INTERVIEW Visselhövedes Bürgermeister Ralf Goebel blickt voraus und zurück

„Es stehen noch einige Projekte an“

Ralf Goebel kandidiert nicht wieder und ist noch zehn Monate im Amt.
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Ralf Goebel kandidiert nicht wieder und ist noch zehn Monate im Amt.

Visselhövede – Noch zehn Monate bleiben dem Visselhöveder Bürgermeister Ralf Goebel, um seine Ziele und Ideen zu verwirklichen, denn der 61-Jährige kandidiert nicht wieder für den Chefsessel im Rathaus. Zum Jahreswechsel gibt er im Interview einen kleinen Einblick in die von ihm favorisierten Projekte, über seine Zeit „danach“ und seine Vorstellungen von Kommunalpolitik.

Noch exakt zehn Monate im Amt. Gibt es schon ein Maßband zum Abschneiden der Tage?

Nein, definitiv nicht. Es ist eher umgekehrt, dass da noch einige Projekte sind, die ich gerne fertig wissen beziehungsweise angeschoben haben möchte. Da ist das Gewerbegebiet Lehnsheide, es wäre super, wenn zum Herbst die Baufirmen da bereits aktiv sind. In Sachen Kinderbetreuung haben wir bis 2025 weiter steigenden Bedarf an zusätzlichen Gruppen, auch hier möchte ich sehr gerne den weiteren Fahrplan anschieben. Das Haus der Bildung liegt mir auch noch sehr am Herzen, hier möchte ich eine Lösung mit einem weitergehenden Konzept. Die weitere Entwicklung der gesamten Stadtfeuerwehr für den nächsten Entwicklungsschritt werde ich begleiten. Die Fertigstellung des barrierefreien Bahnhofs und der Planungen für die P&R-Anlage würde ich gerne noch erleben.

Haben sie die Ankündigung, nicht mehr zu kandieren, schon mal bereut?

Wer mich kennt, der weiß, dass ich es mir mit meinem Entschluss nicht leicht gemacht habe. Es ist eine fantastische Aufgabe, der Bürgermeister für Visselhövede sein zu dürfen und die Geschicke dieser Stadt und ihrer Ortschaften mitprägen und gestalten zu können. Bei meinen Überlegungen, mich für dieses Amt zur Wahl zu stellen, habe ich es mir in dieser Umfänglichkeit nicht vorgestellt. Dass ich diese Aufgabe scheinbar ganz gut erfülle, wird durch so manche Bitte deutlich, doch weiter zu machen. Ich bin mir aber sicher, dass dies die richtige Entscheidung ist. Ich bleibe mit meiner Frau aber Visselhövede erhalten und werde mich auch weiter mit Kreativität und Energie für den Ort einsetzen.

Leider war ihr letztes vollständiges Amtsjahr durch und durch von Corona geprägt. Das hätten sie sich sicherlich anders gewünscht?

Ja, das wünscht sich niemand. An vielen Punkten ist diese Zeit eine heftige Herausforderung. Es sind wirklich so viele Veranstaltungen und Begegnungen ausgefallen, dass ich sagen muss, es ist ganz viel Lebensqualität auf der Strecke geblieben. Es entstehen aber auch neue Kommunikationswege und alte, wie ein ausführliches Telefonat zum Beispiel, bekommen wieder eine andere Bedeutung. In der Verwaltung sind wir kreativer geworden, haben festgestellt, dass doch viel mehr digital erledigt werden kann. Hier war ein Druck entstanden, der uns im positiven Sinne beschleunigt hat. Es bedarf hierzu allerdings auch Mitarbeiter, die pragmatische Lösungen haben. Da bin ich sehr dankbar, dass wir eine entsprechende Stelle im Rathaus geschaffen haben und diese mit Jonas Hermonies besetzen konnten, der es versteht, die Mitarbeiter mit seiner Geduld mitzunehmen.

Täuscht der Eindruck, dass die Pandemie die Menschen trotz des nötigen Abstands eher zusammengeschweißt hat?

Ich war beeindruckt wie schnell sich Menschen zu Beginn der Pandemie organisiert und Hilfe angeboten haben. Der Präventionsrat, die Land- oder Dorfjugenden wie auch all die hilfsbereiten Nachbarn haben in dieser Zeit unser Leben angenehmer werden lassen. Es hat sich gezeigt, dass das Landleben, wo man sich kennt, doch viele Vorteile bietet. Eine verstärkte Nachfrage nach Wohnraum von Menschen von außerhalb ist ein Indiz dafür. Selbstkritisch muss ich sagen, dass wir in dieser Zeit noch offensiver hätten informieren können. Es gibt noch mehr ganz einfache Ansätze, um sich zu schützen und die Verbreitung des Virus einzuschränken. Manchmal habe ich bei einigen Berichterstattungen in den Medien gedacht, ja das hätten wir auch machen können.

Ihr Blick auf die Finanzen, weil es vor der Verabschiedung des Haushalts 2021 doch Diskussionen gegeben hatte?

Mit dem Beschluss zum Schuldenabbau haben sich alle Fraktionen in Visselhövede dazu bekannt, die Verschuldungssituation der Stadt in einem überschaubaren Zeitraum abzubauen. In meiner bisherigen Zeit als Bürgermeister haben wir das stets im Auge gehabt und haben in den vergangenen sechs Jahren unsere Schulden von knapp 15 Millionen auf 6,9 Millionen Euro reduziert. Unser Schuldenstand wird in den nächsten zwei Jahren wieder etwas ansteigen, was durch die zahlreichen notwendigen Baumaßnahmen bedingt ist. Ohne diese Maßnahmen würde der Stadt aber ein Teil Zukunftsfähigkeit fehlen. Wir haben unwirtschaftliche Immobilien verkauft und versucht, kostenintensive Unterhaltungen zu reduzieren. Wir haben aber auch erheblich modernisiert. Zusammenfassend möchte ich sagen, dass unsere finanzielle Situation eigentlich ganz gut ist und wir im Vergleich zu vielen anderen Kommunen gut aufgestellt sind.

Was war ihr nervenaufreibendstes Projekt in den vergangenen Jahren?

Es gab nicht das eine, sondern viele interessante Projekte oder Vorhaben, an denen ich gelernt habe oder die in ihrer Durchsetzung spannend waren. Eigentlich war für mich die größte Herausforderung, das Image der Stadt und das Selbstbewusstsein der Visselhöveder zu verbessern. Das ist nicht mit einer Maßnahme erreichbar. Die Vielzahl der Projekte, die im Laufe der Zeit angeschoben wurden, hat dazu beigetragen, dass wir hier ein gutes Stück weitergekommen sind und jetzt anders wahrgenommen werden.

Konkret?

Die Etablierung des Neujahrsempfanges, die Gründung der Bürgerstiftung und des Lions Clubs: Hier sind jeweils Menschen eingebunden, die sich für die Stadt einsetzen und deren Wahrnehmung nach außen prägen. Die Vissel-Freitage haben sich auch positiv auf unser Image ausgewirkt. Wir haben aber auch unsere politische Streitkultur verändert, sind da aus den Schlagzeilen. Unsere Betriebe konnten sich überproportional gut weiterentwickeln, das hat auch entscheidend zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und ebenfalls zur Wahrnehmung der Stadt beigetragen.

Und politisch?

Die Teilnahme am Dialogforum Schiene Nord, wo in der Folge die Y-Trasse gekippt wurde, war für mich ein ganz prägender Prozess, der zeigt, wie demokratische Strukturen funktionieren können. Das Begleiten der Kasernenkonversion und die Realisierung der daran anschließenden Gewerbegebietserweiterung mit all den Verhandlungen bis hin zur 50 prozentiger Subventionierung der nötigen Baumaßnahmen war bis zum letzten Tag spannend und aufreibend. Unsere bildungspolitischen Debatten und die finale Entscheidungsfindung, sowohl bei den Schulstandorten, wie auch bei der Debatte um den Primar Campus waren für mich nervenaufreibend und manchmal auch zu emotional und hitzig. Es ist aber auch sehr schön, wahrzunehmen, dass es allen Beteiligten gelungen ist, sich nachher wieder in die Augen zu schauen und weiter gemeinsam in die Zukunft für Visselhövede zu schauen.

Schon mal ein kleiner Rückblick. Was hätten sie im Umgang mit den Politikern und Bürgern besser oder anders machen können oder sollen?

An einigen Stellen hätte meine Informationspolitik noch besser sein müssen. Das gilt sowohl für die Rats- oder Fachausschussmitglieder, wie auch manchmal für die Bürger. Manche Sachzwänge oder Beweggründe muss man viel öfter kommunizieren. Ich bin doch hin und wieder zu schnell und meine, dass ein Sachverhalt, der mir klar ist, dem Gegenüber auch vor den gleichen Hintergründen klar sein sollte. Eine Zukunftswerkstatt wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, denn im Prinzip habe ich damit ja auch begonnen und habe die Anregungen und Befindlichkeiten der Bürger aufgenommen.

Bisher gibt es nur einen Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters. Ist das gut oder schlecht?

Auch wenn sich jetzt drei Parteien auf einen Kandidaten festgelegt haben, würde ich mir wünschen, dass es da noch mindestens einen weiteren gibt. Für die Bürger ist es dann eine wirkliche Wahl und auch für den später gewählten Bürgermeister fühlt es sich doch besser an, sich in einem Wahlkampf durchgesetzt zu haben. Ich war Herrn Langanke 2014 dankbar, dass auch er für das Amt kandidiert hat. Wir mussten so viel intensiver Position beziehen und ich glaube, es gab dem Wahlkampf etwas mehr Profil. Es ist schade, dass es eigentlich kaum Interessenten für dieses Amt gibt, dabei ist es so eine schöne Aufgabe, Bürgermeister Visselhövedes zu sein. Empathie, Interesse und Verbundenheit zu den Menschen und Betrieben vor Ort sind wichtig. Wenn man das Ohr am Volk hat, bereit ist zum Netzwerken und Fingerspitzengefühl in der Personalführung, wie auch im Umgang mit den Gremien entwickelt, dann wären das schon gute Voraussetzungen. Ein Jura- oder Verwaltungsstudium sind da dann nicht so wichtig, dafür gibt es ein gutes Team in der Verwaltung.

Ist die Bürgermeisterarbeit ohne Parteibuch einfacher?

Die Zugehörigkeit zu einer Partei kann zwar ganz hilfreich sein, aber hier auf kommunaler Ebene ist es oft viel mehr von Vorteil, wenn der Bürgermeister den Blick für alle hat. Das gelingt manchmal besser, wenn es keine Parteizugehörigkeit gibt.

Was machen sie nach dem 1. November 2021?

Das wird spannend, es gab schon Anfragen oder Angebote. Ich sehne keinen Ruhestand herbei und habe auch keine großen Reisen auf der Agenda. Meine Kenntnisse aus meiner Tätigkeit als Schulleiter einer Genossenschaft und als Bürgermeister aus dem Umgang mit Menschen und den Kontakten, all das möchte ich mit etwas weniger zeitlichem Einsatz im Ort weiterhin einsetzen.

Ach ja, züchten Sie jetzt besondere Regenwürmer im eigenen Garten, damit das mit der Volumenreduzierung des Klärschlamms an der Vererdungsanlage endlich klappt?

Der hochwissenschaftliche Versuch mit den 10 000 neuen Angestellten der Stadt hat ja nicht so richtig funktioniert. Von dem Versuch habe ich mir wirklich sehr viel mehr versprochen. Die Regenwürmer arbeiten bei uns noch in einer Komposttonne im Garten, allerdings auch dort nur mit mäßigem Erfolg. Ich bin trotzdem froh, dass wir diesen Versuch gemacht haben, es wird an anderer Stelle immer noch wissenschaftlich daran gearbeitet. Vielleicht kommen die Würmer ja doch noch groß raus, wer weiß.  jw

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