Interview mit Joachim Mahnke, Sprecher der Wittorfer Landjugend

„Wir knüpfen noch echte soziale Kontakte“

Einmal im Jahr ziehen die Mitglieder die Wittorfer Dorfjugend bunt verkleidet als Eiersucher durch den Ort.

Wittorf - Von Jens Wieters. Unterscheiden sich junge Menschen auf dem Land von denen aus der Stadt? Was machen Heranwachsende zwischen Schweinestall und Dorfkirche am Wochenende? Geht es nur darum, die nächste Schützenfest-Disco gut vorzubereiten? Antworten geben die Land- und Dorfjugenden, die zurzeit eine Art Wiederauferstehung feiern. Heute ist es nämlich wieder „hip“, Teil einer Dorfgemeinschaft zu sein. Unsere Zeitung hat mal bei den Wittorfer Eiersuchern, so nennt sich die örtliche Dorfjugend, nachgefragt, was diese Art von Zusammenschluss so besonders macht. Joachim Mahnke, Sprecher der Eiersucher, bezieht Stellung.

Ist eine Dorfjugend zu Zeiten von Facebook und Co. noch zeitgemäß?

Joachim Mahnke: Auf jeden Fall! Wir würden sogar soweit gehen und sagen, gerade in Zeiten von Facebook und Co. ist eine Dorfjugend wichtiger denn je. Dorfjugenden bieten ideale Gelegenheiten, um echte soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Darum versuchen wir, rund einmal im Monat eine Veranstaltung für unsere Mitglieder zu organisieren, um den Teamzusammenhalt zu stärken und die Leute zusammenzubringen.

Was planen Sie genau?

Mahnke: Wir versuchen, dabei auch Veranstaltungen zu organisieren, die privat vielleicht nicht jeder machen würde. Im vergangenen Jahr waren wir zum Beispiel im Hamburger Containerhafen und durften dort hinter die Kulissen schauen. Des Weiteren haben wir 2017 eine Bootstour nach Helgoland gemacht. Eine Dorfjugend bietet also durchaus auch Gelegenheit, um mal etwas anderes zu erleben, als nur vor dem Rechner rumzuhängen.

Oft weckt der Begriff Dorfjugend Assoziationen mit Trachtenkult, Muff und der Autorität vergangener Generationen. Ist das so?

Mahnke: Hier wird leider viel zu häufig ein falsches Bild gezeichnet. Metaphorisch kann man eine Dorf- oder eine Landjugend am ehesten mit einem Baum vergleichen. Unsere Traditionen bilden die Wurzeln, die uns eine feste Basis geben. Das heißt, uns kennzeichnen Motivation, Engagement und die Freude daran, etwas zu bewirken genauso wie ein aktives Traditionsbewusstsein und das Interesse daran, Neues zu entdecken. Der Stamm des Baums steht für unsere Aktivitäten, unser Vereinsleben, unseren Zusammenhalt. Durch die Krone werden unsere Visionen und unser Potenzial zum Wachsen und zur Weiterentwicklung symbolisiert. Wir wollen selbstverantwortliches Handeln fördern, uns gesellschaftlich engagieren und dabei den Spaß nicht aus den Augen verlieren.

Was zeichnet eine Dorfjugend aus?

Mahnke: Ganz eindeutig der Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft.

Häufig bekommen Jugendliche aus den Dörfern den symbolischen Stempel eines Landeis mit null Ahnung von der großen Welt aufgedrückt. Haben Sie das auch schon erlebt und wie begegnen Sie solchen Vorurteilen?

Mahnke: Ein Landei zu sein, ist grundsätzlich ja nichts Schlechtes. So weiß man, dass die Schokolade nicht aus der lila Milka-Kuh kommt und kann in Ruhe Eierlikör trinken, obwohl man weiß wo die Eier rausfallen. Aber mal Spaß beiseite. Zu sagen, Leute vom Dorf hätten keine Ahnung von der großen Welt, entbehrt jeglicher Grundlage. Schaut man sich alleine die Berufsfelder unserer Mitglieder an, wird schnell klar, dass wir in allen Berufsgruppen aktiv sind.

Wieso, welche Jobs sind bei den Eiersuchern vertreten?

Mahnke: Das Spektrum reicht von Landwirten und Lkw-Fahrern über die Marketingmanagerin und den Handwerker bis zum Wirtschaftsingenieur und Außenhandelskaufmann. Etwas vereinfacht gesagt: Unsere Mitglieder könnten einen Supermarkt bauen, mit Lebensmitteln beliefern, die Produkte verkaufen, den Supermarkt als Marke groß machen und die Produkte in andere Länder exportieren. Da kann man dann im Endeffekt doch schon mal fragen ob die Leute, die solche Vorurteile haben, wirklich mehr Ahnung von der großen Welt haben als die Landeier?

Weit verbreitet ist auch die Ansicht, dass viele nur bei der Dorfjugend sind, weil es Partys mit reichlich Alkohol gibt. Stimmt das?

Mahnke: Bei all unseren Aktivitäten soll immer der Spaß und das Wir-Gefühl im Vordergrund stehen. Natürlich gibt es auch mal die eine oder andere Party mit dem ein oder anderen Kaltgetränk und das ist auch gut so. Denn schließlich sind wir ja eine Dorf- beziehungsweise Landjugend und nicht die Teerunde des Kirchenkreises. Hier muss auch mal eine Lanze für unsere Gemeinschaften gebrochen werden. Wir beobachten bei all unseren Veranstaltungen, dass die Älteren auf die Jüngeren und die Nüchternen auf die Betrunkenen aufpassen. So wird gerade jungen Leuten ein verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol beigebracht und es ist auch sichergestellt, dass niemand zum Trinken gezwungen wird.

Welche Veranstaltungen liegen Ihnen besonders am Herzen?

Mahnke: Hier sind vor allem das Eierlaufen mit der anschließenden Faschingsparty, die Kinderfaschingsfete und die Halloween-Party in Zusammenarbeit mit dem Schützenverein zu nennen.

Gibt es auch Kontakte zur älteren Bevölkerung?

Mahnke: Definitiv. Da die Tradition des Eierlaufens kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, sind viele Wittorfer früher selber mal aktive Mitglieder gewesen, so bleibt man natürlich in Kontakt. Zudem wird das Dorf beim Eierlaufen von vier verschiedenen Gruppen abgelaufen. Zwei dieser Gruppen bestehen in der Regel aus über 40-Jährigen.

Was ist der eigentlich der Unterschied zwischen einer Dorfjugend und einer Landjugend?

Mahnke: Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass die Landjugenden in der Niedersächsischen Landjugend (NLJ) organisiert sind und dass aktive Mitglieder in der NLJ nur zwischen 16 und 30 Jahre alt sein dürfen. Die NLJ hilft uns bei vielen Dingen gerade im Bereich der Buchhaltung und Abrechnungen. Zudem bietet sie zahlreiche Bildungsangebote an. Dort werden Fahrten zur Grünen Woche oder auch Austauschprogramme mit Jugendlichen aus anderen Ländern angeboten. Hinzu kommen diverse Versicherungsmöglichkeiten und die Plattform, sich mit anderen Landjugenden über deren Erfahrungen auszutauschen. Aus diesen Gründen haben wir uns 2014 dazu entschlossen, der NLJ beizutreten. Wir fühlen uns aber auch nicht beleidigt, wenn uns jemand Dorfjugend nennt.

Was macht die Dorfjugend für den Ort?

Mahnke: Wir engagieren uns bei Veranstaltungen im Dorf, so haben wir vergangenes Jahr zum Beispiel für den Tag der offenen Tür der Bäckerei Tamke und für das Erntefest Strohpuppen aufgestellt. Zudem haben wir eine Milchbar an den Start gebracht. Des Weiteren organisieren wir in jedem Jahr unsere gut besuchte Kinderfaschingsparty. Auf diese Veranstaltung sind wir besonders stolz, da die Kinderfaschingsparty vor einigen Jahren kurz vor dem Aus stand. Glücklicherweise sind die ehemaligen Organisatoren auf uns zugekommen und haben gefragt, ob wir diese Veranstaltung nicht übernehmen möchten. Dieser Bitte sind wir sehr gerne nachgekommen und auch wenn wir in manchen Jahren mal den ein paar Euro aus unserer Kasse für diese Veranstaltung drauf zahlen mussten, machen wir das für die Kinder in unserem Dorf wirklich gerne. Für uns ist das ja quasi auch eine Art Nachwuchsarbeit. Zudem organisieren wir noch die Halloween- und die Faschingsparty. Wir verstehen gerade diese drei Veranstaltungen auch als unseren Beitrag zu zeigen, dass unser Dorf selbstverständlich auch für junge Menschen attraktiv ist.

Was passiert eigentlich mit den Einnahmen?

Mahnke: Das Geld, das wir jedes Jahr beim Eierlaufen einnehmen, geht zum größten Teil als Spende zurück ins Dorf. So konnten sich in den vergangenen Jahren unter anderem der Kindergarten, der Sportverein, das Dorfgemeinschaftshaus, die Kirche und ein Kinderhospiz in der Nähe über eine Spende freuen.

Schiebt die Wittorfer Dorfjugend gemeinsam mit dem Bürgerverein Projekte an?

Mahnke: Mit Lena Allermann und Lena Heldberg sitzen gleich zwei unserer Vorstandsmitglieder auch im Vorstand des Bürgervereins. Man kann also schon sagen, dass wir mit dem Bürgerverein gut vernetzt sind. Für dieses Jahr ist zum Beispiel noch ein großes Straßen- und Dorffest geplant.

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