Gerd Hesse und Helmut Wegener treffen sich seit Jahren jeden Morgen zur gleichen Zeit am selben Ort

Schnack über Gott und die Welt

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Diskutieren über die große und kleine Politik, über Werder Bremen und Miss Universum, über die Entwicklung der Stadt, über Immobilien und Hochzeiten: Gerd Hesse (l.) und Helmut Wegener treffen sich seit dreieinhalb Jahren von montags bis freitags zum Klönschnack. Ab und zu wird aus dem Duo auch eine große Runde.

Visselhövede - Von Jens Wieters. Pünktlich um 11.10 Uhr steht der dampfende Kaffee auf dem Tisch. Daneben ein Glas frisch gepresster Orangensaft und in Griffnähe die Tageszeitung. Die Stühle der Sitzecke in dem Visselhöveder Bäcker-Café werden durch die beiden älteren Herren noch kurz zurechtgerückt, damit alles ist wie immer. Und dann geht es auch schon los mit dem Klönschnack, der bis kurz nach eins dauert. Von montags bis samstags – in jeder Woche der vergangenen dreieinhalb Jahre.

„Mittlerweile sind wir echte Freunde geworden“, sagt Helmut Wegener und klopft seinem Kaffeekumpel leicht auf die Schulter. Vorsicht ist auch angebracht, weil der mittlerweile schon 88 Jahre in den „zum Glück immer noch sehr rüstigen Knochen“ hat. „Aber noch wichtiger ist, dass der Kopf noch mitmacht“, betont Gerd Hesse, dem man seinen kommenden 89. Geburtstag überhaupt nicht ansieht.

Jeden Tag zur gleichen Zeit sitzen die beiden ähnlich wie die Opas Waldorf & Statler aus der weltberühmten Muppet-Show auf ihrem Stammplatz im Café der Bäckerei Tamke und diskutieren über die Themen des Alltags. Aber natürlich keineswegs so nörgelig wie die Puppen der Fernsehserie.

„Natürlich bestimmt die Tagespolitik unsere Gespräche“, informiert Helmut Wegner, der mittlerweile 69 Lenze zählt und vor der Pensionierung Kämmerer des Landkreises Verden war.

Als überzeugter Sozialdemokrat saß er 30 Jahre lang im Visselhöveder Stadtrat – bis er 2011 nicht mehr wiedergewählt wurde. „Meine Genossen haben mir einen schlechten Listenplatz gegeben, weil sie dachten, der kommt ja sowieso wieder direkt rein. Aber Pustekuchen!“

Dem Roten gegenüber sitzt nun jeden Morgen einer, der mit der Sozialdemokratie über viele Jahrzehnte überhaupt nichts am Hut hatte. Ein echter Schwarzer, denn Gerd Hesse hatte nämlich ebenfalls 20 Jahre ein Mandat im Stadtparlament, war CDU-Fraktionschef und gründete später die erste „Unabhängige Wählergemeinschaft“ Visselhövedes.

Dass diese große Koalition jetzt so gut funktioniert liegt wohl auch darin begründet, dass die beiden ihre politischen Ansichten nicht auf die Spitze treiben.

„Darum geht es bei uns eben nicht nur um die Politik, sondern wir gucken uns die Zeitung von vorne bis hinten an. Wir reden über Werder Bremen genauso wie über die Wahl zur Miss Universum“, schmunzelt Wegener und nippt nach der dritten Tasse Kaffee an seinem O-Saft. „Den trinken wir seit rund zwei Monaten. Man muss ja schließlich auf seine Gesundheit achten“, unterstreicht der ehemalige Unternehmer Hesse, der in der Stadt bekannt ist wie der oft zitierte bunte Hund.

Sind die Visselhöveder Nachrichten erst einmal durchgeblättert, lohnt meistens ein Blick auf die Goethestraße – wegen des starken Verkehrs vielleicht nicht gerade Visselhövedes Flaniermeile, aber dennoch die Straße, auf der am meisten los ist.

„Allein dadurch bekommen wir ein Gespür dafür, was die Menschen aktuell bewegt“, stellt Wegener immer wieder fest. Auch an diesem Morgen ist es so. Passanten kommen am Schaufenster vorbei. Sie winken fröhlich oder gucken ernst, hetzen vorbei oder kommen auf einen Plausch kurz an den Tisch.

Das Thema Flüchtlinge in der Kaserne wird natürlich auch von vorne bis hinten durchdiskutiert, schließliche gehen auch viele dieser Menschen am Café vorbei.

„Man kann Gerd

einfach gut zuhören“

„Neulich hatten wir sogar einen kleinen internationalen Frühschoppen hier“, erzählt Helmut Wegener. „Denn wir kamen mit einer Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan in ein sehr gutes Gespräch. Auch zwei Iraner gesellten sich schon zu uns, denen wir das Prozedere des deutschen Asylverfahrens auf Englisch näher gebracht haben“, freut sich der gebürtige Ahauser.

Allerdings sei der Begriff Frühschoppen nicht falsch zu verstehen, denn Alkohol ist für die beiden tabu. „Höchstens mal ein Bier, wenn wir einmal im Monat abends zusammen essen gehen, zum Beispiel im Lokal Rethemer Fähre“, gibt Hesse doch noch ein wenig mehr aus dem Leben der beiden „Kaffeeonkel“ preis. Im Sommer, wenn die beiden ihren Stammtisch ins Freie verlagern, gibt es dann auch schon mal eine Erfrischung aus der Eisdiele nebenan.

„Das Schöne an Gerd ist, dass er einen ungeheuren Fundes an Erinnerungen hat, die alle irgendwie mit Visselhövede zu tun haben. Man kann ihm gut zuhören. Er weiß, wer wann und wohin geheiratet hat; wer wann und wo ein Haus gekauft hat oder wer wann gestorben ist. Das kommt meist wie aus der Pistole geschossen“, lobt Wegner, der während seiner politischen Laufbahn ab und an schon mal als „Besserwisser“ bezeichnet wurde, sich aber im Gespräch mit Hesse auch gern mal belehren lässt.

„Ich kann mir diese Dinge einfach sehr gut merken“, sagt der ehemalige Christdemokrat der alten Schule, der auch mal ein Sägewerk an der Soltauer Straße betrieben hatte und sich jetzt immer noch gerne mit Immobilien beschäftigt, während sein Kumpel „viel Literatur bis hin zur Bibel“ liest.

Klar, dass bei einer solchen Fülle von Themen auch schon mal kleinere Streitigkeiten mit Tischnachbarn vorkommen, die mal in die Klönrunde reinschnupperten. Wegener: „Im Alter kann nicht unbedingt jeder die Meinung eines anderen akzeptieren. Da gab es schon Leute, die machen jetzt einen großen Bogen um uns.“

Genau das Gegenteil macht der ehemalige Rechtsanwalt Norbert Schlüter (72), der fast regelmäßig bei den beiden vorbeischaut „und uns anwaltlichen Beistand leistet“, so Wegener.

So sitzen die beiden manchmal allein, ein anderes Mal in großer Runde und interessieren sich für die Entwicklung ihrer Heimatstadt – bis plötzlich einer der beiden sagt: „Es ist schon nach eins, jetzt aber los!“ So stehen sie auf, rücken die Stühle zurecht, bringen ihre Kaffeetassen zum Regal und zahlen. Alles wie immer – auch der nächste Morgen.

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