Visselhöveder Einzelhandel vor dem Lockdown: Es trifft viele, aber nicht alle

Ein Jahr zum Vergessen

Im Modehaus von Nicole Fedderken-Pries dürfen sich die Kunden die hübsche Weihnachtsdekoration ab Mittwoch nur noch von außen ansehen.
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Im Modehaus von Nicole Fedderken-Pries dürfen sich die Kunden die hübsche Weihnachtsdekoration ab Mittwoch nur noch von außen ansehen.

Visselhövede – Die Corona-Krise hat große Teile des Visselhöveder Einzelhandels voll getroffen. Und ab morgen müssen viele Unternehmer ihre Ladentüren bis mindestens 10. Januar komplett schließen. Die Last-Minute-Shopping-Tour zu Weihnachten fällt also aus. Schlecht für die Kundschaft und noch schlechter für die Händler.

Schon in den vergangenen Monaten hat zum Beispiel das Modehaus Fedderken erhebliche Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. „Rund 50 Prozent“, sagt Nicole Fedderken-Pries, die morgen keine Kunden mehr in ihrem rund 700 Quadratmeter großen Haus begrüßen darf. Erstmals in der Geschichte des Traditionsunternehmens, das in diesen Wochen 140-jähriges Bestehen feiert. Schon zwei Weltkriege inklusive langer Kriegsgefangenschaft des früheren Geschäftsinhabers Hermann Fedderken habe das Modehaus überstanden, „und jetzt so was“, sagt Fedderken-Pries seufzend.

Das Jahr der Pandemie kostet den Mode-Einzelhandel aber Substanz, weil einfach zu wenig Umsatz bei fast gleichen Kosten generiert werden kann. „Die fünf Wochen Lockdown im Frühjahr waren schon schlimm, aber jetzt bricht auch noch das Weihachtsgeschäft komplett weg“, so die Chefin, die bis zu den Feiertagen aber jeden Morgen von 10 bis 12 Uhr telefonisch erreichen ist, um Bestellungen von Kunden entgegenzunehmen.

Vor allem die Familienfeste oder gesellschaftliche Feierlichkeiten hätten in diesem Coronajahr einfach gefehlt, sodass Abendkleider, festliche Mode, Anzüge und Kombinationen auf der Stange hängen geblieben seien. Wenn eine Konfirmation anstünde oder der Schützenkönig Besuch vom ganzen Dorf bekomme, würden sich ihre Stammkunden häufig neu einkleiden, „ohne jeden Euro zweimal umzudrehen“. Aber: „Seit März haben wir keine einzige Schützenjacke verkauft.“ Denn Fedderken ist eines der wenigen Häuser, die diese besonderen Artikel der Grünröcke noch führen und natürlich auch die entsprechenden Vereinsembleme und Co. aufnähen.

Haben solche Geschäfte online noch eine Chance? „Technisch wäre das möglich, aber die Anbieter großer Plattformen wollen viel zu viel direkt vom Umsatz. Dazu kommt noch der erhöhte Aufwand für Logistik und Betreuung des Internetshops samt der Rücksendungsbearbeitung“, erklärt die Fachfrau. Außerdem hätten viele Modelabel, die das Haus Fedderken im Sortiment habe, eigene Online-Shops, mit denen sie weder auf der Kostenseite noch beim Ertrag mithalten könnte. „Eine digitale Regalverlängerung kommt aus diesen Gründen für uns nicht in Frage.“

Deswegen will Fedderken-Pries andere Wege gehen und zusätzliche Dienstleistungen anbieten. Beispielsweise wird Kunden eine Auswahl an telefonisch oder per Mail bestellter Kleidung nach Hause zur Anprobe gebracht oder an der Ladentür übergeben.

Denn das Interesse an Mode und Neuheiten sei immer noch ungebremst, weil ein gemütliches Kleidungsstück die Zeit zu Hause eben auch ein Stück weit verschönere. „Das ist für unsere Kunden ein Lichtblick in der trüben Corona-Zeit und hebt ein wenig die Stimmung“, so Fedderken-Pries. Mit liebevoller Verpackung sei das Geschenk an sich selbst oder für die Lieben daheim noch geschmackvoller und mache den Unterschied zur Massenware.

Und es gebe noch einen Grund, dem Online-Handel den Rücken zu kehren: „Wir kennen uns bestens in den Kleiderschränken der Stammkunden aus und wissen, was farblich passt.“ Die Geschäfte vor Ort seien nicht nur zum Kaufen da, sondern seien Orte der Begegnung“, blickt Fedderken-Pries trotz der schweren vor ihr liegendenden Wochen optimistisch auf das kommende Frühjahr und bricht eine Lanze für den lokalen Einzelhandel.

Dazu zählt auch das Zweiradgeschäft Vento am Marktplatz, in dem Chef Ulf Timmann mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hat, denn es fehlt oft an Fahrradnachschub. „Im November habe ich noch nie so viele Fahrräder verkauft“, berichtet Timmann. Denn viele Kunden würden für das nächste Frühjahr planen und wollen sich zumindest über den Bestellzettel mit Liefertermin unterm Weihnachtsbaum freuen. Sonst sei der Winter für Fahrradhändler eine klassische Flautenzeit, aber im Coronajahr sei alles anders. Besonders die enorme Nachfrage nach Fahrrädern mit Elektromotoren sei ungebrochen.

Ebenso wie Fedderken-Pries findet auch Timmann, Vorsitzender des Visselhöveder Gewerbevereins, die ausführliche Beratung in den meistens inhabergeführten Geschäften äußerst wichtig, „weil unsere Mitglieder schon eine starke Änderung des Kaufverhaltens merken“.

Aber von Kaufverhalten ist bis 10. Januar zwischen der Visselhöveder Goethestraße und der Soltauer Straße erst mal bis 10. Januar so gut wie nichts zu spüren, denn wie Nicole Fedderken-Pries dürfen auch viele anderen Läden nicht aufmachen. „Das wichtige Bummeln in der Vorweihnachtszeit mit spontanen Kaufentscheidungen bricht darum ganz weg“, so Timmann, der wenigstens seine Werkstatt öffnen darf.

 lee/jw

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