INTERVIEW AM WOCHENENDE Jürgen Rückheim, Generalbevollmächtigter von Vermilion Energy

„Konkrete Aktivitäten im Herbst 2020“

Dr. Jürgen Rückheim, Deutschland-Chef von Vermilion Energy.

Visselhövede – Neben den Konzernen Winterschall Dea und ExxonMobil rückt auch Vermilion Energy Germany in den Fokus der Region beim Thema Erdgasförderung. In der Region ist das Unternehmen noch recht unbekannt. Wir fragen nach beim Generalbevollmächtigten Jürgen Rückheim.

Wer ist Vermilion?

Vermilion Energy ist ein internationales Energieunternehmen, das in der Aufsuchung, Entwicklung und Gewinnung von Erdgas- und Erdölfeldern in Nordamerika, Europa und Australien tätig ist. 1994 in Calgary im Westen Kanadas als mittelständisches Unternehmen gegründet, blickt Vermilion Energy heute weltweit auf eine gut 25-jährige erfolgreiche Unternehmensgeschichte zurück. Insgesamt beschäftigt Vermilion weltweit circa 1 000 Mitarbeiter, davon etwa 400 in Europa. In Deutschland ist Vermilion seit 2014 als GmbH an mehreren Explorations- und Produktionsaktivitäten beteiligt Unsere produzierenden Erdölfelder liegen nordöstlich von Hannover, die Erdgasfelder im Landkreis Leer. Hohe Standards für den Schutz von Mensch und Umwelt haben all unseren Aktivitäten höchste Priorität. Fracking von Schiefergas ist nicht Teil unseres Geschäftsmodells.

Die Bedeutung fossiler Rohstoffe in der Energieversorgung in Deutschland befindet sich auf dem Rückzug. Vermilion hingegen betritt 2014 den deutschen Markt und wird zunehmend aktiv. Wie passt das zusammen?

Vermilions Aktivitäten konzentrieren sich auf Märkte und Länder mit einer etablierten Infrastruktur sowie qualifizierten Arbeitskräften und Dienstleistern und stabilen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Bezüglich der Rolle von Erdgas und Erdöl in der Energiewende sehen wir ganz klar Erdgas als bedeutenden Teil dieser Energiewende. So ist im Vergleich zu anderen fossilen Energieträgern die Energieversorgung mit Erdgas als Brückentechnologie flexibel regelbar und risikoärmer. Aufgrund der hohen Sicherheitsstandards für Erkundung und Gewinnung, der besseren Klimabilanz im Vergleich zu Importen und der Möglichkeit, die Abhängigkeit vom Import zu begrenzen, sehen wir im Erdgas aus heimischer Produktion für Verbraucher in Deutschland eine hohe Bedeutung. Vermilion hat ein großes Interesse am deutschen Markt und blickt optimistisch in die Zukunft, in Deutschland mindestens noch in den kommenden 30 Jahren Kohlenwasserstoffe regional zu fördern. Dies wird der Zeitraum sein, in dem Erdgas eine Brücke ins Zeitalter der erneuerbaren Energien schlagen wird.

Was plant Ihr Konzern im Gebiet Visselhövede und im Bereich Weißenmoor bei Kirchwalsede?

Im Gebiet der Stadt Visselhövede plant Vermilion aktuell eine Erkundungsbohrung. Vermilion ist seit Januar 2016 Betriebsführer für die relevante Erlaubnisfläche Hamwiede. In der Vergangenheit wiesen Bohrungen in der Region nördlich der geplanten Erkundungsfläche bereits eine Gasführung in verschiedenen Sandsteinen des Rotliegend nach. Bis heute wird Erdgas im nördlichen Weißenmoor-Feld produziert. Mit der geplanten Erkundungsbohrung möchten wir herausfinden, inwieweit diese gasführenden Sandsteine auch im Bereich Weißenmoor Süd anzutreffen sind. Unser Zeitplan sieht konkrete Aktivitäten ab Herbst 2020 vor. Die Öffentlichkeit werden wir in diesem Sommer darüber informieren.

Probebohrungen sind ja immer wie ein Schuss ins Blaue. Was kostet eine Bohrung und wie sicher sind Sie, dass Sie fündig werden?

In der Bergbauindustrie beschreibt häufig die Redewendung „vor der Hacke ist es duster“ die Ergebnisoffenheit einer Bohrung. Allerdings liegen uns heute gut verwertbare Daten vor. Auf Basis dieser Daten kann unser Team dank neuer Analyseverfahren ein viel genaueres Bild des Untergrunds entwerfen und mögliche Lagerstätten verorten. Diese Arbeit kann mehrere Jahre in Anspruch nehmen und zeigt, wie sorgfältig die Industrie hier ihre Projekte vorbereitet. Bei Kosten einer Bohrung von etwa 15 Millionen Euro liegt es in unserem eigenen Interesse, das Risiko der Nichtfündigkeit durch möglichst genaue Untergrundmodelle und Erfahrungswerte zu minimieren.

Verspricht die Bohrung Erfolg, was geschieht dann?

Sollte sie erfolgreich sein, wird die Bohranlage nach Erreichen der Endteufe zeitnah abgebaut. Es folgt ein kurzer Produktionstest, der mittels einer mobilen Anlage die Qualität des Erdgases und die Höhe des erwartbaren Fördervolumens prüft. Sind die Qualität sowie das erwartete Volumen wirtschaftlich nutzbar, wird die Bohrung an das existierende Gasnetz angebunden und eine Produktionsanlage aufgebaut. Eine solche Anlage wird in der Regel eingehaust, sodass von außen nur Aufbewahrungsbehälter und ein Gebäude zu sehen ist, in dem sich die Aufbereitungsanlage befindet. Wird kein Erdgas gefunden, wird die Bohrung ordnungsgemäß verfüllt, der Bohrplatz vollständig zurückgebaut und die gesamte circa 0,7 Hektar große Fläche rekultiviert.

Kennen Sie die Befürchtungen der Menschen in der Region in Zusammenhang mit der Erdgasförderung?

Uns ist die Bedeutung der Diskussionen um die Gewinnung von Erdgas, dem Schutz von Trinkwasser oder die Minimierung von Emissionen sehr bewusst. Daher nehmen wir uns viel Zeit, sachlich zu den Projekten und zur Rolle der Gasförderung in Deutschland aufzuklären sowie projektbezogene Rückmeldungen aus der Nachbarschaft einzuholen, um diese – sofern technisch machbar – umzusetzen. Hierbei erleben wir, dass Mitbürger die dem Thema Erdgas positiv gegenüberstehen unter Druck gesetzt werden, dass sich Teilnehmer mit grundsätzlicher Ablehnung der Erdgasförderung sachlichen Argumenten verschließen oder dass einzelne Institutionen, Entscheidungsträger und Initiativen sich einem Gespräch ganz entziehen. Das ist für uns kein akzeptabler Umgang miteinander. Weiterhin betreten und beschädigen Unbefugte bestehende Betriebsplätze. Dies gefährdet die Sicherheit der Anlagen und damit auch die der Nachbarn. Aber es ist uns wichtig, im Dialog zu bleiben. Das ist für beide Seiten zugegebenermaßen anspruchsvoll.

Es gibt im Bereich der Samtgemeinde Bothel sowie in Rotenburg eine ganze Reihe von Krebsfällen. Die Menschen glauben, dass die Krankheiten etwas mit der Erdgasförderung zu tun haben könnten. Ihre Einschätzung dazu?

Wir haben großes Verständnis für die Sorgen und den Wunsch nach Aufklärung der Krebsursachen. Bisherige Studien können einen generellen Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen und Wohnortnähe zu Erdgas- und Erdölförderung nicht feststellen. So bestätigte die Sonderauswertung des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen von 2016 zwar die Vermutung einer Krebshäufung in der Samtgemeinde Bothel. Allerdings seien die „Aussagen zur Ursache von lokalen Krebshäufungen […] mit Analysen, die sich ausschließlich auf Krebsregister-Routinedaten beziehen, nicht möglich.“ Die nachfolgende Abstandsstudie konnte ebenfalls die im Vorfeld festgestellten statistischen Häufigkeiten hämatologischer Krebserkrankungen bestätigen. Aber auch hier konnte die Studie „keine Zusammenhänge zwischen der Wohnnähe zu Standorten der Kohlenwasserstoffförderung oder Schlammgrubenverdachtsflächen und dem Auftreten hämatologischer Krebserkrankungen“ erkennen. Abschluss und Veröffentlichung der Human-Biomonitoring-Studie stehen noch aus.

Das heißt, Sie schließen einen Zusammenhang aus?

Auf Basis der durchgeführten Studien und Untersuchungen sehen wir daher aktuell keinen Nachweis für einen Zusammenhang zwischen Erdgasförderung und Krebserkrankung. Abschließend können wir versichern, dass wir als Unternehmen, wo immer möglich, mit Transparenz zur Untersuchung der Ursachen unseren Beitrag leisten.

Warum forcieren Sie dennoch eine Erkundung? Wäre es nicht fairer gegenüber den Menschen, mit den Bohrungen zu warten, bis Ergebnisse vorliegen?

Beide veröffentlichten Studien konnten keine Zusammenhänge zwischen Krebserkrankungen und Erdgasförderung nachweisen. Wir werden die Ergebnisse der dritten Studie mit Interesse verfolgen. Vor dem Hintergrund der Studien sehen wir aktuell keine Notwendigkeit, unsere Projekte auf Eis zu legen. Derweil gibt es Stimmen, die trotz der vorgelegten Studien an einen Zusammenhang glauben wollen. Wir stellen uns hier die Frage, warum vom Land beauftragten wissenschaftlichen Studien kein Glauben geschenkt wird.

In Kroge und Dorfmark gibt es viele Proteste gegen Ihre Aktivitäten. Genossenschaften wollen Ihnen die Benutzung von Straßen nicht gestatten. Befürchten Sie auch in Visselhövede Widerstand?

Wir kennen die Debatte um einzelne Themen in der Region. Es ist unsere Aufgabe, uns diesen Diskussionen in sinnvollem Umfang zu stellen. Konkrete Fragen und Hinweise zu Projektinhalten nehmen wir gerne auf und integrieren diese soweit möglich in unsere Projektplanung. Eine komplette Absage an ein Vorhaben für die Erdgasförderung in der Region hingegen steht nach unserer Meinung in der Diskussion auf lokaler Ebene nicht zur Debatte. Unsere Sichtweise: Solange Vermilion Inhaber von Explorationslizenzen zur Aufsuchung von Kohlenwasserstoffen ist, ist unsere Aktivität in der Region als Auftrag der Niedersächsischen Landesregierung zu verstehen.

Der Landkreis Heidekreis und die Stadt Visselhövede haben Resolutionen verabschiedet, die im Kern zum Inhalt haben, jedwede Erdgasbohrungen abzulehnen. Ist das Ihrer Ansicht nach ein stumpfes Schwert, weil ja das Landesbergamt die Genehmigungsbehörde ist?

Wir sehen die Resolution als ein regionales politisches Signal, auf das wir mit einer Einladung zu einem fachlichen Austausch und konstruktiven praxisorientierten Lösungen antworten. So haben wir im Raum Bad Fallingbostel auf Basis der Rückmeldungen einen Maßnahmenkatalog entwickelt und diesen im Rahmen unseres Nachbarschaftsforums vorgestellt. Wir kannten also im Vorfeld viele der Bedenken, sodass viele unserer Maßnahmen als Antwort auf die enthaltenen Forderungen gelesen werden können wie beispielsweise die Minimierung der Emissionen, Luftmessungen, Grundwasser-Monitoring oder – im Fall von Schäden – eine Beweislast durch Vermilion und nicht durch Anwohner. Der Maßnahmenkatalog für den Raum Visselhövede wird wohl ähnlich aussehen.

Wie und wann wollen Sie den Menschen der Region Ihre Vorhaben erläutern?

Grundsätzlich informieren wir die Öffentlichkeit weit im Vorfeld zu konkreten Aktivitäten, damit Rückmeldungen bei der Projektplanung berücksichtigt werden können. Andererseits können wir auch erst informieren, wenn wir belastbare Fakten und einen Planungsstand vorbringen können, der für die Nachbarschaft konkret genug ist. Für das Vorhaben im Raum Visselhövede sind früheste Feldaktivitäten ab Herbst 2020 geplant. Vermilion wird vorab im Rahmen eines Nachbarschaftsforums für die breite Öffentlichkeit sowie eines Nachbarschaftstisches für Anwohner über das Vorhaben informieren.

Sie haben die Förderrechte von ExxonMobil übernommen. Gibt es zeitliche Beschränkungen? Oder anders gefragt: Sitzt Ihnen die Zeit im Nacken?

Es ist richtig, dass sogenannte Erlaubnisse, bergrechtliche Titel zur Aufsuchung des Rohstoffes, von der Genehmigungsbehörde LBEG nur für einen begrenzten Zeitraum vergeben werden. So darf eine Erlaubnis maximal eine Gültigkeit von fünf Jahren haben und diese dann jeweils maximal für drei Jahre verlängert werden. Wesentlicher Bestandteil dieses Antrages ist ein verpflichtendes Arbeitsprogramm wie beispielsweise das Abteufen einer Bohrung, das für den beantragten Zeitraum eingehalten werden muss.

Haben Sie schon Grundstückseigentümer auf Ihrer Seite, die Ihnen Wegerechte einräumen?

Für das Vorhaben im Raum Visselhövede ist es hier noch verfrüht, über konkrete Obertagestandorte zu sprechen. Wir führen Gespräche und werden sehen, welche mögliche Lokation wir in Betracht ziehen können.

Vermilion Germany ist ein Ableger der kanadischen Muttergesellschaft. Da könnte das Handelsabkommen CETA ins Spiel kommen, das Ihnen relativ viele Freiräume in Europa lässt. Kommen Ihre Aktivitäten hier vor Ort nicht zustande, könnten Sie möglicherweise Schadensersatz fordern. Spielen solche Ideen auch eine Rolle in Ihren Überlegungen?

Vermilion Energy Germany ist dem deutschen Recht unterworfen und genießt nicht mehr Rechte als andere Erdgas- und Erdölunternehmen. Die Überlegung, im deutschen Markt Fuß zu fassen, geschah unabhängig von CETA. Ergänzend möchte ich noch auf die veröffentlichte Einschätzung des Europäischen Gerichtshofes zur Schiedsvereinbarung hinweisen: Kritiker befürchteten, dass das Streitbeilegungssystem im Freihandelsabkommen mit europäischem Recht nationale Sozial- und Umweltstandards verhindern könnte. Die Richter urteilten aber, dass die Autonomie der Rechtsordnung der Union durch das Abkommen nicht beeinträchtigt werde und demokratisch getroffene Entscheidungen nicht infrage gestellt werden können wie beispielsweise für die Gesundheit von Menschen und Tieren, Lebensmittelsicherheit oder den Umwelt- und Verbraucherschutz.

Info: Fachmann mit viel Erfahrung 

Dr. Jürgen Rückheim blickt auf gut drei Jahrzehnte Erfahrung in der Erdgas- und Erdölindustrie zurück. Nach dem Studium der Geowissenschaften promovierte er in dem Fachgebiet Organische Geochemie. Er war in vielen Ländern und Führungspositionen in der Aufsuchung sowie des Baus und Betriebes von Gasspeichern tätig. Als Generalbevollmächtigter von Vermilion Germany verantwortet er den Bereich Public and Governmental Relations, Genehmigungswesen und Landangelegenheiten. Er ist seit 2004 Mitglied der Akademie für Geowissenschaften und Geotechnologien.

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