Ein Leben ohne Müll

Überall auf der Welt wird aktuell über das Klima diskutiert. Irgendwie wollen es alle schützen, aber der richtige Weg ist noch nicht gefunden. Einer davon könnte sein, möglichst viel Müll zu vermeiden. Und damit kennt sich die Kölnerin Olga Witt bestens aus. Die Visselhöveder Initiative „Vissel for Future“ hat die überregional bekannte Aktivistin für einen Vortrag gewonnen, den sie am Montag, 17. Februar, ab 19 Uhr im Haus der Bildung halten wird. Witt ist Erfolgsautorin, junge Mutter und Gründerin von Unverpacktläden in Köln und Hannover. Im Interview berichtet die 36-Jährige, wie sie seit sieben Jahren fast ohne Müll, Verschwendung und Kunststoffverpackungen lebt.
Ein Leben ohne Müll. Das funktioniert bestimmt nicht so einfach?
Die Umstellungsphase war aufregend. In meinem Fall allerdings im positiven Sinne, weil es mir unglaublich viel Spaß gemacht hat, Alternativen und Lösungen zu finden und immer besser zu werden. Mittlerweile ist es ganz normale Routine für mich und für uns und damit genau so einfach wie es vorher war.
Warum machen Sie das?
Wir leben auf einem runden Planeten mit begrenzten Ressourcen. Obwohl wir das alle wissen, ziehen wir konstant Ressourcen aus der Erde, machen daraus Produkte und verbrennen oder deponieren sie. Das ist ziemlich dumm und das Gegenteil von nachhaltig oder Kreislauf oder Ökosystem oder natürlich. Ich wünsche mir, dass wir weniger Ressourcen verschwenden und lebe als Vorbild dafür. Außerdem ist mein Leben deutlich günstiger, einfacher und schöner geworden, seit ich das mache. Das möchte ich nicht mehr hergeben.
Wann sind Sie auf diese Idee gekommen? Oder was war der ausschlaggebende Punkt?
Vor knapp sieben Jahren bin ich einkaufen gegangen wie jeder andere auch. Ich hatte Ziele und Vorstellungen wie jeder andere auch. Lediglich ein diffuses Gefühl davon, dass Verpackungsmüll bestimmt keine gute Idee ist, schmorte in mir. Mit zunehmendem Konsum von Bioprodukten wurde die Verpackung teilweise sogar mehr. Zufällig las ich dann den Begriff Zero Waste in einer Zeitschrift. Ich fand eine Familie in den USA, die seit ein paar Jahren danach lebte und darüber bloggt. Ich war total begeistert, damit endlich die Lösung zu diesem diffusen Gefühl von „falsch“ zu finden und begann einen rasanten Umschwung.
Wie sieht es auf Ihrem Küchentisch aus? Null Verpackungen?
Nein. Nur keine Einwegverpackungen mehr. Die sind aber auch echt hässlich.
Wo und wie kaufen Sie ein?
Ich kaufe im Bioladen und auf dem Biomarkt Obst, Gemüse und Milchprodukte. Die trockenen Lebensmittel kaufe ich in unserem Unverpacktladen. Genauso wie das bisschen an Pflegeprodukten, was ich noch brauche. Außerdem sind wir Mitglied einer solidarischen Landwirtschaft, wo wir einen großen Teil unseres Gemüses drüber beziehen. Kleidung kaufe ich im Secondhandladen, gehe in den Umsonstladen oder zu einem Kleidertausch. Einwegprodukte brauche ich nicht mehr. Elektronik kaufe ich zum Beispiel bei Green Panda im Internet. Dort gibt es überholtes Gebrauchtes mit Garantie. Möbel und Ausstattungsgegenstände finde ich auf dem Sperrmüll, denn was da rumsteht, kann man nicht Müll nennen. Spielzeug oder wenn es etwas Spezielles sein soll, suche ich meist auf Ebay- Kleinanzeigen.
Shampooflaschen, Bonbontüten oder Heringsfilets in der Blechdose sind in Ihrem Haushalt nicht zu finden?
Schon, aber nur wenn unsere Kinder sie für sich kaufen. Mit Heringsfilets können sie allerdings wenig anfangen. Ich auch nicht. Seid mir klar ist, wie grenzenlos überfischt unsere Meere sind, esse ich keinen Fisch mehr.
Sind sie absolut konsequent oder gibt es auch mal Ausnahmen?
Das ist alles eine Frage der Definition. Ich habe auf jeden Fall nicht null Müll. Das hat niemand. Wenn wir verstehen, dass alles womit wir uns umgeben, was wir kaufen, was wir nutzen, irgendwann zu Müll wird, ist das ziemlich klar. Ist es also eine Ausnahme, wenn ich meine kaputten Schuhe wegschmeiße? Es gibt viele Dinge, die ich konsequent gar nicht mehr mache. Wie mich zu schminken. Dann gibt es aber auch solche Dinge, da machen wir mal Ausnahmen. Diese sind in der Regel aber für die Kinder. Ein gutes Beispiel ist die Milch. Ich freue mich riesig, wenn die Kinder statt der Kuhmilch zur Hafermilch greifen. Das bedeutet dann aber einen schrecklichen Tetra Pack. Ich kann gar nicht immer sagen, was besser oder schlechter ist.
Kinder- und Babypflege ohne Müll ist sicher nicht einfach, oder?
Doch, ziemlich einfach sogar. Ich würde fast sagen, deutlich einfacher. Ich habe meinem dreieinhalbjährigen Sohn noch nie die Haare gewaschen und dusche ihn auch nur selten. Das verhindert nicht nur, dass seine Haare frühzeitig abhängig von Shampoo werden. Es ist natürlich auch weniger Arbeit und Stress für mich. Welches Kind hat schon Lust auf Haare waschen? Und es führt zu weniger trockener Haut, wenn der Körper nicht ständig ausgetrocknet wird. Also ist auch keine Creme notwendig.
Und der Geruch?
Er hat weder fettige Haare noch riecht er ansatzweise unangenehm. Ganz im Gegenteil. Oft sauge ich den Geruch seiner Haare in mich auf, weil sie so schön riechen.
Und eine Etage tiefer?
Stoffwindeln und abhalten führten dazu, dass unser Junge schon mit 1,5 Jahren trocken war. Wie oft habe ich es seitdem abgefeiert, mit dem Thema Kackpo abwischen durch zu sein. Mit dieser Praxis ist auch ein wunder Po unwahrscheinlich. Fazit: Die meisten Babypflegeprodukte sind überflüssig bis schädlich für unsere Kinder. Je weniger wir benutzen, desto besser für alle Beteiligten.
Ihr Lifestyle ist sicherlich sehr viel teurer als der Alltag der Aldi- und Lidl-Kunden?
Mit Zero Waste zu leben, ist deutlich günstiger als der konventionelle Lebensstil. Einfach nur im Bioladen oder Unverpacktladen einzukaufen, wäre teurer als Aldi und Lidl. Lebensmittelverpackungen sind aber nur der kleinste Teil unseres Müllaufkommens. Das meiste sind Konsumgüter. Wenn wir weniger Konsumgüter kaufen, und diese dann auch noch gebraucht, dann sparen wir ziemlich viel Geld. Außerdem muss ich kein Geld mehr für die ganzen Einwegprodukte ausgeben, die auch bei mir früher ganz normal waren: Taschentücher, Küchenrolle, Frischhaltefolie, Alufolie, Toilettenpapier, Wattepads.
Ziehen ihre Freunde und die Familie mit?
Nicht wirklich. Mein Freundeskreis hat sich in den vergangen sieben Jahren sehr gewandelt. Ich umgebe mich mittlerweile hauptsächlich mit Menschen, die meine Werte teilen. Das ist zwar schade, weil ich so weniger in die alte Welt ausstrahlen kann, ich fühle mich unter meinen neuen Freunden aber einfach wohler. Ich muss mich nicht rechtfertigen und mir keine unaufgeforderten Verteidigungen und Erklärungen anhören. Ich bin einfach ganz normal. Meine Oma lebt zwar nicht ohne Verpackungsmüll. Dafür ist sie die sparsamste Frau, die ich kenne. Insofern lebt sie es schon immer auf ihre Art. Bei den anderen kann ich das weniger erkennen, aber das ein oder andere sickert schon durch.
Werden Sie ab und zu hinsichtlich ihrer Initiative belächelt?
Nein. Eigentlich nicht. Ich bekomme hauptsächlich positive Rückmeldungen und oder unaufgeforderte Rechtfertigungen und Verteidigungen. Ich schätze, das liegt daran, dass viele Menschen schon merken, dass sie sich ähnlich verhalten sollten, aus irgendeinem Grund aber nicht den Po hochbekommen, damit anzufangen.
Was dürfen die Visselhöveder von Ihrem Vortrag erwarten?
Einen spannenden Einblick in die Mythen und Hintergründe unserer Müllwirtschaft. Viele Tipps, wie jeder sofort loslegen kann und noch mehr Motivation, das auch gleich zu tun, weil die Vorteile einfach überwiegen.
Was halten Sie von solchen örtlich agierenden Gruppen wie „Vissel for Future“?
Alle diese einzelnen Gruppen sind ein ganz wichtiger Teil einer weltweiten und immer größer werdenden Bewegung. Damit haben wir das Zeug, die Welt zu verändern. Es braucht nur gerade mal 58 Prozent der Menschheit, um das zu tun. Wenn wir uns nur noch besser vernetzen und noch viel deutlicher machen, was für eine großartige Welt das sein kann, ohne Verschwendung und ohne maßlosen Konsum, dann blüht uns eine rosige Zukunft.
Was wünschen Sie sich?
Ich wünsche mir eine vollkommen neue Wirtschaftsordnung, die nicht nach Wachstum ausgerichtet ist, sondern nach dem Gemeinwohl. Ich wünsche mir Städte ohne Autos, und ich wünsche mir, dass das Bruttosozialglück bei uns genauso wichtig wird, wie es in Butan bereits ist. Und dann schauen wir weiter.



