Manfred „Willi“ Reichert erinnert sich an den plattdeutschen Musikunterricht in Oberbayern

Eine glatte Eins für den „Veermaster“

Manfred „Willi“ Reichert kann heute noch Seemannslieder wie den „Hamborger Veermaster“ auswendig – dem Lehrer aus Niedersachsen sei dank. Dafür gab es eine gute Note. - Fotos: Wieters

Schwitschen - Von Jens Wieters. Ein „Hamborger Veermaster“ im hügeligen Oberbayern? Eigentlich undenkbar, aber im Jahr 1972 in der Volksschule Neuburg an der Donau eine Selbstverständlichkeit. Denn dort wurde das bekannte norddeutsche Volkslied von den Schülern voller Inbrunst geträllert. Unter ihnen Manfred „Willi“ Reichert, der sich gerne an diese Zeit erinnert. „Weil ich in dem Sommer die erste und einzige Eins in einem Zeugnis bekommen habe“, so der Schwitscher, der in der Region Visselhövede als Künstler und Turmwächter bekannt ist.

In guter alter Schreibmaschinenschrift steht da hinter dem Fach Musik im Zeugnis der Jahrgangsstufe acht ein „sehr gut“ – also eine glatte Eins.

„Ich kann das Lied vom ,Veermaster‘ immer noch komplett auswendig“, sagt der heute 60-jährige Reichert schmunzelnd. Demnach hat der frühere Musikunterricht offenbar einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen bei dem damals 14-jährigen Buben aus dem knapp 30 000 Einwohner zählenden Städtchen nahe Ingolstadt. „Eigentlich hatte ich zu dem Zeitpunkt mit dem Fach Musik nicht so viel am Hut.“

Das wurde dann anders, als ein Lehrer aus Niedersachsen in der bayerischen Schule eingestellt wurde. „Der war wie besessen von den alten Seemannsliedern und Shantys“, erinnert sich Reichert, der allerdings den Namen des Musikpädagogen nicht mehr weiß.

Auf jeden Fall waren es vor allem die rund 15 Jungs, die mit den Liedern von der Waterkant die „Schule fast in ihren Grundfesten erschütterten“, wie Reichert erzählt. „Das hat richtig Spaß gemacht. Vor allem weil die Mädchen nicht dabei waren, denn sonst hätten wir bei dem Gekicher wohl keinen Ton herausbekommen.“ Er selbst hatte offenbar so überzeugend geklungen, dass es die beste aller Noten für sein Vorsingen gab.

So kann der Niedersachse mit den bayerischen Wurzeln auch heute immer noch einige plattdeutsche Lieder fehlerfrei vorsingen. Neben dem „Veermaster“ auch das bekannte Rundlied „Herrn Pastor sien Kauh“.

Allerdings war der Rest des Zeugnisses des achten Jahresgangs dann doch eher durchwachsen. So gab es im Fach Sport, das früher Leibeserziehung hieß, nur ein „ausreichend“. „Denn Sport war nie mein Ding. Aber in den späteren Jahren hatte ich mit den Lehrern einen Deal: Ich habe einfach beim Sportunterricht gefehlt, bekam eine Vier, aber die Lehrer hatten ihre Ruhe“, beschreibt der Schwitscher den Handel, der heute wohl nicht mehr möglich wäre.

Bemerkenswert ist auch, dass das Fach Religionslehre nicht erteilt worden war – und das im eher konservativen Bayern. „Aber in Neubug gab es früher schon ebenso so viele Katholiken wie Protestanten. Aber warum in dem Jahrgang kein Religionsunterricht erteilt wurde, weiß ich heute auch nicht mehr.“

In dem „Jahreszeugnis“ vom 2. August 1972 hatte Reichert von seinem Klassenleiter, wie die Lehrer früher hießen, noch eine kleine schriftliche Backpfeife mit auf den Weg in die großen Ferien bekommen, denn unter den Personalien steht ein Satz, der ihm heute wohl die Schamesröte ins Gesicht treiben würde: „Manfreds Fleiß und Mitarbeit haben gegen Ende des Schuljahres etwas nachgelassen.“ Es folgte aber auch ein Lob: „Sein Betragen war einwandfrei.“

Letztlich ging auch dieses Schuljahr für den jungen Manfred Reichert, der erst Jahrzehnte später den „Willi“ hinzugefügt bekam, noch gut aus. Er hat „die Erlaubnis zum Vorrücken in die nächsthöhere Jahrgangsstufe erhalten“, ist ganz unten zu lesen. Vielleicht auch wegen der Eins in Musik.

„Daran kann man ableiten, dass es heute und auch schon früher Anerkennung findet und fand, wenn man etwas vom ganzen Herzen macht“, gibt sich Reichert in der Nachbetrachtung ein wenig philosophisch.

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