Storms „Schimmelreiter“ im Visselhöveder Theater Metronom

Zwischen Wissenschaft und Fake-News

Moritz von Zeddelmann steht auf der Bühne und hat einen Stuhl in den Händen
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Moritz von Zeddelmann versteht es, die verschiedenen Facetten des Deichgrafen Hauke Haien darzustellen.

Hütthof – Hauke Haien alias Moritz von Zeddelmann steht auf den Brettern, die die Welt bedeuten. An diesem Wochenende im Theater Metronom in Hütthof sind die schräg gestapelten Holzpaletten vor allem eins: der Deich, an dem sich der „Schimmelreiter“ mit Wissenschaft, Aberglauben, übler Nachrede und letztlich dem Tod konfrontiert sieht.

Der Schimmelreiter nach Theodor Storm: „Entweder man kennt das Stück nicht oder man hasst es, weil man es in der Schule hatte“, grinst der Akteur des „Beinahe“-Einmannstückes. Bei ihm ist es anders: Als junger Schauspielstudent fand er die Gratis-Vorstellung im Hamburger Thalia-Theater großartig, entsprechend groß seine Begeisterung, als „Metronom“-Inhaberin Karin Schroeder ihm das Kammerspiel von Franziska Steiof vorschlug. Schnell folgte die Ernüchterung: „Als sie mir den Plan unterbreitete, das Ringen des verkannten Genies und Sozial-Autisten charmant anzulegen, dachte ich, das funktioniert bei der dramatischen Rolle nie und nimmer!“

Kluges, reduziertes Bühnenbild

Am Ende bekommen beide ihren Willen: Vielschichtig deckt von Zeddelmann die unterschiedlichen Facetten des „Schimmelreiters“ auf, mal erschütternd aggressiv, wenn er eine Katze erwürgt, mal zärtlich, wenn es um seine kleine behinderte Tochter geht, und immer zielstrebig bei der Umsetzung eines neuen Deiches, der dem Hochwasser trotzen soll. Als wäre das nicht Herausforderung genug, schlüpft der 32-Jährige auch in zahlreiche andere Rollen. Und da darf er seine komödiantische Ader so richtig ausleben: als Lästerweib, als betrunkener Kneipengast oder als lispelnder, einfach gestrickter Widersacher Ole Peters – da stimmen Gestik, Dialekte und Timing.

Gesteigert wird die Wirkung durch das kluge, reduzierte Bühnenbild von Anja Imig, deren Himmel sich fast unmerklich mit dem Schicksal zuzieht sowie der musikalisch stimmigen Untermalung von Zsuzsa von Zeddelmann.

Schroeders Konzept eines „leichten“ Schimmelreiters hat Kalkül: „Wir wollten eine Fassung schaffen, die verständlich ist, das Publikum mitnimmt und auch Jugendlichen Lust auf Auseinandersetzung mit dem Stoff macht und, sollte es mit der Förderung klappen, später auch als Theaterfilm Schulen angeboten werden kann“, erzählt Schroeder, die neben Soundeffekten mit der Rolle des Schulmeisters auch einen Teil des Narrativs übernimmt. Der 13-jährige „Testseher“, der der Inszenierung an diesem Abend als so ziemlich einziger außer den anwesenden Technikern beiwohnen darf, ist jedenfalls angetan.

Stream ist die einzig machbare Alternative

Die Premiere, die eigentlich am vergangenen Wochenende den Auftakt zu sechs weiteren ebenfalls ausverkauften Vorstellungen angesetzt war, ist der Pandemie zum Opfer gefallen. Der Stream, der an drei Tagen aufgezeichnet wird, ist laut von Zeddelmann die einzig machbare Alternative, „wenn auch eine denkbar schlechte, er kann die Atmosphäre nicht transportieren“. Organisatorin Elke Lindner möchte das Video, das in einer Woche gegen Gebühr abrufbar sein soll, daher auch eher als „Arbeitsprobe“ verstanden wissen: „Wir wollen unser Publikum an dem teilhaben lassen, was wir in der Zwischenzeit gemacht haben.“

Ohne Publikum ins Leere zu spielen, das ist für Schroeder „einfach traurig“ und erfordert eine besondere Motivation. Von Zeddelmann gibt zu: „Zwischendurch wollte ich den Dreh platzen lassen – nach einer so langen Probenzeit seit Februar ist man übersatt.“ Jetzt ist er wie Schroeder froh, mit den Aufnahmen eine Art Abschluss gefunden zu haben, bevor das Stück im Sommer Open Air adaptiert auf den Spielplan kommt. Dem TV-Darsteller fällt es weniger schwer, nur für die drei aufgebauten Kameras zu spielen: „Die Nervosität ist immer da, egal, ob ich nur für den Kameramann spiele, für ein Publikum oder für sechs Millionen Fernsehzuschauer.“

Nach den eineinhalb Stunden auf der Bühne ist die Arbeit für den Wahl-Hütthofer beileibe nicht getan, nimmt er den Schnitt in den kommenden Tagen doch selbst vor. Sparen ist in diesen Zeiten Trumpf. Der von einem Profiteam produzierte „Dritte Engel“ hat trotz guter Streaming-Ergebnisse kaum die Ausgaben eingespielt.

Storm habe ich wirklich zu schätzen gelernt.

Metronom-Inhaberin Karin Schroeder

Am Ende sind Schroeder und von Zeddelmann zufrieden: „Storm habe ich wirklich zu schätzen gelernt“, meint Schroeder, „da steckt so viel drin“. Recht hat sie – die aktuellen Bezüge liegen auf der Hand. Jenseits der Lesart „Der Mensch als Bezwinger der Natur“, nicht erst seit Fridays for Future ein brennendes Thema, sieht von Zeddelmann den zentralen Aspekt in der üblen Nachrede, die letztlich zum Tod des Deichgrafen und seiner Familie führt.

Und noch andere Parallelen drängen sich auf: Die üble Nachrede, die neidische Dorfbewohner betreiben, wären heute wohl kein Tresentratsch, sondern ein Shitstorm. Egal, auf welche Weise man „mit Scheiße wirft, irgendwas bleibt immer kleben“ (O-Ton Storm). Recht hat Hauke Haien. Und gerade die Verbreitung von Fake-News und das mangelnde Hinterfragen von Quellen, von Storm geschickt durch mehrere Erzählebenen eingeführt, hinterlassen das nagende Gefühl, der „Schimmelreiter“ könnte doch näher am aktuellen Geschehen mit Pandemieleugnern und selbst ernannten Experten sein, als 140 Jahre zeitlicher Abstand es vermuten lassen.

Im Videostream

Das Theaterstück wird zunächst nicht vor Publikum aufgeführt, soll aber als Stream verfügbar sein. Infos unter www.theater-metronom.de

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