Wirte und Hoteliers kritisieren Ungerechtigkeiten bei Corona-Regeln

Feiern? „Lieber bei den Profis!“

Setzen auf Sicherheit der Gäste und hoffen auf Lockerungen: Die Hoteliers (v.l.) Andrea Horn, André Meyer, Jörn Riedel-Vollmer und Dorothea Vollmer.
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Setzen auf Sicherheit der Gäste und hoffen auf Lockerungen: Die Hoteliers (v.l.) Andrea Horn, André Meyer, Jörn Riedel-Vollmer und Dorothea Vollmer.

Jeddingen – „Ich fasse es nicht“, schimpft André Meyer auf dem Weg zur Terrasse des Hotels Jeddinger Hof. „Soeben habe ich im Radio gehört, dass Niedersachsen bis mindestens 1. Oktober keine Lockerungen der Corona-Regeln erlauben will.“ Das wirkt nicht nur für den Chef des Hotels und Restaurants Meyers Gasthaus in Bothel wie ein Schlag in die Magengrube, sondern auch für Andrea Horn, Pächterin des Unterstedter Waldhofs, und für Dorothea Vollmer und Jörn Riedel-Vollmer vom Jeddinger Hof, die sich in wechselnder Besetzung regelmäßig über den aktuellen Corona-Stand ihres Gewerbes austauschen. „Das bedeutet: Ein weiterer Monat ohne Veranstaltungen, ein weiterer Monat voller Unsicherheit“, betont Horn.

Den Wirten und Hoteliers haben natürlich in erster Linie die Sicherheit ihrer Mitarbeiter und ihrer Gäste im Blick. „Und genau darum haben wir Hygienekonzepte in unseren Häusern entwickelt, die sicherlich ihresgleichen suchen“, betont Riedel-Vollmer. Er verweist auch auf die Unsicherheit bei den Gästen, da es immer wieder neue und oft undurchsichtige Verordnungen gebe, die der berühmte Otto-Normalverbraucher kaum durchblicke.

Riedel-Vollmer und seine Kollegen können zwar den restriktiven Kurs der niedersächsischen Landesregierung beim Thema Covid-19 verstehen, aber „warum solche Unterschiede gemacht werden, konnte mir bisher noch niemand erklären“, so der Jeddinger und meint damit, dass es nicht zu verstehen sei, warum Goldene, Silberne oder auch Grüne Hochzeiten, Beerdigungen oder ähnliche Veranstaltungen mit religiösem Hintergrund mit bis zu 50 Leuten mit 1,5 Meter Abstand an Zehnertischen erlaubt seien, aber runde Geburtstage zum Beispiel nicht. „Obwohl wir auch zu solchen Festen genau die gleichen Corona-Regeln was Abstand, Gruppengröße und Gästeerfassung angeht, aufstellen würden.“

So würden diese Partys darum oft im privaten Rahmen ohne jegliche Kontrolle gefeiert. Was wiederum eine erhebliche Ansteckungsgefahr berge, weil sicherlich nicht jeder Gastgeber die Abstands- und Hygieneregeln einhalten könne wie es in den Hotels und Gaststätten seit Monaten getan werde, mutmaßt André Meyer. „Und wenn man die steigenden Zahlen betrachtet, basieren die aktuellen Infektionen zu einem großen Teil aus dem Umfeld der Reiserückkehrer, aber auch aus Partys im privaten Rahmen. Nur 2,8 Prozent werden mit Ansteckungen in Gaststätten oder Hotels in Verbindung gebracht“, präsentiert Riedel-Vollmer einen Bericht des Robert-Koch-Instituts.

„Darum sollten wir Niedersachsen uns die Nachbarn aus Holland zum Vorbild machen. Dort werden private Feiern konsequent verboten und bei entsprechenden Vergehen auch drastisch geahndet“, informiert Meyer. Die niederländischen Behörden würden sogar auffordern, die Feiern in Gaststätten stattfinden zu lassen. „Das Motto muss auch für uns gelten: Feiern Zuhause? Lieber bei den Profis“, fordert Andrea Horn.

Die hat manchmal einen richtig „dicken Hals“, wenn sie an Kollegen denkt, die sich nicht an die Corona-Regeln halten und Partys mit Musik und Tanz in ihren Räumen zulassen: „Klar zwingen sie wirtschaftliche Gründe dazu, aber wir stehen alle mit dem Rücken zur Wand und darum muss die Solidarität unter den Gastronomen gerade jetzt groß geschrieben werden.“

Das geschehe auch bei den Betrieben, die im Hotel- und Gaststättenverband, kurz Dehoga, organisiert seien, ergänzt Meyer. „Bei Unternehmen, die dieses Siegel führen, können die Gäste obendrein sicher sein, dass alle Hygieneregeln eingehalten werden, bei anderen bin ich mir nicht sicher. Es gibt leider viele schwarze Schafe in unserer Branche“, betont der Botheler.

Die vier Wirte, die alle das Instrument Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter einsetzen, um „überhaupt über die Runden zu kommen“, schätzen den Umsatzeinbruch in der Branche zum Jahresende auf bis zu 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Da hat uns auch nicht der Außer-Verkauf gerettet. Das war nur Geldwechseln, verdient haben wir nichts“, so Andrea Horn, die ebenso wie alle anderen fast täglich Stornierungen hereinbekommt, auch für Feste, die erst im kommenden Jahr stattfinden sollten.

Jetzt hoffen alle darauf, dass das Weihnachtsgeschäft halbwegs läuft. „Natürlich ist auch dann das Virus nicht weg, aber wir sind die Fachleute und haben entsprechende Konzepte für unsere Gäste. Die gibt es im privaten Bereich überwiegend nicht“, stellt Riedel-Vollmer klar, der damit rechnet, dass im kommenden Frühjahr, wenn auch die staatlichen Überbrückungshilfen aufgebraucht seien, einige Geschäfte aus der Gastronomie auf dem Land und in den Städten für immer ihre Türen schließen werden.  jw

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