INTERVIEW Elvira Schneider und Harald Gabriel über Klimawandel und Corona

„Milliarden für Neustart nutzen“

Eine große Klimastreik-Demo fand im September 2019 in Visselhövede statt. Organisiert von Vissel for Future.

Visselhövede – Mit viel Power und noch mehr Vorfreude war die Visselhöveder Gruppe Vissel for Future (VfF) in das neue Jahr gestartet. Das begann mit dem Vortrag Zero Waste von Olga Witt auch sehr gut, aber dann kam Corona. Sind jetzt die vielen Projekte und Ideen der Klimaschützer zum Erliegen gekommen? Wir fragten nach bei den Gruppenmitgliedern Elvira Schneider und Harald Gabriel.

Macht die Gruppe Vissel for Future gerade Corona-Pause?

Schneider: Nein. VfF arbeitet weiter – auch wenn zurzeit keine realen Treffen möglich sind. Alle Interessierten und Aktiven stehen über einen Verteiler in Verbindung. Derweil gibt es einen fünfköpfigen Koordinierungskreis, der aktuelle Fragen per Telefonkonferenz wöchentlich, spätestens alle zwei Wochen, berät und entscheidet. Durch die Corona-Krise sehen wir uns in unseren Vorstellungen und Anliegen bestärkt. Die VfF-Ziele sind aktueller denn je: Gemeinsam für eine lebenswerte Zukunft handeln, pro Klima und Umwelt nachhaltig leben und wirtschaften, regionale Kreisläufe stärken, weniger Konsum, mehr direkte Begegnung und soziales Miteinander. In allen diesen Belangen werden wir weitermachen.

Welche Aktionen laufen trotz der besonderen Regelungen? Und wie funktioniert das?

Gabriel: Weil die Bepflanzung starten muss, haben wir mit den anderen beteiligten Organisationen gerade die Palettenlandschaft auf dem Marktplatz aufgebaut. Entsprechend der Corona-Regelungen erfolgte dies mit Sicherheitsabstand und Teams von jeweils zwei Personen. Auch die Aktion, gemeinsam Lebensmittel von regionalen Bioerzeugern zu bestellen, ist angelaufen. Auch hier erfolgt die Verteilung gemäß den Corona-Vorgaben. Gemeinsam mit Stadt und Präventionsrat hatten wir zu einer Müllsammelaktion aufgerufen und haben uns daran beteiligt. Ansonsten laufen die Kontakte zu Interessierten, Vereinen und Institutionen sowie zur Schule weiter – und auch die Pressearbeit.

Haben Sie den Eindruck, dass die Klimathematik durch die aktuelle Krise in den Hintergrund gerückt ist?

Schneider: Nein. Es scheint vielleicht so. Aber es gibt auch eine neue Nachdenklichkeit über die gescheiterte Balance zwischen globalisierten und regionalen Wirtschaftsabläufen. In der Corona-Krise ist auch die Anfälligkeit unseres Wirtschaftssystems deutlich geworden, das auf ständigem und wachsendem Konsum, überregionalen Transporten und globaler Verflechtung basiert. Wir brauchen für die globalen Herausforderungen jetzt echte Zukunftslösungen. Die Milliarden, die jetzt in die Wirtschaft gepumpt werden, sollten auf keinen Fall überkommene Konzepte wie die Abwrackprämie wiederbeleben helfen, sondern für einen echten Neustart genutzt werden. In direktem Zusammenhang mit den sich aktuell aufdrängenden Fragen zu Wirtschafts- sowie Finanzverflechtungen und ihrer Krisenanfälligkeit stehen alle Umwelt- und Klimathemen. Die

werden derzeit während der Corona-Krise nicht verdrängt und sie werden sich nach Corona – in den neuen alten Freiräumen sozialen Handelns – erst recht nicht verdrängen lassen.

Gabriel: Der Klimawandel wird langfristig für die Menschheit mindestens so lebensbedrohlich sein wie die Corona-Krise, wenn nicht noch bedrohlicher! Wenn zu Klima- und Umweltfragen nur annähernd so entschlossen gehandelt worden wäre, wie wir es derzeit während der Anstrengungen zur Bewältigung der Pandemie-Probleme erleben, wären wir schon sehr viel weiter.

Ist Corona gut für das Klima?

Gabriel: Kurzfristig: Ja. Ein guter Anstoß. Die Wissenschaftsmagazine im Fernsehen belegen das. Die Aufnahmen von der Erdatmosphäre aus dem All dokumentierten über die vergangenen Jahre, wie mit steigender Industrialisierung auch die Luftverschmutzung insgesamt und insbesondere über den Industrieregionen gestiegen ist. Unter den derzeitigen Corona-Bedingungen mit heruntergefahrenen Volkswirtschaften ist die Luft sehr sauber – und bietet eine klare Sicht auf unseren Planeten!

Jetzt gilt es, die Weichen anders zu stellen, damit mit dem Hochfahren der Wirtschaft nicht alles das nachgeholt wird, was in dieser Zeit an Konsum und Verschmutzung eingespart wurde.

Es wurden von VfF einige Termine wie das Repair-Café oder plastiklose Reinigungsmittel selber machen abgesagt. Werden die wiederholt?

Schneider: Ja. Die Termine werden baldmöglichst nachgeholt. Bis dahin wird in den privaten Küchen und Werkräumen probiert, gewerkelt und gebraut. Am Repair-Café gibt es weiter großes Interesse. Interessierte Reparateure sind eingeladen, sich bei Hermann Hölter zu melden.

Wie war eigentlich der Zulauf zur Gruppe nach dem überzeugenden Auftritt von Olga Witt mit ihrem Vortrag „Zero Waste“?

Gabriel: Der Ansturm bei der Veranstaltung hat unsere kühnsten Erwartungen übertroffen. Danach hatten wir zahlreiche Anfragen von Interessenten, und unser Verteiler-Kreis ist auf mehr als 100 Personen gewachsen.

Was steht demnächst an?

Schneider: Wir bleiben am Thema „Vermeidung von Plastik und Müll“ mit Workshops und hoffentlich bald auch mit Veranstaltungen, zum Beispiel einem Erfahrungsaustausch über die privaten Versuche zur Vermeidung von Plastik und Müll im Haushalt. In den Startlöchern ist die Arbeitsgemeinschaft „plastikfreie Reinigungsmittel selbst herstellen“. Die Palettenlandschaft soll weitergeführt, genutzt und ausgebaut werden. Neue Projekte sind dazu angedacht, wie ein Bücher- und Spieleschrank und weitere Standorte für Palettenlandschaften. Bewohner der Visselhöveder Wohngruppe der Rotenburger Werke werden nach Corona die Bepflanzung auf den Paletten pflegen und hegen. Das Thema regionale Bio-Lebensmittel wird weiter verfolgt, denn das Interesse daran ist in der Corona-Krise gestiegen. Kurz vor dem Start ist das Repair-Café.

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