Visselhöveder Süderstraße.

Diese Mittelschicht will aber offenbar eine bessere quantitative und qualitative Versorgung im periodischen Bedarf, darum empfiehlt die GMA eine Modernisierung und Erweiterung von Combi, Aldi und Netto am jeweiligen Standort. „Zur Schaffung eines umfassenden, qualifizierten Versorgungsangebots in diesem Bereich und für mehr Kaufkraftbindung ist eine Wiederansiedlung eines zweiten Lebensmittelvollsortimenters auf die Innenstadt zu lenken“, heißt es in dem Gutachten. Dort sind auch Potenzialflächen aufgeführt, die nach dem Beschluss des Ausschusses erneut beraten werden. Dazu zählt die Dreiecksfläche hinter der Sparkasse, der Bereich an der Süderstraße neben dem Netto und die Ecke Goethestraße/Worthstraße hinter dem Kik. Der Bereich rund um das Schwimmbad war von den Politikern bereits vehement abgelehnt worden.

Für Ulf Timmann stellt sich die Frage: „Was nehmen wir bei der Ansiedlung eines weiteren Vollsortimenters in Kauf? Profitieren unsere Geschäfte davon, weil mehr Kunden in die Stadt kommen? Oder bricht Ihnen Umsatz weg? Im Vorstand sind wir geteilter Meinung.“ Aber eines sollte niemals passieren: „Ein Leerstand von der Größenordnung eines Combi-Marktes darf nicht sein.“

KOMMENTAR

Die Zahlen sprechen für sich

Braucht eine Stadt wie Visselhövede mit gerade mal gut 9 500 Einwohnern einen zweiten Supermarkt von der Größe eines Combi, zumal noch drei Discounter gleich um die Ecke das Einkaufen doch zu einem Vergnügen machen könnten? Keine einfache Sache für die Politiker, darauf eine Antwort zu finden. Also müssen sie sich an Zahlen und Umfragen orientieren. Und die sprechen eine deutliche Sprache, kommen aus einer seriösen Quelle und darum ist Kritik daran fehl am Platze: Die Visselhöveder haben viel mehr Geld in den Taschen als noch vor ein paar Jahren. Das ist dem Umstand geschuldet, dass Gewerbegebiete und damit gut bezahlte Jobs geschaffen wurden. Das Problem ist nur, die Einwohner geben von den 60 Millionen pro Jahr nur 39 in der Vissel-Stadt aus. Und gerade im periodischen Bedarf ist also noch viel Platz nach oben. Denn es gibt nicht wenige Einwohner, die lieber die weite Anfahrt nach Neuenkirchen, Kirchlinteln oder auch Walsrode in Kauf nehmen, um dort Butter, Waschmittel und Aufschnitt zu kaufen. Ein weiterer Supermarkt würde dieses Geld wohl eher in Visselhövede binden. Und nicht nur das: Menschen aus Schafwinkel, Stellichte und Bommelsen kaufen von jeher lieber in Visselhövede ein als ihren Kreisstädten. Klar, dass sich der eine oder andere dann auch mal ein Paar Schuhe, eine neue Sonnenbrille oder eine schicke Jeans mit nach Hause nimmt. Positiver Nebeneffekt: Kommt ein zweiter Vollsortimenter, müssten sich die Combi-Markt-Verantwortlichen mal so richtig ins Zeug legen, um ihren Laden optisch und kundenorientiert auf Vordermann zu bringen, damit das Einkaufen in der Vissel-Stadt tatsächlich zum Vergnügen wird. Scheeßel hat es gerade vorgemacht.

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