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Krieg in der Ukraine erreicht Bäcker: Mehl ist das neue Gold

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Von: Jens Wieters

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Heiner Tamke am Silo
Der Preis für das weiße Gold, wie Mehl zurzeit genannt wird, und das bei Tamke aus dem Silo auf die Waage kommt, hat sich innerhalb eines halben Jahres mehr als verdoppelt. © Jens Wieters

Was kosten heute 100 Kilo Mehl? Bäckermeister Heiner Tamke aus Wittorf checkt mittlerweile täglich die Preise für die Rohstoffe, die nur einen Weg kennen: steil nach oben. Der Krieg in der Ukraine schlägt sich in den Filialen der Region nieder. Tamke fordert ein Umdenken.

Wittorf – Der Transporter mit drei Zimmerergesellen hält kurz vor der Bäckerei. Eigentlich wie immer. Die Handwerker springen rein, ordern jeweils zwei belegte Brötchen und 'ne Zeitung. Auch wie immer! Einer nimmt noch eine Schachtel Zigaretten mit. Wie jeden Morgen. Dann müssen die Männer bezahlen und ruckzuck sind sie sechs, sieben und der mit den Zigaretten sogar knapp 14 Euro los. Und das ist nicht wie immer.

„Leider ist gerade so“, sagt Bäckermeister Heiner Tamke aus Wittorf. Und nicht nur die Handwerker schütteln den Kopf über die Preise ihres Pausensnacks, auch das berühmte Lieschen Müller kann kaum glauben, was auf ihrem Bon steht. „Die Preise galoppieren uns gerade davon“, bedauert der Unternehmer, der in der Region zwölf Filialen betreibt.

Ein Beispiel: 100 Kilo normales Weizenmehl haben kurz vor Weihnachten 28,50 Euro gekostet. „Dann ist der Preis ein wenig geklettert, aber das waren normale Schwankungen. Bis Ende Februar, als die Russen in der Ukraine einmarschiert sind. Seitdem kennen die Weizenmehlpreise nur noch einen Weg: nach oben – und zwar steil.“ Im März 36,50 Euro pro 100 Kilo, muss Tamke zurzeit 45,90 Euro für die gleiche Menge berappen. „Ab Juli werden dann 65 Euro fällig.“ Weit mehr als eine Verdoppelung des Preises innerhalb eines halben Jahres.

Kurzfristige Lieferverträge für Bäcker

„Und ein Ende dieses Anstiegs ist angesichts des Krieges in der Kornkammer Europas noch nicht in Sicht“, vermutet Tamke, dessen Vater Walter das Geschäft 1948 in Wittorf in den ehemaligen Räumen einer Molkerei gegründet hatte.

Darum sind die Lieferverträge mit seinem Großhändler aktuell auch nur kurzfristig angelegt. „Jetzt nur drei Monate. Vor dem Krieg haben wir Lieferverträge mit einjähriger oder zweijähriger Preisbindung abgeschlossen, aber das ist jetzt nicht möglich. Wir müssen uns jetzt fast täglich mit den Preisen beschäftigen“, betont Heiner Tamke, dessen Bäckergesellen pro Woche 6,5 Tonnen Weizenmehl und 3,5 Tonnen Roggenmehl zu Backwaren aller Art verarbeiten.

Neben der Verknappung durch den Lieferausfall aus der Ukraine kommt noch hinzu, dass das weiße Gold, wie Mehl bereits genannt wird, an der Börse in Chicago hoch gehandelt werde. „Dort sind Spekulanten aktiv, die enorme Summen darauf setzen, dass der Preis weiter steigt. Die haben nun überhaupt nichts mit der Ernährung der Weltbevölkerung am Hut und verschärfen die Lage zusätzlich.“

Bäckermeister Heiner Tamke am Rechner
Bäckermeister Heiner Tamke aus Wittorf checkt mittlerweile täglich die Preise für die Rohstoffe, die nur einen Weg kennen: steil nach oben. © Jens Wieters

Aber Tamke, und mit ihm wohl alle Berufskollegen, können das Liefersystem nicht verlassen, „auch wenn wir es gern wollten“. Denn das Mehl müsse immer und überall eine bestimmte Qualität haben. Einfach mal eben so woanders Mehl zu besorgen, funktioniere nicht. „Der Rohstoff muss regelmäßig im Labor untersucht werden, das können wir selber nicht leisten und wir können nicht ständig den Anbieter wechseln, denn eine regelmäßige Lieferung muss ebenfalls gewährleistet sein.“

Gleiches gelte für andere Rohstoffe wie Sonnenblumenkerne, Leinsamen oder Sesam. „Diese Zutaten haben in unserer betriebswirtschaftlichen Betrachtung bisher nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Aber auch dort sind die Preise nahezu explodiert, sodass wir auch darauf genauer gucken.“

Preise müssen an Kunden weitergegeben werden

Also kann Tamke nur die Zähne zusammenbeißen und zahlen – und diese Preise an seine Kunden weitergeben. „Da haben wir gar keine andere Chance.“ Denn nicht nur die Rohstoffe würden immer teurer, auch der Strom und natürlich der Diesel, der seine Transporter antreibe, damit die Waren pünktlich in den Filialen ankämen. „Wir haben die Tourplanung jetzt noch mal modifiziert und auch ein Büro beauftragt, den günstigsten Stromanbieter herauszusuchen“, informiert der Bäckermeister, der aktuell rund 5 000 Euro für Strom zahlen muss – jeden Monat.

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Tamke, der eine „gewisse Kaufzurückhaltung“ bei seinen Kunden spürt, hofft natürlich nicht nur auf ein rasches Ende des Krieges, sondern setzt auch auf ein Umdenken in der Bevölkerung. „Diese Situation in fast allen Branchen macht doch deutlich, wie fragil unser ganzes System aufgebaut ist. Läuft ein Rädchen nicht mehr richtig, gerät das große Ganze sofort ins Stocken. Vielleicht sollten wir uns zum Beispiel damit anfreunden, dass in den Lebensmittelgeschäften nicht zu jeder Zeit alles zu haben ist. Denn das Brot der Handwerksbäcker ist auch am nächsten und übernächsten Tag immer noch lecker“, betont der Meister, dem es „in der Seele weh tut“, dass er in der Woche zwischen 1,2 und 1,6 Tonnen Backwaren in die Tonne werfen muss. „Auch das sollte nicht sein, sondern wir alle müssen verantwortungsvoller mit den Lebensmitteln umgehen.“

Zu viele Brachflächen?

Eine Lösung des aktuellen Problems hat Tamke nicht parat. Aber auch er ist dafür, dass das gerade diskutierte Thema Brachlandflächen genauer unter die Lupe genommen wird. „Ich bin kein Landwirt, aber dass Bauern Geld dafür bekommen, Flächen brach liegen zu lassen, statt dort vielleicht Getreide anzubauen, kann irgendwie auch nicht richtig sein. Zumindest wird es Zeit, neue Wege zu beschreiten“, sagt Tamke.

Den Raucher unter den drei Zimmerern würden solche Wort sicher nachdenklich stimmen: „Brot brauche ich zum Leben, Zigaretten nicht.“

Podcast: Steigende Lebensmittelpreise

Um steigende Lebensmittelpreise geht es auch in unserem Podcast „Kreis und Quer“. Die Niedersächsische Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast erklärt darin die Zusammenhänge der Preissteigerungen und gibt einen Ausblick, was auf die Verbraucher noch zukommt.

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