Gelungener Netzwerkaufbau

Eines der Projekte, denen sich Christian Oddoy gerne widmet: Willkommenstüten für Neugeborene, die er an die Eltern ausgibt. 
Foto: Beims
+
Eines der Projekte, denen sich Christian Oddoy gerne widmet: Willkommenstüten für Neugeborene, die er an die Eltern ausgibt. Foto: Beims
  • Ann-Christin Beims
    vonAnn-Christin Beims
    schließen

Die Schattenseiten der Pandemie, davon gibt es einige. Aber trotz allem kann Visselhövedes Gemeinwesenarbeiter Christian Oddoy der jetzigen Situation auch etwas Gutes abringen – denn seine Arbeit ist in dieser Zeit vielleicht wichtiger denn je.

Visselhövede – Ein soziales Netzwerk soll in der Not glänzen – oder vielleicht gerade dann. In Visselhövede hat das funktioniert, ist Gemeinwesenarbeiter Christian Oddoy überzeugt. Daher sieht er sich auch ein wenig als Gewinner der Krise, dank eines gelungenen Netzwerkaufbaus in den vergangenen Jahren. Denn „die Eigendynamik, die sich hier ergeben hat, ist fantastisch“, betont er. Und deswegen hofft Oddoy auch, dass Visselhövede etwas mitnimmt aus der Krise, wenn diese vorüber ist.

Die Stadt habe bei Ausbruch des Coronavirus schnell reagiert und so habe sich ein Hilfsnetzwerk gebildet, das Oddoy koordiniert. Bereits in der ersten Woche fanden sich 40 Helfer, die bereit waren, Einkaufs- oder Botengänge für ihre Mitbürger aus Risikogruppen zu übernehmen. Besonders schön für Oddoy: Zusätzlich haben sich Mini-Netzwerke gebildet, viele Jugendliche hätten ihre Hilfe angeboten. „Es gab ein gemeinsames Ziel.“ Einige hätten sich extra Prepaidkarten für ihre Handys nur für diesen Einsatz besorgt. „Diese Kommunikation ist die Frucht der Arbeit der Vorjahre“, meint Oddoy. „Ein gutes, krisensicheres Netzwerk ist ein Gewinn – das ist das Tolle an Corona, denn wenn es wirklich hart auf hart kommt, sind die Leute da. Die Resonanz war super.“

Der Nachteil: Es wurde nur wenig genutzt. „Wenn ich mal Reinhard Mey zitieren darf: ,Was man nicht nutzt, nutzt sich ab‘“, sagt Oddoy. So gab es viele Helfer, aber nur wenige, die bereit waren, das Angebot anzunehmen. „Für einen Hilfesuchenden hätten wir locker zehn Helfer gehabt.“ Aber dennoch, die, die es genutzt haben, seien dankbar. Viele Telefonate habe er in dieser Zeit geführt – für die er sich auch die Zeit nehmen konnte, denn andere Projekte waren ausgebremst. So hat Oddoy unter anderem mit einer Frau gesprochen, die mit einer Spenderniere lebt. Daher würde er das Netzwerk gerne bestehen lassen – in verringerter Form, vielleicht nur mit einer Kerngruppe. „Denn nun ist das Angebot da und es schafft Sicherheit“, meint der Gemeinwesenarbeiter. „Grundsätzlich war das vorher auch da, als Jung hilft Alt, aber der Anlass fehlte, es wirklich zu nutzen – und der ist jetzt da.“ Ziel war es, die Hilfe so einfach wie möglich zu organisieren. Warum nicht mehr Menschen das angenommen haben, weiß er nicht.

Seine Arbeit, nicht nur der letzten Wochen, hat er kürzlich dem Landtagsabgeordneten Eike Holsten (CDU) vorgestellt. „Es ist eine wichtige Arbeit, die wir machen – gerade im Coronafall hat sich das nochmal bewährt, in einer schnellen Koordination und Reaktion.“ Für Oddoy geht es aber auch darum, wie es ab Ende des Jahres weitergeht, ob sein Vertrag verlängert wird. Genug zu tun gibt es, auch weiterhin: „Wir kommen gerade erst in Fahrt, nur Corona hat das jetzt etwas gebremst.“ Er sieht die Gemeinwesenarbeit als Fundament, auf dem aufgebaut werden kann. „Wir sind noch in der Phase, in der der Gemeinwesenarbeiter noch sehr präsent sein muss, um die Strukturen zu festigen.“ Schwierig könnte es in den kommenden Monaten jedoch werden, Geld für Projekte einzuwerben.

Gemeinsam mit Arbeitsgemeinschaften, die sich gebildet haben – Marktplatz, Jugend und Barrierefreiheit – hat Oddoy schon einiges ins Leben gerufen. Da wäre die Palettenlandschaft auf dem Marktplatz, wo noch mehr passieren soll, sobald das wieder möglich ist. Dann werden sich auch Bewohner der Rotenburger Werke um die Pflanzen kümmern. „Es ist ein Inklusionsprojekt“, so Oddoy. Immer im Fokus: die Bürgerbeteiligung. Einwohner sollen ihre Stadt mitgestalten, eigene Ideen und Anregungen einbringen, die dann gemeinsam mit Oddoy umgesetzt werden können.

Eins hat sich dabei herauskristallisiert: „Die Player kommen immer wieder in anderen Konstellationen zusammen.“ Und sie haben noch einiges auf dem Zettel. Das Thema Bahnhof zum Beispiel, der nicht barrierefrei ist. Aber auch Ampeln, deren Grünphase nicht für jeden Mitbürger ausreichend ist.

Da zählt Oddoy auf seine AG Barrierefreiheit und die Sicht derer, die mit Einschränkungen wie diesen leben müssen. „Ihre Sicht ist spannend und hilft.“ Auch die Jugend will Oddoy verstärkter erreichen, bislang ist es aber eine „Jugendgruppe ohne Jugend“, denn in der AG sind nur Erwachsene, die mit Jugendarbeit zu tun haben. Im nächsten Schritt hätte er gerne Jugendliche dabei. Grundsätzlich säßen aber alle an einem Tisch, auch Politiker zeigten Interesse. Die Aktivitäten sind derzeit allerdings „eingefroren“, wie er es nennt. Andere Themen waren akuter, die Arbeit soll aber nun mit den Lockerungen auch wieder aufgenommen werden. Man wolle sich sortieren, erst mal in kleinen Gruppen treffen, den „Stein ins Rollen bringen“. Das Engagement ist da, weiß Oddoy.

Das wird auch weiter gebraucht, zum Beispiel, wenn er an Projekte denkt, die nun wieder aus der Schublade gekramt werden sollen. Da wäre der Weihnachtsmarkt, für den eine Optimierung angedacht sei in Form eines Fackelwegs. Dazu habe es erst ein Treffen gegeben, dann kam Corona. Der ausgefallene Tag der Gesundheit soll nachgeholt werden. Der Plan ist ausgearbeitet, wartet mit vielen praktischen Übungen zu den fünf Kneipp-Elementen auf. In der AG Barrierefreiheit sind weitere Inklusionsprojekte geplant, für die Jugend wünscht er sich eine Erweiterung des Freizeitangebotes. Und dazu braucht es neben der Hilfe der bereits Engagierten weiteren Input. ���Bürger sollen sich in Interessengruppen engagieren, nicht auf die Politik warten, zwar mit ihr zusammenarbeiten, aber selber aktiv werden“, wünscht sich der Gemeinwesenarbeiter. Und auf den vorher gekannten Trubel freut er sich wieder. Denn im Haus der Bildung sei es einsam geworden. Hingegen: „Das Netzwerken ist geblieben, nur die Kanäle haben sich geändert, die Digitalisierung hat eine neue Bedeutung bekommen.“ Und auch wenn diese nicht das persönliche Gespräch ersetzt, sei sie ein gutes ergänzendes Mittel. Viele Konferenzen seien bereits per Video abgehalten worden. „Die Arbeit muss weitergehen, die Kommunikation muss bleiben.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Rückkehr nach Mallorca - ein Erfahrungsbericht

Rückkehr nach Mallorca - ein Erfahrungsbericht

Schöne Picknick-Plätze in Deutschland

Schöne Picknick-Plätze in Deutschland

Wie man Backups und Datenumzüge meistert

Wie man Backups und Datenumzüge meistert

Mit der App auf Motorrad-Tour

Mit der App auf Motorrad-Tour

Meistgelesene Artikel

Grindel denkt über Kandidatur nach

Grindel denkt über Kandidatur nach

Comeback bleibt aus: Grindel sagt Kandidatur ab

Comeback bleibt aus: Grindel sagt Kandidatur ab

Ein Zeichen gegen das Vergessen

Ein Zeichen gegen das Vergessen

Sottrums Volksbank-Vorstand Matthias Dittrich über die drohende Wirtschaftskrise

Sottrums Volksbank-Vorstand Matthias Dittrich über die drohende Wirtschaftskrise

Kommentare