Kandidat würde Wahl nicht annehmen

Lutz wird nicht Visselhöveder Bürgermeister

Gerald Lutz würde das Amt nicht annehmen.
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Gerald Lutz würde das Amt nicht annehmen.

Visselhövede – Dramatische Entwicklung sechs Tage vor der Wahl im Rennen um das Visselhöveder Bürgermeisteramt: Der parteilose Einzelkandidat Gerald Lutz würde im Falle eines Wahlsieges „aus persönlichen Gründen“ den Posten nicht annehmen und empfiehlt darum den Wählern, die am kommenden Sonntag, 12. September, ihre Kreuze bei der Bürgermeisterfrage machen dürfen, „besser die Kandidatin Sabine Schulz“ aus Achim „zu wählen“, die aktuell dort noch die Bäderbetriebe leitet.

Es gibt allerdings ein Problem: Der Visselhöveder Lutz kann, anders als vor einigen Wochen sein ehemaliger Mitbewerber Harald Glüsing, die Kandidatur nicht mehr rückgängig machen, da der Termin dafür schon lange überschritten und der Name Lutz auf den Wahlzetteln zu lesen ist. Ein großer Teil davon wurde vor zwei Wochen den knapp 2 000 Briefwählern geschickt, „und sehr, sehr viele sind auch schon wieder im Rathaus gelandet“, so das Visselhöveder Ordnungsamt. Mit Sicherheit sind auch Stimmen für Lutz dabei.

Sabine Schulz hat ein „gutes Gefühl“.

Für ihn war es nach eigenem Bekunden „ein holpriger Start in die Bürgermeister-Kandidatur der Stadt Visselhövede“. Zunächst war er nur hinter vorgehaltener Hand als Kandidat im Gespräch, und erst ganz kurz vor Bewerbungsschluss hatte der 59-jährige Familienvater seine Unterlagen eingereicht. Aber Wahlkampftermine planen oder gar Plakate aufhängen, damit wolle er nicht so richtig was zu tun haben, so Lutz vor einem guten Monat. Dann kam vor zwei Wochen seine Mitteilung, dass ein ungeplanter Krankenhausaufenthalt anstünde, und er darum komplett auf öffentliche Auftritte verzichten würde.

Die von den Rathausmitarbeiterinnen verschickten Briefwahlunterlagen könnten das Zünglein an der Waage sein, wie es mit der Bürgermeisterwahl weitergeht.

„Jetzt hat sich leider eine Situation ergeben, die dazu führt, dass für mich im Falle eines Wahlsiegs das Amt des Bürgermeisters nicht annehmbar wäre.“ Aus diesem Grund bittet Lutz in einer Stellungnahme die Wähler, „meine Gegenkandidatin Sabine Schulz zu wählen“.

Es gebe im Leben Situationen, in denen Wünsche nicht realisierbar seien und denen man sich stellen müsse. „Natürlich bin ich enttäuscht, es ist nicht meine Art, mich für Dinge zu begeistern und dann einen Rückzieher zu machen, nur könnte ich der Stadt Visselhövede nicht mit der Kraft zur Verfügung stehen, wie es das Amt erfordert.“ Im Falle eines Wahlerfolges würde er unter das Beamtenrecht fallen und sogar eine Rente beziehen, obwohl er das Amt „nie richtig“ ausfüllen könnte. „Aber das will ich definitiv nicht. Allen Unterstützern möchte ich herzlich für ihren Zuspruch danken, bitte aber um Verständnis für diese nicht vorhersehbare Situation“, so Lutz.

„Das ist jetzt ein echtes Dilemma“, so Visselhövedes Ordnungsamtschef Mathias Haase. „Wenn Lutz nämlich gewählt wird, hat er nach der Feststellung des amtlichen Endergebnisses um den 13. September herum eine Woche lang Zeit, dem Wahlleiter zu erklären, dass er die Wahl nicht annimmt.“

Dann sei aber nicht automatisch die Zweitplatzierte, also Sabine Schulz, Bürgermeisterin, sondern das Niedersächsische Wahlgesetz sehe in diesem Fall vor, dass es in sechs Monaten Neuwahlen für das Amt des Bürgermeisters gebe. Dann könnten auch neue Kandidaten an den Start gehen.

Und die Wahrscheinlichkeit, dass die Visselhöveder spätestens im März kommenden Jahres tatsächlich noch einmal an die Wahlurnen gerufen werden, ist relativ groß. Denn es gibt 8319 Wahlberechtigte in der Stadt und den Dörfern. „Im Schnitt haben allerdings weniger als die Hälfte während der vergangenen Kommunalwahlen von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht“, berichtet Dörthe Thomsen vom Bürgerbüro, die sich ebenfalls um die Wahlvorbereitungen kümmert. Da im Rathaus damit gerechnet wird, dass Mitte dieser Woche die 2000er-Marke an Briefwählern geknackt wird, könnte es angesichts der geringen Wahlbeteiligung sein, dass Gerald Lutz schon jetzt viele Stimmen bekommen hat, obwohl er öffentlich dafür wirbt, Sabine Schulz zu wählen, die von der WiV und der FDP unterstützt wird.

Die 58-Jährige, die zurzeit ein Haus in Visselhövede bezieht, wünscht Lutz, mit dem sie „in Kontakt“ steht, nur „das Beste“. Sie fühle sich nun aber nicht „siegessicher“, habe „aber ein gutes Gefühl“, weil sie sich vielen gesellschaftlichen Gruppierungen vorgestellt und „viel positives Feedback“ erfahren habe.

Und falls es aufgrund der besonderen Situation nicht klappen sollte mit dem Wahlsieg bereits an diesem Sonntag, würde sie dann auch in sechs Monaten antreten? „Ja, davon gehe ich aus“, so Sabine Schulz.

KOMMENTAR VON JENS WIETERS

Eine Frage des Anstands

Viele Anhänger hatten es in den vergangenen zwei Wochen schon befürchtet, am Montagmorgen wurde es Gewissheit: Gerald Lutz wird nicht Bürgermeister in Visselhövede. „Aus persönlichen Gründen“ könne er im Falle eines möglichen Wahlerfolgs das Amt in den kommenden Monaten nicht hundertprozentig ausüben. Und diese persönlichen Gründe gilt es zu respektieren – ob man Gerald Lutz mag oder nicht und ohne Wenn und Aber. Der Visselhöveder geht sogar noch einen Schritt weiter und empfiehlt den gut 8 000 Wahlberechtigten öffentlich, am Sonntag doch lieber seiner Gegenkandidatin Sabine Schulz, die von der WiV und der FDP unterstützt wird, die Stimme zu geben. Und das ist eine Frage des Anstands. Denn Lutz, der in den vergangenen Wochen gänzlich auf Wahlkampfauftritte und Plakate verzichtet hatte, hätte auch stillschweigend das Ergebnis abwarten können und im Falle eines Erfolgs dem Wahlleiter erklärt, dass er die Wahl nicht annimmt. Das hätte dann auf jeden Fall zur Folge gehabt, dass es innerhalb der kommenden sechs Monate zu Neuwahlen gekommen wäre. Und das wäre sicherlich im Sinne der Schulz-Gegner, die sich dann doch noch in Stellung bringen könnten, was sie vor Monaten zugunsten Harald Glüsings versäumt hatten. Der hat aber bekanntlich die Segel gestrichen und war dem Vertrauensentzug von CDU, SPD und Grünen zuvorgekommen. Gerald Lutz spielt dieses Spielchen indes nicht mit. Lutz ist ein (Noch)-Kandidat, der hofft, dass er bei der Wahl unterliegt – ein Novum an der Vissel und sicher auch weit über die Stadtgrenzen hinaus. Und es ist auch eine Frage der Ehre eines Mannes, der weiter in der Stadt leben möchte – ohne das ihm später politisches Kalkül vorgeworfen wird. Offen und ehrlich – so wie man ihn kennt.

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