Echte Stromsparer leben an der Vissel

Klimaschutz fängt vor der eigenen Haustür an. Das hatten sich rund 50 Visselhöveder Interessierte gedacht, die sich über die laufenden Projekte informiert haben. Fazit: Die Stadt ist bei dem Thema ganz weit vorn.
Visselhövede – Was haben Dubai und Visselhövede gemeinsam? Auf dem ersten Blick nicht viel, aber beim genaueren Hinhören wurde sowohl am Persischen Golf als auch an der Vissel am Donnerstagabend intensiv über das Klima diskutiert, das in Niedersachsen ebenso in Gefahr ist wie an allen anderen Orten auf dem Planeten. Und das interessiert auch in Visselhövede eine ganze Reihe Menschen – rund 50 waren der Einladung der städtischen Klimaschutzmanagerin Vanessa Reckemeyer ins Haus der Bildung gefolgt, um mehr über regionale Projekte zum Schutz des Klimas zu erfahren.
„Und davon gibt es in unserer kleinen Stadt bereits eine ganze Menge“, so Reckemeyer mit Blick auf die vielen Investitionen in Photovoltaik-Anlagen auf dem Hallenbad und der Kläranlage und die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf neueste LED-Technik. All das und natürlich auch der Energie-Check der städtischen Gebäude und noch viel mehr gehört in das Klimaschutzkonzept, dass Reckemeyer bis Ende 2024 fertiggestellt haben muss. Das gilt dann als Leitplanke bei allen Entscheidungen der Stadt, die in irgendeiner Form mit Energie zu tun haben.
Aber aktuell ist Visselhövede schon ganz weit vorne, was die Energiebilanz angeht, wie Anja Neuwöhner vom Büro Energie-Klima-Plan aus Osnabrück, das das Konzept fachlich begleitet, den staunenden Zuhörern präsentierte. „Denn der Wärmebedarf der Stadt wird schon zu 34,28 Prozent durch erneuerbare Energien, vorwiegend durch Biogas, gedeckt, im Bundesdurchschnitt sind es gerade mal 15 Prozent“, so Neuwöhner, die als Datengrundlage das Jahr 2019 genommen hat, weil die Folgejahre durch Corona und die Energiekrise infolge des Ukraine-Krieges keine geeigneten Referenzjahre sein konnten.
Aber es kommt noch besser: Der Stromverbrauch je Einwohner liegt bei nur 61 Prozent des Bundesdurchschnitts und auch der Wärmeverbrauch pro Einwohner ist mit 97 Prozent leicht niedriger. „Das zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind, aber es geht noch mehr“, so Bürgermeister André Lüdemann. „Wir sind ja erst ganz am Anfang unserer weiteren Überlegungen.“

Den richtigen Weg einzuschlagen, fordert auch die Gruppe „Vissel for Future“, deren Engagement in vielen Bereichen von Harald Gabriel vorgestellt wurde. „Wir müssen weiter global denken und lokal handeln und unseren Lebensstil drastisch überdenken, denn wir haben unser Klimakonto schon reichlich überzogen und dürfen nachfolgenden Generation nicht so ein schweres Erbe überlassen.“ Ebenso sei ein uneingeschränktes Wirtschaftswachstum nicht mehr möglich, weil die Ressourcen auf der Erde nun mal begrenzt seien. „Also muss ein Umdenken her – jetzt“, forderte Gabriel.
Ich bin total positiv überrascht, dass sich so viele Menschen aus unserer Stadt für das Klima einsetzen wollen.
Damit das vielen seiner Mitbürger ein wenig leichter von der Hand geht, gründet sich in Visselhövede in den nächsten Wochen eine Bürgerenergiegenossenschaft, an der sich Einwohner finanziell beteiligen, aber auch durch Mitarbeit einbringen können. Vielleicht auch bei der Agri-Photovoltaikanlage, die die Familie Wilkens auf 16 Hektar ihrer Ackerfläche in Riepholm plant. „Und dabei haben wir gleich einige Vorteile beieinander“, wie Lukian Wilkens berichtete. „Die doppelte Nutzung wertvoller Ackerflächen, einen Beitrag zur regionalen Energiewende, der Erhalt der Landwirtschaft und die Reduzierung des Flächenverbrauchs.“
Olaf Wilkens erläuterte die Technik der Anlage, die die Familie in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Doppelernte aus Bayern realisiert. „90 Prozent der Ackerfläche blieben erhalten. Wir schaffen 20 Prozent mehr Stromertrag, weil die Solarmodule dem Sonnenlauf nachfolgen und damit immer einen optimalen Winkel für die Stromausbeute haben. Außerdem wird die Biodiversität erhöht und die Bodenerosion wird verringert.“ Geplant ist der erste Bauabschnitt im kommenden Jahr und Olaf Wilkens rechnet mit einem Stromertrag von acht Megawatt pro Jahr. Damit könne man 3 000 bis 4 000 Haushalte versorgen.
Aber nicht nur Investoren sollen zum Schutz des Klimas in Visselhövede aktiv werden, sondern jeder Bürger kann Ideen einbringen. Dafür hat Vanessa Reckemeyer auf der Homepage der Stadt eine Karte freigeschaltet. „Wir sammeln bis Ende Januar Anregungen und checken sie auf Realisierbarkeit.“ Jede Idee könne wichtig sein.



