Der Wahl-Chinese Kai Pflug ist leidenschaftlicher Vogelbeobachter

Hinter der Kamera

Mitunter stundenlang wartet Kai Pflug in seinem Tarnzelt auf den geeigneten Moment für ein Foto. Foto: BEIMS

Visselhövede - Von Ann-christin Beims. Gebückt schleicht Kai Pflug zu seinem einem mal ein Meter kleinen Camouflage-Tarnzelt, das er im Garten seines Visselhöveder Elternhauses aufgebaut hat. Innen steht ein Holzhocker, kleine Netzfenster und der Eingang spenden Licht. Durch eine Luke auf der Rückseite ragt das Objektiv seiner Nikon – mit perfekter Sicht auf Spatzen und andere Vögel, die sich am in den Bäumen hängenden Büfett bedienen. Nur keine großen Bewegungen, um sie nicht zu verscheuchen. Pflug hat sein Zelt bereits an vielen Orten auf der Welt aufgebaut: Seit etwa fünf Jahren ist der ehemalige Visselhöveder, der heute in Shanghai lebt, leidenschaftlicher Vogelbeobachter.

Zweimal im Jahr ist Pflug in seiner Heimat und besucht seine Familie. In Visselhövede sitzt er oft im heimischen Garten, der an einen Wald angrenzt. Diesmal waren es vor allem zwei Vögel, die er vor seiner Abreise gerne vor seine Profi-Nikon mit der 800 mm-Linse bekommen hätte: Schwarzspecht und Waldkauz – ohne Erfolg. Oft macht er 1 000 Fotos an einem Tag, am Ende landen zehn bis 20 auf seiner Internetseite. „Manche möchten die größte Vogelliste eines Landes haben. Ich habe den Ehrgeiz, möglichst viele Vögel sauber zu fotografieren“, erklärt er.

Pflug hat seine Kindheit in Visselhövede verbracht, nach der Schule studierte er in Hamburg Chemie. Später zusätzlich Wirtschaft, dann wechselte er in die Unternehmensberatung, die ihn zu einem Projekt in Shanghai führte. „Das dauerte länger als geplant. Nach anderthalb Jahren habe ich vorgeschlagen, dort ein Büro aufzumachen“, erinnert er sich. Vor zehn Jahren machte er sich schließlich selbstständig – bis heute eine Ein-Mann-Firma. „Manchmal wäre es gut, noch jemanden zu haben für den Verkauf, der mit CEOs Mittagessen geht und so weiter“, erklärt er. „Ich bin eher derjenige, der produziert, ich schreibe viele Artikel.“

USA, Singapur, Mauritius, Australien: Über seinen Beruf ist Pflug viel herumgekommen – Reisen, die er mit der Vogelbeobachtung verbindet. „Ich war zuletzt in einem Reservat in Südafrika, das war toll. Von meinem Versteck über einem Wasserloch konnte ich neben Vögeln viele andere Tiere beobachten – Zebras, Giraffen. Da würde ich gerne mal zwei Wochen verbringen“, sagt er und lächelt. Während andere oft in ihrer Kindheit mit Freizeitbeschäftigungen dieser Art anfangen, ist Pflug erst seit etwa fünf Jahren ein „Birder“, wie die Vogelbeobachter im Englischen genannt werden. Er hatte sich zunächst ein Fernglas gekauft, bald eine günstige Kamera für die ersten Fotoversuche. „Und dann verselbstständigt sich das“, meint der Wahl-Chinese. „Plötzlich macht man Urlaube, bei denen es nur um Vogelbeobachtung geht. Auf solche Touren kann ich niemanden mitnehmen – ich laufe zwölf Stunden herum und bin danach völlig erschöpft.“

Dabei ist schon ein Buch herausgekommen. Beim Editieren von „Birds of Nanhui, Shanghai“ hat seine Frau Jing Wang geholfen. „Das schönste, aber mir etwas verhasste Kompliment ist, wenn ein Chinese sagt, das Buch habe ihm gefallen – besonders die Texte“, meint er und lacht. Pflug spricht zwar Chinesisch, aber mehr „für Smalltalk und Reisen“, erklärt er. Zu wenig dafür, dass er schon 15 Jahre dort lebe, wie er selber zugibt – obwohl er jeden Tag lerne. Mit seiner Frau unterhält er sich auf Englisch. Sie spricht ein wenig Deutsch, da sie für zwei Jahre in Deutschland gelebt hat. „Manchmal haben wir für drei Minuten die Illusion, wir sollten uns nur noch auf Deutsch und Chinesisch unterhalten – bis einer ungeduldig wird und wieder ins Englische fällt.“

In seinem Buch hat Pflug etwa 180 der bisher gesichteten 400 Arten des Küstengebiets Nanhui festgehalten. Es ist einer seiner Lieblingsorte für seine Beobachtungstouren, etwa 100 Kilometer von seiner Wohnung in Shanghai entfernt. „Das ist so interessant, weil sich Shanghai auf einer Zugroute befindet – durch die Migrationsbewegung weiß ich nie, was ich vor die Kamera bekomme“, berichtet Pflug. „Das kann ein Vogel sein, den ich noch nie gesehen habe.“ Dort rasten jene, die den Winter in Südostasien verbringen und im Sommer in Sibirien brüten. Etwa 80 Prozent seines Buches sei daher in den Monaten April, Mai und September, Oktober entstanden. „In dieser Zeit bin ich bis zehn Tage am Stück unterwegs.“

Das Gefühl bei einer Tour vergleicht er mit dem Jagen, „Wobei ich die Jagd abscheulich finde, aber man hat am Ende dieses Erfolgserlebnis“, erklärt der Ex-Visselhöveder. „Es ist die einzige Aktivität, bei der ich kaum Zeitgefühl habe.“ Pflug ist ein ruhiger Mensch, der genau beobachtet. Eine Charaktereigenschaft, die ihm bei seinen Fototouren gelegen kommt. „Manche machen einen Schnappschuss und sind weg, während ich drei Stunden warte, ob der Vogel sich noch einmal in die Sonne stellt.“ Er sei gerne allein unterwegs. „Dabei bin ich sehr Naturbedacht und vorsichtig.“

Kein Verständnis hat er für die Menschen, die mit dem Auto kommen, fünf Minuten bleiben und dann ihren Müll abladen. „Das sind keine Naturliebhaber.“ Tendenziell sei jeder, der ein Foto machen will, erstmal ein Störfaktor. „Heute ist viel auf den Menschen ausgerichtet. Natur wird nur überleben können, wo sie den Menschen Nutzen bringt. Dieser kann auch sein, wenn jemand Vögel mag und ein bestimmtes Gebiet erhalten möchte“, sagt er.

Denn viele Orte, an die sich Tiere zurückziehen können, werden immer kleiner. Auch Nanhui gehöre dazu. Mit seinem Buch möchte Pflug auch darauf aufmerksam machen, wie erhaltenswert es ist. Derzeit habe Shanghai wie viele andere Provinzen eine Waldquote bekommen. An der Küste gibt es Schilfgebiete, die für manche, auch bedrohte, Vogelarten wichtig sind. „Die Regierung könnte nun denken, das Schilf interessiert keinen, also pflanzen wir dort Bäume – direkt an der Küste, wo sie niemandem nutzen und nicht hingehören“, merkt er an. Ab und an hält er einen Vortrag an der Universität. „Von den Studenten interessieren sich dann vielleicht wieder drei für Vögel – das ist gut.“

Sein Wissen hat er sich mit der Zeit angeeignet – aus Gesprächen und aus seinen mehr als 1 000 Vogelbüchern. Ein Unterschied zwischen Deutschland und Shanghai ist ihm besonders aufgefallen: Die Vögel in Shanghai seien scheuer. „Allerdings nicht gegenüber Autos. Die Gefahr dadurch haben die Vögel hierzulande schon erkannt, in Shanghai kann man mit einem Auto noch relativ nah an einen Vogel herankommen“, erzählt Pflug.

Auf Blogs wie „10000birds“ veröffentlicht Pflug im Anschluss Berichte und Fotos seiner Touren – demnächst wird es dann dort einen Beitrag über die Vögel von Visselhövede geben.

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