Als das Wasser kam

Leon Radermacher erlebte die Flut an der Ahr mit und ist in Nindorf zu Gast

Volker Haase (v.l.), Leon Radermacher und Christa Fischer auf der Terrasse.
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Volker Haase und Christa Fischer bieten Leon Radermacher und seinem Hund Lappes ein Zuhause auf Zeit.

Als die Flut den Ort Dernau nahe Ahrweiler überschwemmte, harrten Leon Radermacher und seine Familie in ihrer Wohnung im zweiten Obergeschoss aus, bis sie evakuiert wurden. Derzeit ist der 21-Jährige, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, zu Gast bei Christa Fischer und Volker Haase in Nindorf.

Nindorf – Einen ganzen Tag lang harren Leon Radermacher, sein Vater, seine zwei Brüder und seine Großmutter sowie Hund Lappes in ihrer Wohnung im zweiten Obergeschoss aus. Strom gibt es da schon nicht mehr, ebenso wenig wie fließendes Wasser. Am Abend des ersten Tages nach der Flut rettet sie ein Hubschrauber. Jetzt sitzt Radermacher im Garten von Volker Haase und Christa Fischer in Nindorf, die Sonne scheint, alles ist grün – dennoch denkt er sehr viel an das, was er erlebt hat und an sein Zuhause.

In Dernau ist die Ahr über die Ufer getreten und hat den Ort überflutet – auch das Haus, in dem Leon Radermacher mit seiner Familie lebt.


Denn das ist in Dernau an der Ahr in Rheinland-Pfalz, etwa fünf bis zehn Kilometer von Ahrweiler entfernt, der Region, die von dem schweren Unwetter vor gut drei Wochen mit am schlimmsten betroffen war. Bis zu sechs Meter hoch stand in Dernau das Wasser der Ahr, die nach dem Wüten des Sturmtiefs „Bernd“ über die Ufer getreten war und weite Teile der Region überschwemmt hatte. Darunter auch das Haus, in dem Radermacher lebt und das lediglich 20 Meter vom Ufer der Ahr entfernt ist. Mittlerweile ist das Wasser zurückgegangen und hat verschlammte und zerstörte Straßen und Häuser zurückgelassen. Während Radermachers Familie derzeit in den Aufräumarbeiten steckt, hat er im Landkreis Rotenburg Zuflucht gefunden.

Wie wir haben viele lange auf Rettung gewartet. Und ich hatte Angst, dass das Wasser weiter steigt.

Leon Radermacher

Denn der 21-Jährige ist auf einen Rollstuhl angewiesen, und das Haus, in dem er im zweiten Stock lebt, hat immer noch keinen Strom für den Aufzug. Fischer, eine Schwester seiner Großmutter, fährt am Wochenende nach der Flut in das Katastrophengebiet, um Radermacher zu sich und ihrem Mann nach Visselhövede zu holen.

Dort, mehr als 400 Kilometer vom Chaos entfernt, kann Radermacher erst einmal zur Ruhe kommen. Denn erlebt hat er in den Tagen nach dem Sturmtief viel: „Wir waren zu Hause, als das Wasser kam. Dann hieß es, dass die Talsperre zu brechen droht. Da sind wir hoch in die Wohnung gegangen“, erinnert sich Radermacher. „Es gibt dort sehr viele steile Hänge“, weiß Fischer, die selbst aus der Gegend stammt. „Da lief das Wasser wie sonstwas hinunter.“ In der Wohnung wartet die Familie auf Rettung. Das Wasser dringt derweil ins Haus ein, überflutet das Erdgeschoss und kurze Zeit später auch das erste Stockwerk. Die Elektrik ist da schon längst hinüber, auch das Handynetz ist ausgefallen – sie sind von der Außenwelt abgeschnitten. „Wie wir haben viele lange auf Rettung gewartet“, berichtet Radermacher. „Und ich hatte Angst, dass das Wasser weiter steigt.“ Irgendwann kommt der Hubschrauber und evakuiert die Familie von ihrer Dachterrasse. Seine Brüder, sein Vater und die Großmutter sowie der Hund werden an Seilen an Bord gehoben, Radermacher selbst aufgrund seiner spastischen Lähmung liegend in einem Tuch.

Allein 40 Todesopfer in Dernau

Der Helikopter bringt sie nach Neuenahr, mit dem Auto wird Radermacher nach Wershofen zu seinen Großeltern gebracht. Der Ort ist zwar nicht vom Hochwasser betroffen, dennoch funktioniert auch dort zu dem Zeitpunkt das Stromnetz nicht.

Während er erst bei seinen Großeltern und dann bei seiner Großtante in Nindorf Unterschlupf findet, versucht seine Familie, dem Chaos Herr zu werden. „Sie können wieder in die Wohnung, aber die Toilette funktioniert noch nicht wieder, Strom haben sie auch nicht“, hat Radermacher erfahren. Immerhin: Sie haben nun einen Container, in dem sie ihre persönlichen Sachen einschließen können, es gibt zudem einen Frischwassertank mit einer Duschmöglichkeit. „Es ist schön zu sehen, wie groß die Hilfsbereitschaft dort ist“, sagt Volker Haase. „Und vor allem: Leons Familie geht es soweit gut“, betont Christa Fischer. Denn selbstverständlich ist das nicht: Allein Dernau hat 40 Tote zu beklagen – und dann gibt es auch einige, die noch vermisst werden.

Die Flut hat aber noch eine weitere Auswirkung auf sein Leben: Bis zu Beginn der Pandemie arbeitete Radermacher in einer Marketingfirma, wo er im Lager Ware verpackt hat. Nach Corona wollte er in eine Einrichtung der Stiftung Bethel in Neuenahr ziehen, aber dieses Projekt ist ebenfalls von der Flut in Mitleidenschaft gezogen worden. „Das wäre ein wichtiger Schritt in die Selbstständigkeit für ihn gewesen“, bedauert Christa Fischer.

Briefe an die Familie

Aktuell bedeutet die Wohnsituation seiner Familie für Radermacher vor allem eines: Es kann Monate dauern, bis er wieder nach Hause darf. Demnächst wird er zu einer anderen Großtante ziehen, die in der Nähe seiner Eltern lebt. „Aber erstmal ist es hier sehr schön“, betont er. „Und ich komme hier überall gut hin.“ Das gilt dem Haus, denn alles im Gebäude als auch außenrum ist über Rampen erreichbar. „Wir haben das Haus vor einiger Zeit für uns altersgerecht umgebaut, von daher ist das hier ein Praxistest“, sagt Christa Fischer mit einem Lachen.

In Nindorf ist Radermacher mit ihr und Volker Haase viel draußen. Und er schreibt Briefe an Freunde, Bekannte und seine Familie. Außerdem chattet er mehrmals am Tag mit seiner Mutter, die zum Zeitpunkt der Flut gerade in einer Rehaklinik war. Per Whatsapp schickt er ihr Bilder und bekommt wiederum welche von seiner Familie zurück. Und allein in Nindorf ist er nicht: Auch sein Hund Lappes hat dort ein Zuhause auf Zeit gefunden.

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