ZUKUNFT HEIMAT Von der Kunst, die Heimat nicht zu vermissen

Ein Bayer in Visselhövede

Der passende Pullover zum Thema: Manfred „Willi“ Reichert isst und spricht gerne bayrisch, auch wenn er gerne im Norden lebt
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Der passende Pullover zum Thema: Manfred „Willi“ Reichert isst und spricht gerne bayrisch, auch wenn er gerne im Norden lebt

Visselhövede – Man hört es ihm auch nach Jahren immer noch an: Manfred „Willi“ Reichert ist zwar mittlerweile in Visselhövede, genauer gesagt in Schwitschen heimisch, aber seine bayerischen Wurzeln kann er sprachlich kaum verbergen – und will es auch nicht. Aufgewachsen ist Reichert in der Kreisstadt Neuburg an der Donau. „Bis 1964 gehörte sie noch zum Regierungsbezirk Schwaben, später wurde Neuburg Oberbayern zugeordnet.“

Reichert ist 1958 geboren. „Mein Großvater hatte noch die Staatsangehörigkeit ,Bayern’ in seinem Ausweis stehen“, erinnert er sich. Seine Familie stammt aus der Gegend und ist dort auch verwurzelt. Doch er selber hatte schon früh Fernweh.

Und er wollte und will immer wissen, wie andere Menschen leben. 1980 ist er in den Norden gezogen, damals zunächst nach Bremen und anderthalb Jahre später in den Landkreis Rotenburg. „Ich bin damals in eine Land-WG nach Bothel gezogen.“ Reichert berichtet, dass sich die Landschaft hier von der Landschaft, in der er groß geworden ist, gar nicht so sehr unterscheide. Denn das Donaumoos ist eine Niederung, die ursprünglich einmal ein Niedermoor war. „Selbst die Besiedlungsgeschichte ähnelt sich und auch kulturell war die Region eher untypisch für Bayern“, schildert er rückblickend seine Herkunft.

„Willi“ Reichert hat sich durchaus für seine Wurzeln interessiert, „da war ich immer neugierig drauf“, berichtet er. Ohnehin sei man als Anwohner von Neuburg in das Thema Geschichte hineingeboren worden. Die einstige Residenzstadt sei bis heute geprägt von der Barock- und Renaissance-Zeit. Seine Mutter könne den eigenen Stammbaum bis ins Jahr 1740 zurückverfolgen. Dennoch hatte Reichert schon früh Sehnsucht nach einer anderen Welt. „Als kleines Kind habe ich Radiokonzerte gehört, da war dann von Hamburg, der Werft und von Bremen die Rede“, erinnert er sich. In der fünften Klasse hat er dann Seemannslieder wie den „Hamborger Veermaster“ gesungen und dafür eine Eins bekommen – und das Fernweh blieb. Eigentlich wollte er nach dem Zivildienst nach Italien, der Wärme wegen.

Doch dann lernte er jemanden aus Bremen kennen und zog eben kurzerhand in die andere Richtung. „Mein Vater hat das immer unterstützt. ,Junge, mach dein Ding’ hat er immer gesagt.“ Auch das habe ihn geprägt, sagt er rückblickend. Seit gut 20 Jahren lebt er jetzt in Visselhövede und Reichert hat sich dort durchaus einiges aufgebaut. Manche kennen ihn als ehemaligen Turmwächter des Sonnentau-Wasserturms, auch das „ArtOutlet“ in der Lehnsheide hat er geprägt. Doch bleiben will er an der Vissel nicht zwingend: „Das ist für mich hier nicht die Endstation.“,

Was ihn an allen Orten aber immer begleitet hat, ist die Sprache, seine Sprache. Wer mit dem Künstler spricht, hört seine bayerische Herkunft. „Mit manchen Freunden aus Süddeutschland schreibe ich mir auch auf bayerisch“, lacht er. „Ich höre auch gerne Plattdeutsch und versuche mich darin. Denn auch das ist eine Sprache, die aus der Seele kommt“, erklärt er.

Früher hätte ich gesagt, meine Heimat ist dort, wo meine Zahnbürste steht. Durch meine Bekanntschaft mit vielen Flüchtlingen, die ich in Visselhövede kennengelernt habe, weiß ich aber, dass Heimat eben auch etwas anderes bedeuten kann.

„Willi“ Reichert

Sprache sei ein großer Teil von Heimat und eben auch das Essen. „Spätzle kann man überall kochen!“ Dieser Satz kommt voller Überzeugung. „Früher hätte ich gesagt, meine Heimat ist dort, wo meine Zahnbürste steht“, erklärt Reichert und fügt an: „Durch meine Bekanntschaft mit vielen Flüchtlingen, die ich in Visselhövede kennengelernt habe, weiß ich aber, dass Heimat eben auch etwas anderes bedeuten kann“. Für viele sei Heimat auch die eigene Familie, das wiederum empfinde er eben nicht so. „Ich fühle mich auch nicht als Deutscher, welches Deutschland soll ich denn meinen? Das wandelt sich ja auch. Und, Heimat hat nichts mit Grenzen zu tun“, beschreibt er seine Beziehung zur Heimat.

Hier in der Region habe er allerdings viele Freunde gewonnen. „Auch die Art, wie man hier lebt, das gefällt mir gut“, schildert er weiter. Aber ein Fluss vor der Haustür, das fehle eben. In Bremen gibt es diesen Fluss, auch in Hamburg. „Über die Elbbrücken fahren, das ist doch was Schönes“, schwärmt er.

Mit Blick auf das Hier und Jetzt im „ArtOutlet“, dem Leben in der Celler Straße mit gut 50 Künstlern, sagt er: „Das ist auch Heimat“. Dabei könne in den Ateliers jeder sein eigenes Ding machen, manche der Mieter sieht er nie, dennoch versuche er, diesen eben ein Stück Heimat auf dem Gelände zu ermöglichen. „Kunst ist immer eine gute Möglichkeit, mit viel Freiheit zu leben“, formuliert Reichert.

Die Sprache, auch seine bayerische, sei oft wie eine Farbe. „Diese Wörter sind nicht übersetzbar, die sind nicht nur sachlich“, erklärt er. Ein bayerisches „Du Depp“ sei eben etwas anderes als ein hiesiges „Du Hirnie“. „Als ich zum ersten Mal die Band BAP aus Köln gehört habe, dachte ich: Die sind auch so. Die reden wie sie denken. Da ist das Herz dabei“, erinnert er sich.

Dass es auch in der norddeutschen Tiefebene Biergärten und Oktoberfeste gibt, die sich an „Exil-Bayern“ wenden, weiß Reichert natürlich: „Aber das ist nicht meine Welt“. Zwar sei auch er häufig im Internet unterwegs, aber es sei für ihn keine Heimat wie vielleicht für viele andere. „Das ist nämlich eine spannende Entwicklung“, sinniert er. Keine Frage, Manfred „Willi“ Reichert, der Mann ohne Handy, hat vieles zum Thema Heimat zu berichten und manches überrascht auch.

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