Visselhövedes Fahrausbilder Siegfried Kusel macht Schluss

Ein Leben an der langen Leine

Siegfried Kusel steuert einen Viererzug.
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Gefühl, Autorität und ganz viel Erfahrung: Siegfried Kusel steuert einen Viererzug, von den Fahrgästen gibt´s nur Lob dafür.

Visselhövede – Kaum zu glauben, dass die riesigen Hände, die hartes Arbeiten seit vielen Jahrzehnten gewohnt sind, ganz feinfühlig nur mit den kleinen Fingern dem empfindlichen Pferdemaul in knapp fünf Metern Entfernung, die Richtung anzeigen, in die sich die Kutsche bewegen soll. Und doch klappt es, dass der Viererzug spielerisch den engsten Slalomparcours schafft, tiefe Wasserhindernisse überwindet oder sich durch den dichten Berufsverkehr manövriert.

„Die Pferde müssen einfach Vertrauen haben, dann fahren sie mit dir durch dick und dünn“, sagt Fahrlehrer Siegfried Kusel vom gleichnamigen Stall in Visselhövede mit einem Leuchten in den Augen.

Und dennoch legt er die langen Leinen jetzt aus der Hand und hängt seine obligatorische Mütze ebenso an den berühmten Haken wie seine Tätigkeit als Ausbilder für angehende Kutscher. „Irgendwann muss mal Schluss sein, und besser jetzt, wo ich noch alles machen kann, als später, wenn ich kaum noch auf die Kutsche komme“, sagt der 81-Jährige der im Laufe seiner 42-jährigen Ausbildertätigkeit unzähligen Kutschern und noch mehr Fahrsportlern den Umgang mit Leinen, Fahrzeugen, den Geschirren und natürlich mit den Pferden beigebracht hat. Seit 1979 hat er viele Pferdefreunde für den Fahrsport begeistern können, sodass es nur eine Frage der Zeit war, bis die nicht mehr im Sattel, sondern lieber auf dem Kutschbock saßen.

„Zunächst lebte unsere Familie von der Landwirtschaft in Kettenburg, die wir aber 1980 aufgegeben haben“, berichtet Kusel, der am liebsten in seinem kleinen Bauwagen sitzt, in dem es würzig nach Pferd und Kaffee duftet. An der Wand hängen unzählige Fotos von seinen Lieblingsequiden, von besonderen Veranstaltungen und natürlich die Urkunden und Auszeichnungen, die Kusel im Laufe der Jahrzehnte angesammelt hat.

1979 war unserer Zeitung die Idee Kusels, Fahrlehrgänge anzubieten, einen Aufmacher wert.

Dabei schulte er erst zum Groß- und Außenhandelskaufmann um, bevor es ihn beruflich komplett zu den Pferden verschlug, die seit 1981 auf dem weitläufigen Gelände am Visselhöveder Landwehrgraben untergebracht sind. Es folgten natürlich eine ganze Reihe von Trainerlizenzen. Seit dem hat er jedes Jahr seine Fahrschüler soweit gebracht, dass sie das Fahrabzeichen auf Grundlage der nicht so einfachen Reitlehre nach Benno von Achenbach spielerisch geschafft haben. „Einige sind international erfolgreiche Turnierfahrer geworden“, sagt Kusel nicht ohne Stolz. Er selbst hat natürlich auch viele Preise im Inland wie im stark besetzten internationalen Fahrturnier in Celle oder oder auch im Ausland gewonnen, wo er an großen zeitgenössichen Schauturnieren teilgenommen hat.

Aber Preise sind für Siegfried Kusel nicht wirklich wichtig. „Es ist die intensive Arbeit mit den Pferden, was mich richtig glücklich macht. Es gibt keinen schöneren Moment, als den, wenn man nach sechs Monaten Ausbildung bis zu fünf Mal in der Woche dann die Kutsche besteigt, die Kommandos klappen und Pferde Spaß dran haben. Dann geht mir das Herz auf.“

Dabei eignen sich besonders die Warmblutrassen Norddeutschlands, um sie zu gelehrigen Kutschpferden auszubilden. „Hannoveraner, Oldenburger oder Holsteiner, aber auch die extra für den Fahrsport gezüchteten Holländer sind prima“, verrät Kusel. Aber natürlich eigne sich nicht jedes Pferd dafür, sicher vor der Kutsche zu gehen und vor allem das zu tun, was es soll – nämlich zu ziehen. „Da ist es wie bei den Menschen: Es gibt immer einen faulen und einen fleißigen. Darum müssen die Pferde gelehrig sein und sich unterordnen, sonst hat es keinen Zweck mit ihnen“, betont Kusel, der schon so manchem jungen Pferdefreund absagen musste, weil das Pony zwar alles andere wollte, aber auf keinen Fall eine Kutsche ziehen.

So kennt man den 81-Jährigen nicht nur in Visselhövede: Mit Mütze und Peitsche auf dem Kutschbock.

So richtig spannend war es in den 1990er-Jahren, als plötzlich alle Heidekutscher, die Touristen durch die Lüneburger Heide gefahren haben, plötzlich einen Führerschein brauchten. „Da standen 100 Fahrer vor Tür, die von heute auf morgen ausgebildet werden mussten“, erinnert sich Kusel.

Und das seien keine leichten Schüler gewesen, sondern Landwirte, die sich mit der Kutschen ein Zubrot verdient haben. „Die wussten natürlich alles besser und konnten nach eigener Angabe auch alles, sodass ich die schlechtesten Pferde vor den längsten Wagen gespannt habe. Damit sind sie natürlich nicht um die Ecke gekommen und schon war der Respekt mir gegenüber da“, erinnert sich Kusel lachend an vergangene Zeiten.

Seine Qualitäten als Ausbilder hatten sich in der Szene herumgesprochen, sodass der Visselhöveder 16 Jahre als Gastdozent bei der Verwaltungsberufsgenossenschaft für den Bereich Sicherheit mit Kutschen tätig war. „Dafür musste ich die Trainer A-Lizenz ablegen, die ich beim damaligen Bundestrainer Bernd Duen gemacht habe.“

Insa Haarstrick ist die letzte Fahrschülerin, die von Siegfried Kusel ausgebildet wurde.

Im Rückblick sei es so, dass „ich mit dem Traditionsfahren eine wirklich tolle Sache entdeckt und sie auch wenig populärer gemacht habe. Aber all die ganze Arbeit und die viele Zeit, die ich für die Ausbildungen aufgewendet habe, hätte ich ohne die Unterstützung meiner Familie nicht leisten können.“

Aber dennoch ist jetzt Schluss und das Hufgeklapper der Pferde ist auf der Visselhöveder Goethestraße nur noch bei besonderen Gelegenheiten wie Hochzeiten zu hören. Aber dann dirigiert Kusel mit dem kleinen Finger seine vierbeinigen Lieblinge selbst durch den dichtesten Straßenverkehr. „Das verlernt man halt nicht.“

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