Urteil am Mittwoch

Visselhöveder Pärchen mit mehreren Tatvorwürfen vor Gericht

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Die drei großen Stapel umfassen die Anklagepunkte des Visselhöveder Pärchens.

Rotenburg/Visselhövede - Von Joris Ujen. Raub, Erpressung, Hehlerei, Nötigung, Diebstahl, Körperverletzung. Das sind nur einige der Anklagepunkte, zu denen ein Visselhöveder Paar am Mittwoch vor das Amtsgericht in Rotenburg geladen war.

Richterin Sabine Ostermann führte die Verhandlung, die erst nach drei Stunden ein Ende fand, angesichts der Tatbestände auch nicht verwunderlich. Unter anderem werden die beiden Angeklagten des gemeinschaftlichen Raubes bezichtigt. Die 1. Staatsanwältin Alexandra Stöber plädierte auf Jugendstrafen ohne Bewährung. Für Letzteres sprach sich hingegen die Verteidigung aus.

Um die Hintergrundgeschichte des Paares besser verstehen zu können, trug eine Mitarbeiterin des Jugendamts die Profile der Angeklagten vor. Zuvor hatte der Angeklagte ein Gespräch mit der Beamtin geführt, seine Lebensgefährtin hatte sich bei allen Terminanfragen entschuldigt. Seine ersten aggressiven Ausbrüche bekam der junge Mann laut eigener Aussage im Jahr 2012, worauf man ihn in ein Jugend- und Fürsorgewerk brachte. Zwei Jahre später zog der 18-Jährige mit seiner Mutter nach Visselhövede, wo er seine Partnerin kennenlernte und mit der er kurze Zeit später zusammenzog und ein Kind bekam.

Vorstrafenregister ist lang

Zu der Beamtin sagte der Angeklagte, er habe Angst, ins Gefängnis zu müssen. Ständig stehe er aufgrund mehrerer Umbrüche in seinem Leben unter Stress, „und kann daher nicht rational denken, sondern lebt immer den Moment“, trug die Mitarbeiterin vom Jugendamt vor. Die Familie sei seine Welt, der Rest außerhalb seiner empathischen Wahrnehmung sei damit für ihn bedeutungslos. „Es ist von einer schlechten Zukunftsprognose und schädlichen Neigungen auszugehen. Zumal der Angeklagte im Februar eine Bewährungsstrafe erhielt und weiterhin mehrere Straftaten beging“, so die Fachfrau.

Das Vorstrafenregister der Lebensgefährtin ist ebenfalls recht lang. Da sie die Gespräche mit dem Jugendamt versäumte, konnte die Mitarbeiterin nur ein älteres Profil vortragen: Nachdem die Großmutter der 21-Jährigen im Jahr 2006 gestorben war, sei laut der Angeklagten ihr Leben nur noch bergab gegangen. Sie schwänzte die Schule und nahm Drogen. Einen Neuanfang habe sie 2013 mit ihrem ersten Kind in Visselhövede gesucht. Da sie in den meisten Anklagepunkten noch nicht das 21. Lebensjahr erreicht hatte, bewertete die Jugendamtsmitarbeiterin ebenfalls eine schädliche Neigung. Dieser Einschätzung stimmte auch Pflichtverteidiger Michael Helwig zu, „die Frage ist nur, wie man das bewertet“.

Die Staatsanwältin las vor ihrem Plädoyer noch einmal die lange Anklageschrift vor. Schwerwiegend zu beurteilen sei unter anderem ein Vorfall, bei dem das Pärchen gemeinschaftlich straffällig wurde. Am 4. Mai 2016 war das Paar in Langwedel beim Schwarzfahren erwischt worden. Die daraus resultierten Schulden wollten sie durch sexuelle Dienste gegen Geld begleichen. Dafür sprachen sie einen Mann an, der auch das Angebot annehmen wollte. Vereinbart war, dass der Mann sich mit der Angeklagten alleine trifft, die konnte ihn aber überreden, ihren Partner und zwei weitere Bekannte mit nach Hause zu nehmen.

Angeklagte wollte Mann erpressen

In der Wohnung des Mannes angekommen, habe der Angeklagte den Schlüssel der Wohnung eingesteckt. Sie habe daraufhin von dem Mann 500 Euro verlangt, andernfalls würde sie ihn wegen Vergewaltigung anzeigen. Der Mann weigerte sich, irgendwelche Geldleistungen zu erbringen, und versuchte, seine Wohnung zu verlassen. Daran hindern wollte ihn der Angeklagte, indem er die Tür blockierte. Gewaltsam konnte der Flüchtende den Ort aber verlassen, fasste Stöber zusammen. Die Staatsanwältin betonte dabei, dass eine derartige Vereinbarung durchaus als untypisch zu bewerten sei. „Ehrlich gesagt, kann und muss es uns aber völlig egal sein, wie der Mann sein Sexualleben gestaltet.“ Weniger straffällig ist das Verhalten der beiden Angeklagten dadurch nicht. Der Mann bestätigte in der vorangegangen Gerichtsverhandlung den gesamten Vorfall wie auch die beiden Jugendlichen, die mit dabei waren. Somit lautet die Anklage in dem Punkt auf versuchte Erpressung seitens der Angeklagten, ihr Lebensgefährte muss sich vor Gericht wegen zweifacher Nötigung verantworten.

Am gleichen Tag beging das Paar zudem bei einer Bahnhofunterführung in Langwedel einen gemeinschaftlichen Raub bei einer 78-Jährigen. Frustriert wegen der misslungenen Erpressung, habe die 21-Jährige laut Zeugenaussage den Raub forciert, scheiterte aber bei dem Versuch, die Handtasche der Dame zu entreißen. Dies gelang aber ihrem Partner. Durch das heftige Reißen an der Tasche schlug die ältere Frau mit ihrem Gesicht auf den Betonboden und erlitt erhebliche Verletzungen. Auch psychische Folgen habe das Opfer davongetragen. Diesen Anklagepunkt habe das Paar weitestgehend eingeräumt, so die Staatsanwältin.

Neben diesen beiden Vorfällen reihen sich Straftaten wie Diebstahl, Betrug, Sachbeschädigung, Hehlerei und Fahren ohne Fahrerlaubnis zu dem Aktenstapel. Die Staatsanwaltschaft plädiert beim Angeklagten auf vier Jahre Jugendstrafe, da er auch keine seiner Bewährungsauflagen erledigte. Für die junge Frau sieht Stöber eine Jugendstrafe von drei Jahren und sechs Monaten vor. Die Verteidigung plädiert bei beiden Angeklagten auf eine zeitige Jugendstrafe auf Bewährung.

„Es war alles schlecht, was früher gewesen ist, das muss ich besser machen. Ich darf keine Kurzschlussreaktionen mehr zulassen“, sagte der 18-Jährige zum Ende der Verhandlung. Die Urteilsverkündung ist am Mittwoch.

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