Lars Neugebauer über seine Aufgabe als neuer Leiter der Visselhöveder Notunterkunft

„Aktionismus bringt nichts“

+
Lars Neugebauer leitet seit zwei Monaten die Visselhöveder Notunterkunft.

Visselhövede - Von Matthias Röhrs. Zum Dezember 2015 hin hat der Landkreis die Verwaltung der Flüchtlingsnotunterkunft in der Visselhöveder Kaserne Lehnsheide in die Hände des Deutschen Roten Kreuzes in Bremervörde gelegt. Seitdem hat Lars Neugebauer dort die Leitung inne. Nach zwei Monaten im Amt zieht er im Interview ein erstes Fazit.

Herr Neugebauer, Sie leiten die Notunterkunft jetzt seit zwei Monaten. Wie ist Ihr erster Eindruck?

Lars Neugebauer: Mein erster Eindruck war bereits Ende Oktober, als ich hier angefangen habe, sehr gut. Die Liegenschaft ist hervorragend für die Aufgabe geeignet und die Rahmenbedingungen ideal. Wir können hier für etwa 400 Menschen eine würdige und – im Rahmen der Umstände – angemessene Unterbringung auf Zeit gewährleisten.

Sie leiten die Kaserne im Auftrag des Landkreis Rotenburg. Dieser hat sich bis Dezember selbst um die Verwaltung gekümmert. Wie verlief die Übergabe?

Neugebauer: Die Übergabe mit den Mitarbeitern des Landkreises verlief reibungslos. Der Landkreis hat hier mit einem enormen Personal- und Energieeinsatz innerhalb von kürzester Zeit eine tolle Vorarbeit geleistet, die wir dann zum 1. Dezember übernehmen durften. Da wir mit einem wachsenden Mitarbeiterstamm jedoch bereits vorher vor Ort waren, waren die Übergänge in den einzelnen Bereichen fließend; im Dezember haben wir letztendlich nur die Verantwortung übernommen.

Ihre Aufgaben als Leiter der Notunterkunft, wie sehen die aus?

Neugebauer: Meine Aufgabe war vor allem zu Beginn, mir Strukturen zu überlegen, die einen Regelbetrieb über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr erlauben. Dann musste ich jede Menge Vorstellungsgespräche führen, um die Stellen zu besetzen. Danach kam die Einarbeitung und Begleitung der Mitarbeiter, denn keiner hatte im Vorfeld „Flüchtlingsbetreuer“ gelernt. Das war und ist eine spannende, aber auch lohnende Aufgabe. Letztendlich haben wir hier einen Betrieb mit etwa 50 Mitarbeitern aufgebaut.

Und jetzt?

Neugebauer: Nun, wo unsere Strukturen stehen und funktionieren, besteht meine Aufgabe in der „normalen“ Führung meiner Mitarbeiter, aber vor allem auch in der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und Stellen, wie etwa der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen, der Polizei, der Stadt Visselhövede, den verschiedenen Dienstleistern und dem Landkreis.

Mit was für einem Team arbeiten Sie in der Kaserne zusammen?

Neugebauer: Unser DRK-Team besteht aus 23 Mitarbeitern, die in verschiedenen Bereichen wie Logistik, Sanität, Unterkunft und Betreuung arbeiten. Dazu kommen Mitarbeiter anderer Firmen, die etwa für die Sicherheit oder die tägliche Verpflegung sorgen. Wir sind eine recht bunte Mischung, was unseren beruflichen Werdegang angeht. Von Politikwissenschaftlern über ehemalige Soldaten bis hin zu Bankkauffrauen und Stuntmännern ist alles bei uns dabei.

Wie können sich die Einheimischen noch einbringen?

Neugebauer: Die Bevölkerung in und um Visselhövede bringt sich schon großartig ein. Wir haben einen großen Stamm an Menschen, die uns helfen. Die Frage ist immer nur, wie lange das geht und durchgehalten werden kann. Insofern sind wir weiterhin über jede zusätzliche, helfende Hand dankbar.

Inwieweit ist der Landkreis in Ihrer Arbeit überhaupt noch präsent?

Neugebauer: Der Landkreis als unser Auftraggeber ist für uns nahezu täglich präsent, natürlich auf verschiedenen Ebenen. Für mich stellt sich diese Arbeit in einer äußerst engen, täglichen Zusammenarbeit mit Martina Karstens dar, der Leiterin des Ordnungsamtes. Es gibt Tage, an denen wir nahezu rund um die Uhr in Kontakt stehen – je den Anforderungen entsprechend.

Haben Sie die Notunterkunft bereits weiterentwickeln können?

Neugebauer: Meine Aufgabe war es, einen Regelbetrieb bei einer reduzierten Personalzahl sicher zu stellen, aber dabei das Betreuungsangebot für unsere Bewohner auszubauen. Ich denke, dass uns dieses gut gelungen ist. Wir haben neue Strukturen aufgebaut, einen festen Tagesbetrieb, der allen klar ist, und haben ein ordentliches Betreuungsangebot auf die Beine gestellt. Ich sehe darin schon eine gute Entwicklung.

Wo gibt es noch Entwicklungsbedarf?

Neugebauer: Wir sind in vielen Bereichen, wie etwa der Kleiderkammer oder dem Kindergarten, auf ehrenamtliche Helfer und die Spendenbereitschaft der Bevölkerung angewiesen. Hier ist es eine Herausforderung, diese über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Außerdem versuchen wir, in allen Bereichen durch kleine Veränderungen besser zu werden, etwa durch den Umzug der Kleiderkammer in besser geeignete Räume oder durch interne Umorganisation.

Wie lässt sich das umsetzen?

Neugebauer: Bei allen Veränderungen, die wir anstreben, muss im Vorfeld sauber und gründlich geplant werden – und dann die Umsetzung mit viel Geduld geschehen und eine klare Kommunikation stattfinden. Es bringt nichts, aus Aktionismus heraus Dinge halbfertig zu installieren oder einfach zu machen. Diese Dinge brauchen Zeit. Immerhin sind von der letztendlichen Umsetzung 400 Menschen betroffen.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Neugebauer: Zum Beispiel der Umzug Kleiderkammer. Es muss nicht nur der Umzug geplant werden, der Personaleinsatz, die Verantwortlichkeit, die Transportmöglichkeiten, die letztendliche Organisation und der Aufbau. Es müssen auch die neuen Örtlichkeiten und Öffnungszeiten mit und für die Bewohner kommuniziert werden – und das in vier bis fünf verschiedenen Sprachen. Das muss möglichst frühzeitig und an verschiedenen Stellen geschehen. Hier ist gründliches Arbeiten äußerst wichtig.

Gibt es Projekte, die in naher Zukunft angestoßen werden sollen?

Neugebauer: Ein bereits geplantes Projekt ist die Einbindung der örtlichen Sportvereine, die verschiedene Sportkurse für die Flüchtlinge innerhalb der Liegenschaft anbieten wollen. Hier hängt es noch an einigen organisatorischen Bedingungen. Sobald die geklärt sind, wird das eine tolle Sache.

Zur Person

Die Flüchtlingsnotunterkunft in Visselhövede ist nicht die erste Einrichtung dieser Art, die Lars Neugebauer leitet. Bereits im vergangenen Herbst, ab September, war der 34-Jährige für das Deutsche Rote Kreuz für eineinhalb Monate für die Notunterkunft in Schwanewede verantwortlich. „Das war gut, dass ich das zuvor gemacht habe“, sagt Neugebauer rückblickend, auch wenn dies nicht nur aufgrund der Größe „ein ganz anderes Pflaster“ sei. Die Erfahrungen dort hätten ihn allerdings für seine Aufgaben in Visselhövede gut vorbereitet. Das Umfeld einer Kaserne ist dem Ostereistedter vertraut. Zwölf Jahre lang hat er bei der Bundeswehr gedient und war Offizier. Im Jahr 2013 folgte dann der Wechsel zum Deutschen Roten Kreuz als Leiter der Kindertagesstätte im Zevener Holland-Haus.

Mehr zum Thema:

Nach Anschlag in London: Festgenommene wieder frei

Nach Anschlag in London: Festgenommene wieder frei

Werk-Kunst Ausstellung im Verdener Rathaus

Werk-Kunst Ausstellung im Verdener Rathaus

Unglücksfähre "Sewol" vor Südkorea auf Lastschiff verladen

Unglücksfähre "Sewol" vor Südkorea auf Lastschiff verladen

"Schwung und Kraft": Vettel jagt Hamilton in Australien

"Schwung und Kraft": Vettel jagt Hamilton in Australien

Meistgelesene Artikel

Selbstverteidigung im Viervierteltakt

Selbstverteidigung im Viervierteltakt

Westervesede: Noch jede Menge Müll vom Hurricane-Festival 2016 

Westervesede: Noch jede Menge Müll vom Hurricane-Festival 2016 

Auto brennt völlig aus

Auto brennt völlig aus

Hartmut Leefers: „Das ist ein schwieriger Prozess“

Hartmut Leefers: „Das ist ein schwieriger Prozess“

Kommentare