In der Kaserne Lehnsheide zählt jede helfende Hand

Chaos in der Kleiderkammer

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Zwei Helferinnen graben sich durch die Spendensäcke in der Visselhövede Flüchtlingsunterkunft.

Visselhövede - Von Matthias Röhrs. Leuchtstoffröhren tauchen den Keller auf dem Gelände der Kaserne Lehnsheide in ein fahles Licht, die Wände sind grau und gelb. Die ersten vier Räume dienen als Kleiderausgabe der Flüchtlingsunterkunft. Je einer für Männer, Frauen, Kinder und Hygiene. Viel Arbeit für die Freiwilligen, die Tag für Tag in der Kleiderkammer helfen.

Ein Vorhang aus Absperrbändern dient als Grenze zu den Lager- und Sortierräumen. An einem Band baumelt ein Blatt Papier, das den Flüchtlingen den Durchgang verbietet. Hier herrscht reges Treiben. Hier versuchen die Ehrenamtlichen, der Flut an Sachspenden Herr zu werden.

Hinter einer Ecke begutachten fünf Freiwillige die Spenden. Alle tragen Handschuhe aus Latex, an vielen Stellen steht Desinfektionsmittel bereit. Marcus Dachsel ist einer von ihnen, vor ihm ein Berg aus Damenschuhen, die er allesamt wieder wegräumt. „Davon haben wir viele, was wir brauchen sind Herrenschuhe“, sagt er. Auch Sommersachen werden gleich eingelagert fürs nächste Jahr. Im Moment ist keine Zeit, die auch noch zu sortieren. Oben liefert ein Kleinbus gerade die nächsten Spenden an, die am Kasernentor abgegeben wurden.

Dachsel rennt oft nach vorne zu den Ausgaben. Kurzer Dienstweg. „Braucht ihr Kinderschuhe?“, fragt er. Lieber direkt nach vorne bringen als es noch irgendwo lagern zu müssen, so die Devise. Hier unten ist kaum noch Platz. „Der Bereich ist ja nur zum Sortieren gedacht“, sagt er. Es ist sein vierter Tag in der Kleiderkammer. Er schaut auf die Uhr, später will er noch zur Arbeit fahren.

Am Ende des Kellers ist ein Sortierraum. Links zwei lange Regale, voll gestopft mit allen möglichen Kleidern. Unzählige Hosen, Hemden, T-Shirts, Pullover, Blusen und Jacken. Neben dem Eingang ein großes Blatt Papier mit der Überschrift „Was fehlt? Ideen?“. „Windeln, Besen und Maßbänder“ hat jemand dort notiert. Hinter den unterstrichenen Worten „unbedingt Kartons“ stehen drei Ausrufezeichen.

Zurzeit sind laut Sandra Pragmann von der Koordinierungsstelle Ehrenamt des Landkreises Rotenburg immer 20 bis 30 Helfer täglich in der Kleiderkammer aktiv. Die Spendenbereitschaft sei sehr groß. Das DRK ist anfangs davon ausgegangen, dass 14 Helfer benötigt werden. „Wir brauchen jede Hand“, sagt Pragmann.

Obwohl es im Keller keine Heizung gibt, trägt kaum einer langärmlig. Helfer Detlev Kelm: „Hier friert keiner.“ Wie auf Zuruf wischt Dachsel sich den Schweiß von der Stirn. „Mittlerweile gibt es mehr brauchbares“, erzählt er. Die Spenden sind im guten Zustand.

Anfangs kamen die Kleider noch aus der Altkleidersammlung, wo viel Müll dabei war. Er leert einen Karton voller Baby-Kleidung und sucht die warmen Sachen raus. Was gut ist, können die Helfer bereits auf den ersten Blick erkennen. „Es ist ein bisschen wie Gold schürfen“, sagt er.

Kurze Pause, während der eine oder andere weiterarbeitet, trifft sich im Aufenthaltsraum ein Teil der Helfer zum Kaffee. Die Stimmung ist gut, es werden Witze gemacht. Die meisten sind seit halb neun hier, die Schicht geht bis 13 Uhr. Pragmann: „Anschließend essen wir immer gemeinsam zu Mittag.“

Mittlerweile dient fast das ganze Gebäude als Kleiderkammer. Zwei Stockwerke höher wirkt alles weniger düster, denn durch die milchigen Fenster dringt natürliches Licht. Hunderte Plastiksäcke liegen auf einem großen Haufen zusammen – Zeugnis der Spendenbereitschaft der Menschen aus der Region und trotzdem nur ein Bruchteil dessen, was bereits durch die Hände der Ehrenamtlichen gegangen ist.

Vier Frauen und zwei Kinder wühlen sich durch den Berg und suchen nach Sachen, die unten gebraucht werden. Ein Freiwilliger hat nach Taschen und Rucksäcken gefragt. Auf die Frage, warum sie hier helfen, kommt zunächst eine pragmatische Antwort: „Weil‘s nötig ist“, sagt Helferin Anja Heldberg, „da muss man nicht lange drum herum reden.“

Sie überlegt kurz. „Wir müssen sehen, dass wir ganz schnell mit den Flüchtlingen in Kontakt kommen, um es für alle gut zu machen“, fährt sie fort. Ihr Sohn Hannes ist auch dabei. Er sagt: „Ich wollte was nützliches in den Herbstferien machen.“

Die Kleidung ordentlich zusammenlegen lohnt sich nicht, hier zählt mittlerweile jede Sekunde. Ein beschrifteter Karton muss ausreichen. „Anders kommen wir auch nicht mehr dagegen an“, sagt Dachsel. Auch normale Herrenbekleidung findet zunächst wenig Beachtung. Das Problem: Es wird zwar viel gespendet, doch häufig in zu großer Konfektion. Die Flüchtlinge sind meist kleiner als der durchschnittliche Spender. Die Größen M und S sind rar, ebenso Herrenschuhe. „Wir brauchen auch Sachen für junge Leute, wir haben viele 25- bis 35-Jährige hier“, sagt Pragmann. Zustand: „Dass man es selber noch anziehen würde.“

Landkreis sucht weiter Freiwillige: Der Landkreis Rotenburg sucht nach wie vor Freiwillige, die in der Kaserne Lehnsheide unterstützen. Diese können beispielsweise täglich beim Sortieren der Kleiderspenden helfen. Interessierte können sich bei via E-Mail unter ehrenamt@lk-row.de melden. Es sind keine besonderen Vorkenntnisse vorausgesetzt. Daneben werden Helfer im Sanitätsdienst gesucht. Hier sollte allerdings eine Ausbildung als Krankenschwester, Krankenpfleger oder als Sanitäter absolviert worden sein. Interessenten wenden sich per E-Mail an rettungsdienst@lk-row.de.

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