„Junge Bühne“ feiert mit „Der Boxer“ Premiere

Ohne Betroffenheitskeule

Spielfreude und Authentizität zeigten Hinni Hummers (v.l.), Marie Hummers, Stefanie Eichwald, Marie Seeger und Tomke Heeren.

Hütthof - Theater Metronom, Samstagabend: Kahle Wände, ein Boxring, einige überdimensionale Pappwürfel – mehr braucht es nicht, um die Geschichte von „Der Boxer“ nach Felix Mitterer zu erzählen. Die Biografie von Johann „Rukeli“ Trollmann, im Dritten Reich Deutscher Meister im Halbschwergewicht, dem der Titel nach nur acht Tagen wegen seiner Sinti-Wurzeln aberkannt wird, verlangt förmlich danach, erzählt zu werden. Das fanden auch die acht Akteure der vor einem Jahr gegründeten „Jungen Bühne“, die bis zur umjubelten Premiere am Samstagabend eine eigene Inszenierung erarbeitet hatten.

Lakonisch zeichnen sie die Geschichte der Familie Trollmann, alteingesessener Sinti, nach: Die von „Rukeli“, wegen seines tanzenden Boxstils Vorbild für viele, der bei den Nazis in Ungnade fällt, sich verstecken muss, sich später zur Wehrmacht meldet und am Ende doch im KZ landet, sowie seiner Familie.

Was sich dort abspielt, zeigt die Perfidität des Dritten Reiches ungeschminkt: Von seinem größten ehemaligen Widersacher im Ring, Wolf Reinhard, der inzwischen zum Lagerleiter avanciert ist, wird er gedemütigt und muss zur Unterhaltung der Nazis um sein Leben boxen. Das alles könnte als „Betroffenheitstheater“ inszeniert werden. „Genau das wollten wir aber nicht“, erzählt Stefanie Eichwald, mit 28 eine der routinierteren Spielerinnen, die als Mutter Seppi mit starkem Akzent, Pragmatismus und reichlich Lebensweisheit das Stück trägt. Die Distanz der dritten Generation habe trotz der Ernsthaftigkeit des Stoffes eine Leichtigkeit im Ansatz ermöglicht; „und das dürfen sie auch“, so Andreas Goehrt, der für das Stück gemeinsam mit Karin Schroeder Regie geführt hat.

Noch ist Johann Rukeli Trollmann (Lucas Lorentzek, l.) Meister – nach acht Tagen wird ihm der Titel von den Nazis aberkannt.

Fast lakonisch und ohne falsches Pathos werden die tragischen Ereignisse mal gespielt, mal erzählt – die Erschießung des Bruders und Erschlagen des Boxers durch den vermeintlichen Protektoren der Familie, den Polizisten Heinz, der vermeintlich immer die schützende Hand über die Familie gehalten hatte (für diese Rolle hat sich Hinni Hummers extra ein Bärtchen stehen lassen, das den „Who killed Frank“-Frontmann kaum als solchen erkennen lässt).

Seine Rolle des ebenfalls starken, vielschichtigen Charakters: Im Anfangsteil mit große Slapstickmomenten, etwa, wenn er den Begriff „Derwisch“ tanzt, wirft Fragen auf, spätestens, als der vermeintliche Beschützer der Familie sein Idol kurz vor Befreiung des KZ erschlägt: War er der Mitläufer, durch die äußeren Umstände zu seinen Taten gezwungen – oder doch eher Täter?

Das Stück gibt keine Antworten, und der moralische Zeigefinger bleibt eingeklappt. „Wir wollten eine gute Geschichte erzählen“, so Eichwald „die es verdient hat, nicht vergessen zu werden.“ Gerade dieser Umgang mit der Geschichte sorgt für nachhaltige Eindrücke – so sehr, dass die Metronom-Macher nach zwei ausverkauften und zurecht umjubelten Vorstellungen erwägen, das Stück im Herbst ins reguläre Programm aufzunehmen. Prädikat: Sehenswert!

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