Melanie und Denis Schimmeyer sind ausgewandert

„Impuls durch die Gasförderung“: Von Wittorf nach Gran Canaria gezogen

Melanie und Denis Schimmeyer leben seit eineinhalb Jahren in einem kleinen Ort auf Gran Canaria und haben ihre Auswanderung aus Wittorf bisher nicht bereut.

Wittorf/Gran Canaria - Von Jens Wieters. Denis und Melanie Schimmeyer waren krank. Sehr krank sogar. Der Mann aus Wittorf hat unter einer hirnorganischen Veränderung gelitten, die vermutlich toxisch bedingt gewesen war; seine Frau an Fibromyalgie und Herz-Rhythmus-Störungen. Sie und andere Einwohner aus dem Dorf haben die Erdgasförderung und alle damit einhergehenden Arbeiten wie Abfackeln oder die Verpressung als Ursache in Verdacht.

Vor vier Jahren hatte eine Gruppe Wittorfer in unserer Zeitung angekündigt, diese Situationen nicht mehr hinzunehmen und der Gasförderregion für immer den Rücken zu kehren. Melanie und Denis Schimmeyer sind auf der Ferieninsel Gran Canaria gelandet. Wir haben nachgefragt, wie es ihnen geht.

Herr Schimmeyer, wo leben Sie und ihre Frau jetzt?

Denis Schimmeyer: Wir wohnen in Rincon de Tenteniguada, einem kleinen Dorf in den Bergen Gran Canarias auf knapp 1 000 Meter Höhe in einer modernen Doppelhaushälfte mit Garten. Die Gegend ist von herrlicher Natur und extensiver Landwirtschaft geprägt. Die Leute hier sind sehr nett, wir haben Freunde gefunden und wir sind bei den Nachbarn geradezu familiär integriert. Im Garten wächst nahezu alles und es kann das ganze Jahr über geerntet werden. Daneben verfügen wir über eigenes Trinkwasser aus dem Berg.

Niemand glaubte damals, dass Sie es ernst meinen mit der Auswanderung. War der Abschied schwer?

Schimmeyer: In einer ländlich geprägten Gegend wie in Wittorf, wo die Menschen behütet aufgewachsen und zum Großteil stark verwurzelt sind, fällt es einigen schwer zu glauben, dass man wirklich wegzieht. Wir sind mit einem lachenden und einem weinenden Auge gegangen. Von dem einen oder anderen fiel der Abschied schwer, wir haben uns aber in erster Linie auf die Zukunft gefreut.

Wann sind Sie aus Wittorf weg?

Schimmeyer: Nach reichlich Vorbereitungszeit, Immobilienverkauf, Haushaltsauflösung und vielen Dingen mehr, war es dann im Oktober 2015 endlich soweit und wir haben uns mit zwei Koffern und zwei Reisetaschen auf den Weg nach Gran Canaria gemacht.

War die Gasförderung und die damit verbundenen möglichen gesundheitlichen Risiken der einzige Grund, Wittorf den Rücken zu kehren?

Schimmeyer: Meine Frau und ich hatten beide gesundheitliche Probleme in Deutschland und wussten von unseren Reisen, dass es uns andernorts besser geht. Das war ausschlaggebend, eine Auswanderung zu beschließen. Die umliegende Gasförderung als mögliches Risiko oder mutmaßliche Quelle und die Beschäftigung damit haben letztendlich den Impuls dazu gegeben, den Plan zügig in die Tat umzusetzen. Der Umgang und die Dinge, mit denen man konfrontiert wird, wenn man sich engagiert und zum Teil unbequeme Fragen stellt, lösen jeglichen heimatlichen Wohlfühlfaktor auf.

Wenn Sie die Diskussion um Dea, Exxon und Co. aus der Ferne verfolgen, was denken Sie darüber?

Schimmeyer: In erster Linie mache ich mir Sorgen um die Menschen und die Umwelt. Ansonsten stimmt es mich sehr traurig, wie Behörden, Politik, das Unternehmensmanagement und der PR-Bereich der Erdgas-Branche mit den Dingen und den Menschen umgehen. Ein Großteil der Beteiligten aus den verschiedenen Lagern verfehlt einfach seine jeweiligen Aufgaben. Daher war die jetzige Entwicklung auch abzusehen.

Was raten Sie den Menschen in Wittorf und umzu?

Schimmeyer: Das, was ich jedem Menschen raten würde: Wir haben nur einen Planeten und nur ein Leben, dessen sollte man sich bewusst sein und daraus muss jeder das für sich Beste machen. Dabei sollte man nicht den Kopf in den Sand stecken oder sich durch andere entmutigen lassen.

Geht es Ihnen jetzt gesundheitlich besser?

Schimmeyer: Uns geht es hier sehr viel besser und wir fühlen uns wohl. Wir genießen täglich das Klima und die saubere Luft. Es ist ein ganz anderes Lebensgefühl!

Was machen Sie auf Gran Canaria und wovon leben Sie?

Schimmeyer: Wir haben hier das Unternehmen GC-Tours gegründet und bieten alternative Tagesausflüge für Gruppen an und exklusive Events zum Beispiel zur Hochzeitsreise. Dabei bringen wir unseren Gästen die Insel mit ihrer einzigartigen Natur und die Kultur authentisch näher. Daneben bieten wir Hilfestellungen für zukünftige Auswanderer und vermieten Gästezimmer an Wanderer und Alternativurlauber. In der Freizeit unternehmen wir viel in der Natur und gehen sowohl auf ländliche Veranstaltungen als auch mal zu Kulturfesten in die Stadt oder treffen uns ganz einfach mit Freunden im Strandcafé. Abwechslung haben wir hier reichlich, dabei vergessen wir aber niemals ein Engagement für Mensch und Umwelt.

Wie läuft das Geschäft?

Schimmeyer: Unser junges Unternehmen befindet sich im Wachstum, ist aber saisonalen Schwankungen unterworfen, die sich gerade zu Anfang nicht vermeiden lassen. Aus diesem Grunde haben wir noch das zusätzliche Standbein mit der Auswanderungshilfe sowie den Wanderurlaubern. Gran Canaria ist für einen Alternativ- und auch Wanderurlaub noch nicht so bekannt. Aber der Naturtourismus wächst und wir glauben, dass wir langfristig auf die anderen Standbeine in der Nebensaison verzichten können.

Haben sie die Auswanderung jemals bereut?

Schimmeyer: Ein klares Nein.

Können ehemalige Weggefährten Sie besuchen kommen? Auch Exxon- oder Dea-Mitarbeiter?

Schimmeyer: Wir sind offen und bekommen öfter Besuch aus Deutschland, zum Beispiel von ehemaligen Nachbarn oder Freunden. Ich kenne niemanden von Exxon oder Dea, da mir gegenüber bisher niemand gesprächsbereit war. Ich habe aber keine Vorurteile. Wir hatten selbst Tiefbohrer in der Familie, zum Beispiel bei Wintershall – sowohl an Land als auch Offshore. Der gewissenhafte Mitarbeiter ist ja nicht verantwortlich für das Management seines Unternehmens oder Verbands und schon gar nicht für Versäumnisse in Behörden oder der Politik. Das verhält sich genau wie bei Dieselgate, da würde auch niemand auf die Idee kommen, jedem VW-Mitarbeiter den Abgasskandal anzulasten oder ihn dafür zu verurteilen, wenn er meint, gute Autos zu bauen.

Verfolgen Sie die Geschehnisse rund um die Gasförderung in Ihrer ehemaligen Heimat?

Schimmeyer: Ja, allerdings gehen wir anders damit um. Wir lesen davon nur noch hin und wieder, genau wie von sonstigen Umwelt- und politischen Themen weltweit – etwa wie aus Fukushima, wo wir auch einige Bekannte haben. Klar, man betrachtet es mit großer Sorge, ist aber nun ziemlich weit entfernt davon.

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