Manuela Kuhlmann will 20-jährigen Afghanen aufnehmen

„Ich möchte doch nur helfen“

Manuela Kuhlmann will weiter um die Integration von Anil N. kämpfen. - Foto: Wieters

Visselhövede - Von Jens Wieters. Manuela Kuhlmann aus Visselhövede versteht die Welt nicht mehr: Sie will einen jungen afghanischen Flüchtling in ihre Familie aufnehmen und ihm einen Wohnraum bieten. Sie hat ihm bereits einen Praktikumsplatz mit Aussicht auf einen echten Job besorgt. Da steht einer gelungenen Integration eigentlich nichts mehr im Wege – so sollte man meinen. „Aber die Behörde macht uns einen dicken Strich durch die Rechnung“, schimpft Kuhlmann, „weil mein Schützling nicht von Scheeßel nach Visselhövede umziehen darf.“

Angefangen hatte alles vor einigen Monaten in der Discothek Tenne. „Dort war ich mit der Familie feiern und wir kamen mit vielen Leuten ins Gespräch. Unter anderem mit einer Gruppe Flüchtlingen, die im Camp Lehensheide untergebracht waren“, erzählt die 44-Jährige. Einer von ihnen habe sie von seinem Verhalten her an ihren eigenen Sohn erinnert. „So sind wir mehr recht als schlecht ins Klönen gekommen und wir haben ein Treffen vereinbart.“ Danach sei auch der Rest der Familie von dem 20-Jährigen hellauf begeistert gewesen. Der Familienrat habe getagt und beschlossen: „Wir müssen etwas tun, um den armen Jungen nach seiner langen Flucht durch viele Länder unter die Arme zu greifen. Er zieht bei uns ein!“

Doch was so einfach klingt, ist es in der Realität doch nicht. Denn Anil N. (Name von der Redaktion geändert, weil der Betroffene Repressalien durch Landsleute befürchtet) musste das Camp in Visselhövede verlassen, das er am 3. November 2015 das erste Mal betreten hatte. Seitdem lernt er fleißig Deutsch, so dass eine Unterhaltung in der für ihn völlig fremden Sprache bereits möglich ist. Ihm wurde eine neue Unterkunft im ehemaligen Internat der Scheeßeler Eichenschule zugewiesen.

„Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet, zumal ich ihm bereits einen Praktikumsplatz in einem Jeddinger Gartenbaubetrieb besorgt hatte, wo er vielleicht auch einen festen Job bekommen hätte, wenn sein Status als Asylbewerber es erlauben würde“, berichtet Kuhlmann, die vor Jahren aus Mecklenburg an die Vissel zog.

Sofort habe sie das Verwaltungsgericht Stade eingeschaltet und Widerspruch gegen die Umsiedlung eingelegt. „Zumal wir ihm ein neues Zuhause geboten haben“, sagt die vierfache Mutter. Die Richter von der Elbe erteilten Kuhlmann allerdings eine standardisierte Abfuhr. Und die Ausländerbehörde des Landkreises Rotenburg spielte ebenfalls nicht mit. „Es gebe auch in Scheeßel genügend Praktikumsplätze, wurde uns kurz und bündig mitgeteilt.“

Dennoch gab Kuhlmann nicht auf und nahm Anil N. weiter unter ihre Obhut – und zwar in Visselhövede. „Schon am Tag des Umzugs habe ich auf seine Ankunft in Scheeßel gewartet, ihn ins Auto geladen und mitgenommen. Denn ich finde, dass Integration nicht in den Amtsstuben entschieden werden kann, sondern von Menschen gelebt werden muss.“

Aber da hat sie offenbar die Rechnung ohne die Sachbearbeiter in der Kreisstadt gemacht. Der junge Afghane sei nach seiner Ankunft in Deutschland von der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen der Gemeinde Scheeßel zugewiesen worden, heißt es aus dem Kreishaus.

„Das gegen die Zuweisung angestrebte Verfahren im einstweiligen Rechtschutz wurde vom Gericht mangels Erfolgsaussichten in der Hauptsache abgewiesen. Entsprechend der gerichtlichen Entscheidung ist der Mann dazu verpflichtet, in Scheeßel zu wohnen und dort seinen Wohnsitz zu melden“, teilt Landkreis-Sprecherin Christine Huchzermeier mit. Der beim Kreis gestellte Umverteilungsantrag nach Visselhövede sei in der Folge auch unter Berücksichtigung der gerichtlichen Entscheidung abgelehnt worden.

Im Übrigen sei die Aufnahmequote für Visselhövede bereits übererfüllt, während die Gemeinde Scheeßel noch aufnahmepflichtig sei. „Auch in Scheeßel besteht die Möglichkeit, sich zu integrieren, dafür steht zum Beispiel ein gut ausgebauter Helferkreis für Asylbewerber zur Verfügung. Ebenso ist es dort möglich, sich beruflich durch Praktika zu orientieren“, so Huchzermeier.

Aber so einfach will Manuela Kuhlmann nicht aufgeben: „Ich werde durch alle Instanzen gehen, das Fernsehen einschalten und weiter kämpfen. Denn ich will ihn nicht mehr hergeben und möchte doch nur helfen.“

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