Heidekraut statt Zuckerhut

Zwölf Brasilianer lernen norddeutsche Landwirtschaft kennen

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Henning Haase (v.r. hinten) Cord Cordes, Gerd Oeltjen, Bernd Helms und Gerd Eimer von der Organisation der Arbeitsgemeinschaft Brasil mit den jungen Leute aus Südamerika.

Nindorf - Von Angela Kirchfeld. „Lustig ist das Zigeunerleben“ lautet ein altes deutsches Volkslied. Diese Melodie erklang jetzt in der Nindorfer Gaststätte Möhmes Hof, gespielt von Vanderleia Paula Wandscheer am Akkordeon. Sie ist eine junge Brasilianerin, die gemeinsamen mit elf Altersgenossen, die allesamt Landwirtschaft in Südamerika betreiben wollen, den Bauern der Region in den kommenden drei Jahren ein wenig über die Schulter schauen.

Vanderleia Paula Wandscheer und ihr Instrument waren drei Tage unterwegs und sind nun rund 12 000 Kilometer von der Heimat Brasilien entfernt, dennoch überwiegt bei ihr die Neugier auf etwas Neues statt Heimweh.

Gäste können bis zu drei Jahre bleiben

„Wir haben diesmal zwölf angehende Landwirte aus Brasilien, die in elf Gastfamilien untergebracht werden und bis zu drei Jahre hierbleiben können“, berichtete Gerd Oeltjen, Mitorganisator der Arbeitsgemeinschaft Brasil, der die jungen Leute in Empfang nahm. Sie kommen alle aus deutschstämmigen Familien, in denen die Großeltern und oft auch noch die Eltern ein wenig Deutsch sprechen.

Vanderleia Paula Wandscheer und ihr Akkordeon haben eine lange Reise hinter sich.

„In diesem Jahr kam alles etwas anders“, erläutert Oeltjen. Am Montag kam der Besuch erst nach 22 Uhr in Hannover an und verbrachte die erste Nacht in Rotenburger Schulen. „Am Dienstag durften sie erst einmal ausschlafen“, erklärte er schmunzelnd.

Cord Cordes, Vorsitzender der Organisation AG Brasil, der mit Ausbildungsberater Bernd Helms, Gerd Eimer, Henning Haase und Gerd Oeltjen die Besucher in den nächsten Monaten intensiv betreut, begrüßte die Azubis mit den Worten: „Wenn ihr bereit seit, euch auf etwas Neues einzulassen, werdet ihr euer Zuhause mit ganz anderen Augen sehen.“

Fußballvereine freuen sich auf die Brasilianer

Für den Besuch ist zwar alles neu, aber sie werden bei der Erkundung des für sie fremden Landes nicht allein sein, sondern werden auch in den Gastfamilien unterstützt. „Die werden sich mit Eifer bemühen, dass die „Aprendiz“ – portugiesisch für Auszubildende – sich wohlfühlen und sich gut einleben“, sind sich die Betreuer sicher.

Dazu gehört natürlich auch die Teilnahme an Freizeitaktivitäten. „Die Vereine in unserer Gegend freuen sich schon auf die jungen Fußballtalente“, berichtet Oeltjen, wohlwissend, dass alle Brasilianer mit dem Ball am Fuß eine Menge anfangen können.

Aber auch Ausflüge stehen auf dem Programm, um die Heide und Umgebung kennenzulernen. Es geht auch in die Alpen, die per Rundfahrt erkundet werden.

Für ein bis mindestens drei Jahre sind die angehenden Landwirte auf Bauernhöfen untergebracht und werden auch einmal in der Woche die Berufsschule besuchen.

1500 brasilianische Auszubildende seit 1964 zu Besuch in der Region

Noch am Empfangsabend in der Nindorfer Gaststätte erfolgte die Verteilung der jungen Leute auf die Gastfamilien. „Die ersten deutschstämmigen Brasilianer haben wir 1964 noch mit dem Bus aus Genua abgeholt“, erinnerte sich Henning Haase, der als junger Mann seinen Vater und Landwirtschaftsausbilder Christel Haase begleitet hatte. „Leider war die Arbeitsgemeinschaft mit der Zeit eingeschlafen, bis wir sie 1988 wieder in Gang brachten. Das Projekt AG Brasil wurde gegründet. Bis heute haben mehr als 1500 brasilianische Schüler unsere Region besucht“, berichtete der Nindorfer nicht ohne Stolz.

Viele Freundschaften und Kontakte seien seitdem entstanden und würden weiter gepflegt. Der berühmteste Schüler ist Elton Weber, der in Porto Alegre ins Parlament gewählt wurde. „Einigen Brasilianern gefiel es hier so gut, dass sie sogar blieben, ihre Partner herkommen ließen und heirateten“, berichtete Oeltjen.

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