Martin Pape leitet die Sprachlernklasse an der Oberschule Visselhövede / Schüler sind teilweise nicht alphabetisiert

„Wichtig ist der ‚Ernstfall‘“

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Der Leiter der Sprachlernklasse Martin Pape (v.l.) mit seinen Helfern Brigitte Berger, Jörg Wasik und Ingrid Friedrichs.

Visselhövede - Von Matthias Röhrs. Auch für Asylbewerber gilt die Schulpflicht. Eine besondere Herausforderung für die Schulen, die den Schülern gleichzeitig Deutsch als Zweitsprache und die regulären Unterrichtsinhalte vermitteln müssen. An der Oberschule in Visselhövede ist Martin Pape der Leiter einer sogenannten Sprachlernklasse, die diesen Spagat ermöglicht. Im Interview zum Wochenende spricht er unter anderem über die Unterrichtsgestaltung und die Herausforderungen.

Herr Pape, wie sieht der Einstieg in eine Sprachlernklasse für einen Schüler aus?

Martin Pape: Schüler, die neu in die Klasse kommen, lernen zunächst die wichtigsten Begriffe eines Grundwortschatzes, also Wörter des alltäglichen Lebens, um sich in ihrem neuen Umfeld orientieren und verständigen zu können. Sie lernen Verben, um Tätigkeiten und Vorgänge benennen zu können. Daneben stehen am Anfang natürlich Zahlen, Uhrzeiten, Wegbeschreibungen und ähnliches auf dem Programm.

Seit September gibt es die Sprachlernklasse an der Visselhöveder Oberschule. Reicht sie aus?

Pape: Nein, um unsere 22 Schüler angemessen fördern zu können, haben wir bereits eine zweite Sprachlernklasse beantragt, da in einer Klasse zwischen zehn und 16 Schüler unterrichtet werden sollen. Daher sind bislang nie alle 22 Schüler gleichzeitig im Unterricht der Sprachlernklasse.

Welche Voraussetzungen muss eine Schule erfüllen, um eine Sprachlernklasse anbieten zu dürfen?

Pape: Ein wichtiges Kriterium ist, dass mindestens zehn Schüler die Schule besuchen, deren Sprachkenntnisse noch nicht ausreichen, um im Regelunterricht erfolgreich mitarbeiten zu können. Dabei zählen Schüler, die in ihrem Herkunftsland beziehungsweise in der lateinischen Schrift nicht alphabetisiert sind, doppelt. Daneben muss die Schule ein pädagogisches Konzept für die Arbeit in der Sprachlernklasse vorlegen.

Welches Alter haben Ihre Schüler?

Pape: Sie sind zwischen zehn und 15 Jahre alt und besuchen, neben dem Unterricht in der Sprachlernklasse, eine altersgemäße Stammklasse.

Wo kommen sie her?

Pape: Sie kommen vorwiegend aus den Staaten des Balkans wie Albanien, Bosnien, dem Kosovo, Kroatien, Mazedonien, Montenegro und Serbien.

Bringen die Schüler der Sprachlernklasse unterschiedliche Bildungsniveaus mit?

Pape: In der Klasse finden sich – bezogen auf den Erwerb der Zweitsprache – sehr verschiedene Leistungsniveaus. Diese resultieren aus der unterschiedlichen Aufenthaltsdauer der Schüler in Deutschland, aus den bisherigen Schulerfahrungen im Heimatland und aus den individuellen Lernvoraussetzungen. So haben wir Schüler, die in ihrer Muttersprache nicht alphabetisiert sind und erst in der Sprachlernklasse lesen und schreiben lernen. Gleichzeitig gibt es aber auch Schüler, die weit fortgeschritten sind und beispielsweise unregelmäßige Verben häufig im Präteritum richtig gebrauchen. Der Unterricht ist daher sehr stark binnendifferenziert, teilweise auch individualisiert.

Was heißt das für die Unterrichtsgestaltung?

Pape: Meist arbeiten Schüler in kleinen Gruppen von maximal vier Schülern zusammen an einem Lerngegenstand. Manchmal ist es aber auch nur eine Zweiergruppe, beispielsweise wenn es sich um Übungen für Leseanfänger handelt. Diese Art von Unterricht gelingt nur durch die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die in einigen Stunden dabei sind: Sie übernehmen zum Beispiel die Anleitung kleinerer Gruppen bei schriftlichen Übungen oder versprachlichen mit ihnen Bildergeschichten. Ihnen gilt mein besonderer Dank.

Wie gestalten Sie denn den Unterricht?

Pape: Jeder Schüler hat einen individuellen Stundenplan. Er besucht maximal 14 Wochenstunden die Sprachlernklasse und mindestens 16 Stunden seine altersgemäße Stammklasse. Das heißt, dass alle Schüler teilintegrativ unterrichtet werden. Manche haben aber aufgrund ihrer fortgeschrittenen Sprachkenntnisse nur noch zehn oder sechs Stunden in der Sprachlernklasse. Allerdings gibt es auch Schüler, die aufgrund ihrer sehr geringen Sprachkenntnisse mehr als 14 Stunden Unterricht brauchen. Wir sind froh, dass wir ab dem zweiten Schulhalbjahr durch neue Kollegen die Stundenzahl für diese Schüler erhöhen können.

Gibt es neben Deutsch als Zweitsprache auch andere Schwerpunkte?

Pape: Neben neun Stunden Deutsch als Zweitsprache bei mir, erhalten die Schüler auch Unterricht in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften bei zwei Kolleginnen, die den Unterricht ebenfalls auf die Situation des Zweitspracherwerbs abstimmen.

Welche Herausforderungen gibt es aus pädagogischer Sicht?

Pape: Die größte Herausforderung ist die starke Differenzierung dieses Unterrichts: Zu überlegen, welches Material braucht diese Schülerin als nächstes, damit sie im Fachunterricht die Arbeitsanweisungen besser versteht, oder wie kann jenem Schüler die Aussprache oder das Lesen von Wörtern mit Konsonantenhäufungen gelingen. Zwar kann man mit guter Beobachtung viele Dinge erkennen, es wäre aber gut, zur Förderplanung mehr Zeit für die Diagnostik zu haben: also beispielsweise Tonaufnahmen von der Aussprache der Schüler zu machen. Das schafft man im Klassenunterricht kaum, da man die Einzelarbeit mit einem Schüler häufiger unterbrechen muss, wenn andere meine Hilfe benötigen.

Gibt es auch andere Schwierigkeiten?

Pape: Eine weitere Herausforderung ist, dass der Unterricht sehr materialintensiv ist. Es genügt nicht ein einzelnes Schulbuch, sondern wir arbeiten aufgrund der Leistungsspannbreite mit sehr verschiedenen Materialien, Büchern, Bilderbüchern und Spielen. Bei der Einführung eines neuen Wortschatzes zu einem Themenfeld bringe ich möglichst viele Gegenstände mit, wie die Holztiersammlung meiner Kinder oder die Wimmelbücher, die gute Erzählanlässe bieten. Insgesamt arbeiten wir viel mit Bildmaterial, damit die Schüler den deutschen Wortschatz verstehen und eine Verknüpfung mit ihrer Muttersprache ermöglicht wird.

Wie kommunizieren Sie mit Ihren Schülern?

Pape: Die Kommunikation verläuft zunächst wie bei allen Menschen: Unsere Mimik und Gestik, unsere aktuelle Stimmung und Tonlage sind unentbehrlich für das gegenseitige Verständnis. Wenn ich etwas sage, Schüler aber Wörter oder Redewendungen nicht kennen, muss ich vielleicht etwas aufmalen, etwas zeigen, etwas mit „Händen und Füßen“ erklären.

Gibt es dabei bestimmte Techniken?

Pape: Wenn in der Aussage eines Schülers Worte fehlen, er etwas umschreibt oder der Inhalt nicht ganz eindeutig verständlich ist, versuche ich die Aussage zu spiegeln: Ich wiederhole das Gesagte und füge vielleicht ein Wort hinzu, das die Aussage möglicherweise vervollständigt und warte ab, ob der Schüler mich versteht, bestätigt oder abwehrt. Häufig zeigt sich, dass der sogenannte passive Wortschatz bei den Schülern größer ist als der aktive. Das heißt, sie kennen das „neue“ Wort in meiner Aussage, konnten es aber noch nicht selbstständig in ihre Aussage einbinden.

Müssen die Schüler besonders motiviert werden?

Pape: In der Regel sind alle Schüler von sich aus motiviert, Deutsch zu lernen. Manchmal ist es anstrengend für sie, insbesondere, wenn sie gleichzeitig Lesen und Schreiben lernen müssen. Wir versuchen Situationen zu schaffen, in denen die Schüler nicht nur mit Bildern und Papier unsere Sprache lernen. Ebenso wichtig ist der „Ernstfall“ der Sprachhandlungen: So backen wir mit den Schülern auch mal einen Kuchen oder kochen eine Kürbissuppe. Das bedeutet, sie müssen nicht nur die Zutaten einkaufen, sondern auch ein Rezept lesen.

Funktioniert das gut?

Pape: Oft vergewissern sie sich, fragen nach und man begleitet die Handlung mit Sprache. Dabei fotografiere ich das Geschehen und sie müssen ein paar Tage später zu den Fotos erklären, was sie getan haben. Oder eben einzelne Sätze des Rezepts nochmal lesen und den Handlungen auf den Fotos zuordnen. Aber auch „zwischen den Zeilen“ lernen sie: Eine Schülerin schnitt Zwiebeln, ihr kamen die Tränen und sie sagte: „Da, Herr Pape, Augen, Wasser.“ Ein guter Anlass, um „Tränen“ und „weinen“ zu thematisieren.

Werden auch Mitschüler in die Sprachlernklasse mit eingebunden?

Pape: Die deutschen Mitschüler werden in den Stammklassen eingebunden. Zum Beispiel, wenn es darum geht, eine Aufgabe nochmals zu erklären, den Weg zu Fachräumen zu finden oder aber bei Aufgaben des sozialen Lernens, bei denen sich die Schüler einer Klasse gegenseitig unterstützen.

Wie gehen die Mitschüler mit den Flüchtlingen um?

Pape: Natürlich gibt es mal Konflikte zwischen den Schülern – wie bei deutschen Schülern ja auch –, die man immer im Einzelfall mit den Beteiligten klären muss. Insgesamt beobachte ich aber ein entspanntes Verhältnis zwischen Muttersprachlern und den Lernenden der Zweitsprache, auch wenn wir alle bei den konkreten „Integrationsaktivitäten“ dazulernen können und sie noch verstärken sollten – in unserem eigenen Interesse.

Können Sie da ein Beispiel geben?

Pape: Neulich haben eine Kollegin und ich unsere Klassen gemischt, sodass zirka 35 Schüler im Kreis saßen. Aufgabe war es für alle, sich zunächst vorzustellen. Dann bekam jeder ein oder zwei Quizfragen wie zum Beispiel: Was ist dein Lieblingsessen? Oder: Welche Musik hörst du gerne? Nachfragen waren erlaubt. Einige der „Zweitsprachler“ berichteten auf Nachfrage davon, inwieweit sie sich schon heimisch in Deutschland fühlten. Das Gespräch kam dann auch auf das Thema der Abschiebung, da dies auf eine Schülerin zukommt. Die Schüler der Stammklasse waren hiervon sehr betroffen – das Thema ist hierdurch noch einmal näher gerückt.

Schulen müssen die Sprachlernklassen bei der Landesschulbehörde beantragen. Warum bedarf es dieses Weges?

Pape: Die Arbeit in einer Sprachlernklasse unterliegt einem Lehrplan und einem Erlass des Landes, durch die beispielsweise die Ziele des Unterrichts und die Qualifikation der Lehrkräfte geregelt werden.

Inwiefern?

Pape: Lehrkräfte, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten, müssen eine Zusatzqualifikation hierfür besitzen. Das Land Niedersachsen bietet in diesem Schuljahr eine umfangreiche Fortbildungsmaßnahme an, die ich zurzeit absolviere. Diese ist sehr hilfreich, da der Unterricht im Fach Deutsch als Zweitsprache sich schon deutlich von jenem unterscheidet, den wir für Schüler mit Deutsch als Muttersprache anbieten.

Glauben Sie, dass sich Sprachlernklassen bewähren?

Pape: Sie sind unbedingt notwendig, um die Schüler, die Deutsch als Zweitsprache erlernen, in das deutsche Schulsystem und damit langfristig in die Gesellschaft zu integrieren. Integration funktioniert nicht von allein. Sie ist – neben vielen Faktoren – abhängig von einer guten Sprachbildung, die sich nicht nebenbei erwerben lässt. Dies gilt in noch stärkerem Maße für die Schüler, die erst im Jugendalter Lesen und Schreiben lernen.

Wo hakt es noch?

Pape: Ich sehe jeden Tag, was alles gelingt. Und ich weiß gleichzeitig, dass wir uns in einem sehr umfangreichen Entwicklungsprozess mit all seinen Hürden und Stolpersteinen befinden. Der „Haken“ ist vielleicht die Menge der anstehenden Aufgaben, für die man die Gelassenheit braucht, nicht alles gleichzeitig erledigen zu können. Es gilt, einen neuen schulischen Fachbereich aufzubauen und hierfür viel Material anzuschaffen. Wir müssen uns immer wieder neu in die Situation der Schüler mit Deutsch als Zweitsprache hineinversetzen.

Sprachlernklassen im Landkreis: Fünf Schulen im Landkreis Rotenburg bieten Flüchtlingskindern Sprachlernklassen an. Neben der Oberschule in Visselhövede gibt es laut der Niedersächsischen Landesschulbehörde jeweils eine an der Heinrich-Behnken-Schule in Selsingen, der Schule an der Wieste in Sottrum und der Beeke-Schule in Scheeßel (alles Oberschulen). Außerdem gibt es eine Sprachlernklasse an der Kooperativen Gesamtschule in Tarmstedt. Vor kurzem hat die Landesschulbehörde den Antrag auf zwei Sprachlernklassen am Gymnasium in Bremervörde genehmigt. Sie laufen im Februar – zum neuen Schulhalbjahr – an.

Zur Person: Martin Pape, 47, lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Visselhövede. Er ist seit 1995 Grund- und Hauptschullehrer mit den Fächern Deutsch, Musik und Geschichtlich-Soziale-Weltkunde. Seit 2011 unterrichtet er an der Oberschule der Vissel-Stadt, wo er seit diesem Jahr die Sprachlernklasse leitet. Unterstützt wird er dabei von mehreren Ehrenamtlichen – Jörg Wasik, Brigitte Berger, Ingrid Friedrichs und Hans Gamperl –, die sich ebenfalls um die jungen Flüchtlinge kümmern.

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