Berufungsverfahren: 28-Jähriger stellt sich als Opfer dar

Geldstrafe mit Rabatt

Visselhövede/Verden – Eine vorsätzliche Körperverletzung während einer Rotphase an einer Ampelkreuzung in Visselhövede hat das Landgericht Verden in einem Berufungsverfahren beschäftigt. Der 28-jährige Angeklagte hatte im Juni 2018 einem heute 55 Jahre alten Autofahrer aus Soltau mehrere Faustschläge verpasst. In seiner Einlassung versuchte der Visselhöveder, den Spieß umzudrehen, stellte sich als Opfer dar. Das Gericht glaubte ihm nicht. Es blieb bei einer Geldstrafe.

Der 55-Jährige sei auf der Süderstraße so eng an ihm vorbeigefahren, dass er sich auf seinem Motorroller gefährdet gefühlt habe, berichtete der Angeklagte. Außerdem habe der Autofahrer ihm einen Vogel gezeigt. Deshalb sei er dem Golf hinterher. „Das war der erste Fehler“, stellte der Vorsitzende Richter Daniel Hauschildt später im Urteil fest. Wie die Situation tatsächlich war, ließ sich nicht klären. Als das Auto an einer Kreuzung stoppen musste, habe er den 55-Jährigen zur Rede stellen wollen, so der Angeklagte. Soweit wurde ihm geglaubt, jedoch nicht folgender Schilderung: „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er so aggressiv reagiert“, gab sich der 28-Jährige unschuldig. Nicht er habe zugeschlagen, sondern der 55-Jährige habe ihm einen Schlag verpasst. „Ich habe versucht, ihn festzuhalten und die Tür geöffnet. Es kann sein, dass er da einen Schlag abbekommen hat“, behauptete er weiter. Danach hatte er den Autofahrer zur Polizei gelotst, um gegen diesen Anzeige zu erstatten.

Doch der 55-Jährige berichtete von acht bis zehn Schlägen, was eine unbeteiligte Zeugin bestätigte. Für Verteidiger Michael Helwig passte dies wiederum nicht zum Verletzungsbild, dass sich äußerlich sichtbar im Wesentlichen auf ein blaues Auge und Schwellungen beschränkt hatte. Doch das Opfer schilderte Sehstörungen über acht Wochen. Die körperlichen Folgen seien ausgeheilt, so der 55-Jährige. „Seelisch noch lange nicht“, erklärte er auf die Fragen des Richters. Er habe seine Arbeit aufgegeben, weil er nicht mehr in der Lage sei, so viel wie früher zu fahren. Nun habe er einen zu Fuß erreichbaren Arbeitsplatz bei deutlich geringerem Einkommen. „Die Albträume reißen nicht ab“, so der Mann. Weiterhin sei er in psychologischer Behandlung. „So etwas darf in unserer Gesellschaft nicht geduldet werden“, merkte er an. „Wenn wir das erstinstanzlich entschieden hätten, wären wir sicher nicht bei 50 Tagessätzen stehen geblieben“, hieß es in der Urteilsbegründung. Von Geldstrafe bis zu fünf Jahren Haft reicht der Strafrahmen. Da jedoch nur der Angeklagte Berufung eingelegt hatte, durfte die Strafe nicht höher ausfallen.

„Das sollte man nicht machen. Insbesondere nicht, wenn man Vorstrafen hat, die auf eine eingeschränkte Impulskontrolle hinweisen“, gab der Vorsitzende dem Angeklagten zu bedenken. Elf Eintragungen im Strafregister hat dieser bereits, wiederholt Körperverletzung, Verstoß gegen das Waffengesetz, Beleidigung, Widerstandshandlungen. Zuletzt wurde der von Sozialhilfe lebende Angeklagte wegen Bedrohung zu 140 Tagessätzen á acht Euro verurteilt. Das Landgericht musste eine Gesamtstrafe mit dieser Tat bilden und andere Einkommensverhältnisse berücksichtigen. So wurde der Angeklagte noch mit einem Rabatt belohnt, denn statt rechnerischer 190 Tagessätze sind es nun 165 á neun Euro, die er zahlen muss. In der Summe 1 485,00 Euro.  wb

Rubriklistenbild: © dpa

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