„Es macht Spaß und ich tue Gutes“

Interview mit der Sternsingerin Melanie Schobbe aus Visselhövede

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Melanie Schobbe aus Visselhövede ist seit zehn Jahren als Sternsingerin unterwegs.

Visselhövede - Von Jens Wieters und Lars Warnecke. Bunt gekleidet und mit einem großen Stern vorneweg sind Visselhöveder Jugendliche in diesen Tagen wieder als Sternsinger unterwegs, segnen Häuser und Bewohner, die sie besuchen, und sammeln Geld für einen guten Zweck. Seit mittlerweile zehn Jahren ist die 16-jährige Melanie Schobbe dabei. Wir sprachen mit ihr über diesen besonderen Job.

Ihr seid als Sternsinger wieder unterwegs. Welche Tradition wird hier gefeiert? Was sind die Sternsinger?

Melanie Schobbe: Rund 300. 000 Sternsinger in ganz Deutschland ziehen um den 6. Januar herum von Tür zu Tür, segnen Häuser und Wohnungen und sammeln Spenden für notleidende Kinder in der ganzen Welt. Das Sternsingen ist ein alter Brauch, der bis ins Mittelalter zurückreicht. Als Könige gekleidet zogen Jungen durch die Gassen und spielten den Zug zur Krippe nach. Das Kindermissionswerk hat den Brauch 1959 mit der Aktion Dreikönigssingen wieder aufgegriffen und ihm ein neues Ziel gegeben. Heute ist das Sternsingen die weltweit größte Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder. Wir werden immer von einem Stern begleitet, den ich dieses Jahr trage, der als Symbol für Wegweiser und Freude steht, wie der Stern von Bethlehem.

Wie lange seid ihr schon Sternsinger?

Schobbe: In Visselhövede sind die Sternsinger seit vielen Jahren aktiv. Erika Drotschmann ist schon seit mehr als 20 Jahren als Begleiterin dabei und davor viele andere Ehrenamtliche mit noch viel mehr Kindern, die alle mal unterwegs waren. Auch wenn einige Sternsinger oft mehrere Jahre aktiv sind – ich bin dieses Jahr zum zehnten Mal dabei – ist irgendwann Schluss und Gelegenheit für jüngere Kinder, den Platz einzunehmen oder aufzurücken. Die Sternsinger, die dieses Jahr in Visselhövede unterwegs sind, haben also schon bis zu zehn Jahre Sternsingererfahrung. Sophia Schwiebert und Anna Windels sind neun Jahre, Vincent Schwiebert sieben, mein Bruder Laurenz und Natalia Wutke auch schon fünf Jahre dabei.

Wie seid ihr überhaupt darauf gekommen?

Schobbe: Meine große Schwester Franziska war schon Sternsinger. Als sich die Gelegenheit bot, konnte ich mit einsteigen. Später ist auch mein Bruder Laurenz mit dazugekommen. Oft ergibt es sich also über die Familie oder auch Freunde und bisher waren die Nachbesetzungen nie ein Problem, wenn die Sternsinger größer wurden und irgendwann nicht mehr dabei sein konnten oder wollten.

Was genau sind eure Aufgaben beim Sternsingen?

Schobbe: Bei ihren Hausbesuchen schreiben die Sternsinger den Segen mit gesegneter Kreide über die Türen: 20*C+M+B+18. Das aktuelle Jahr steht getrennt am Anfang und am Ende. Der Stern steht für den Stern, dem die Weisen aus dem Morgenland gefolgt sind. Zugleich ist er Zeichen für Christus. Die Buchstaben C+M+B stehen für die lateinischen Worte „Christus Mansionem Benedicat“ – Christus segne dieses Haus. Die drei Kreuze bezeichnen den Segen: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Außerdem singen wir und sagen Texte auf, die von den Heiligen Drei Königen handeln. Das Haus und alle seine Bewohner bekommen durch die Sternsinger den Segen Gottes für das kommende Jahr. Vor zehn Jahren war ich noch nicht ganz sechs und musste meinen Text und die Lieder auswendig lernen, denn lesen konnte ich ja noch nicht. Meine Eltern und auch meine Schwester haben mir damals geholfen. Auch haben meine Eltern aus ihrer Kindheit und dem Sternsingen erzählt. Schon seit mehreren Jahren kann ich alle Texte auswendig und alle anderen auch. Ab und an verwirren wir unsere Begleiter, wenn wir die Positionen ändern. Die beiden merken es, aber niemand sonst.

Was erlebt man an den Haustüren. Sind die Leute bereit Geld zu geben, oder muss man sie überreden?

Schobbe: Die Menschen erwarten uns. Sie haben sich angemeldet – entweder haben sie sich in eine Liste in der Kirche eingetragen oder sie melden sich bei Erika Drotschmann oder Ute Schwiebert. Manche rufen auch aufgrund der Zeitungsartikel an. Die meisten besuchen wir jedes Jahr, wir kennen sie und sie uns. Wir Sternsinger haben in vielen Wohnungen Dinge, auf die wir uns freuen: Ein Haus hat eine tolle Klingel, ein anderes hat einen Treppenlift, den wir benutzen dürfen. Viele Familien machen extra für uns ihren Tannenbaum oder die Weihnachtspyramide noch einmal an. Als Erinnerung wird auch manchmal ein Foto von oder mit uns gemacht. Oft sitzen die Familien zusammen im Wohnzimmer und erwarten uns. Es ist ein schönes Gefühl, dass sich alle auf uns freuen. Unser Auftritt ist für viele Menschen ein kleiner Höhepunkt und darauf sind wir stolz.

Sind die Menschen, die ihr besucht, knauserig als früher, oder nicht?

Schobbe: Nein, das Gefühl habe ich nicht. Die Menschen, die uns bei sich empfangen, geben gerne, weil sie wissen, dass es garantiert einem guten Zweck dient.

Wie viel Geld geben die meisten?

Schobbe: Ganz unterschiedlich, jeder gibt das, was er geben kann und möchte. Und wenn Vincent zum Schluss mit der Dose, in der wir das Geld sammeln, nach vorne tritt, seinen Text aufsagt und zum Ende kommt und sagt: Gebt uns eine guuuuuuuute Spende, spätestens dann ist es auch eine guuuuuute Spende.

Und wie gelangen die Spenden dann zu den bedürftigen Leuten? Wofür wird gesammelt?

Schobbe: Mit dem Geld, das die Sternsinger sammeln, unterstützt die Aktion Dreikönigssingen jährlich mehr als 1 600 Projekte für Kinder in Not. Projektanträge aus aller Welt werden von den zuständigen Mitarbeitern im Kindermissionswerk geprüft und einer Vergabekommission zur Entscheidung vorgelegt. Mit Beispielland und Motto setzt die Aktion Dreikönigssingen einen pädagogischen Schwerpunkt. So soll den Sternsingern die Lebenssituation von Kindern am konkreten Beispiel eines Landes nahegebracht werden. Gesammelt wird aber nicht nur für dieses eine Land, sondern für alle Projekte. In diesem Jahr ist das Beispielland Indien, wo aufgrund der Kinderarbeit kaum Schulbesuch für die Kinder möglich ist. Unser gesammeltes Geld wird in einem Gottesdienst unserem Pfarrer übergeben. Unser Pfarrbüro überweist die ganzen Spenden an das Kindermissionswerk. Es kommt jeder Cent an, das ist garantiert.

Warum ist es euch wichtig, für soziale Zwecke Geld zu sammeln?

Schobbe: Weil es eine tolle Gelegenheit für Kinder ist, etwas für arme Kinder zu tun. Außerdem sind wir ein lustiger Haufen, wir haben auch eine schöne Zeit zusammen, weil wir uns alle gut verstehen. Wir sind ja nicht nur in Visselhövede, sondern auch in vielen Dörfern mit unserem Kirchbus an zwei Tagen sieben oder acht Stunden unterwegs. Dann erzählen wir viel und singen ganz besonders gern „Mein kleiner roter Bus ...“ Dann dichten wir immer mehr neue Strophen dazu und alle lachen.

Spielt der religiöse Teil des Sternsingens für euch auch eine wichtige Rolle?

Schobbe: Natürlich wird das Ganze kirchlich organisiert, aber das Wichtigste ist doch, arme Kinder zu unterstützen. Dabei spielt deren Religion oder unsere überhaupt keine Rolle.

Würdet ihr das Sternsingen anderen empfehlen und warum?

Schobbe: Ich finde, es ist eine tolle Idee, Geld für so einen guten Zweck zu sammeln, da ich genau weiß, wo das Geld hingeht und ich vielen Kindern damit helfe. Jedes Jahr bin ich mit Begeisterung dabei und freue mich, wenn ältere Menschen glücklich sind, dass wir kommen. Von den vielen Süßigkeiten, die uns die Menschen zusätzlich zu den Spenden auch noch schenken und die bestimmt bis Ostern reichen einmal abgesehen, kann ich sagen: Weil es mir Spaß macht und ich etwas Gutes tue und auch ein gutes Gefühl dabei habe. Ja, ich würde es jedem empfehlen.

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