Theater Metronom probt Storms „Schimmelreiter“ als Ein-Personen-Stück

Den ganzen Tag am Deich

Karin Schroeder läutet nicht nur den Theaterfrühling ein, sondern gibt beim „Schimmelreiter“ auch an der „Soundwall“ den Ton an.
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Karin Schroeder läutet nicht nur den Theaterfrühling ein, sondern gibt beim „Schimmelreiter“ auch an der „Soundwall“ den Ton an.

Hütthof – Karin Schroeder und Moritz von Zeddelmann leben seit Anfang Februar an der Nordsee, sind den ganzen Tag am Deich, beschäftigten sich mit Deichbau, mit den Naturgewalten und Dorftratsch. Dass die Wolken, die sich mitunter bedrohlich am Himmel zusammenbrauen, Teil eines projizierten Aquarells sind, und der Deich, von dem der Schauspieler gerade in Gummistiefeln herunterrutscht, aus Paletten besteht und auf der Bühne im heimischen Hütthof steht, tut der Stimmung keinen Abbruch. Seit fünf Wochen proben die Alleininhaberin des Theater Metronom – Mitstreiter Andreas Goehrt sei seit Anfang des Jahres aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden – und der gefragte TV-Darsteller den „Schimmelreiter“.

Diesmal nicht als Kollegen, denn Schroeder ist bei dem Einmannstück in die Rolle der Regisseurin geschlüpft. „Zuerst mussten wir Modus finden, das war aber kein Problem, wir sprechen die gleiche Sprache“, freut sich Schroeder. „Geschlüpft“, wie von Zeddelmann den Wechsel zwischen unterschiedlichen Charakteren scherzhaft nennt, wird in den kommenden Wochen reichlich. Kein Wunder, ist die Bühnenadaption des Klassikers von Theodor Storm von Franziska Steioff doch ursprünglich für vier Personen angelegt – mit den Mitteln des unabhängigen Theaters in Pandemiezeiten werden daraus „eineinviertel“, meint Schroeder, die auch selbst eine „klitzekleine“ Rolle übernimmt.

Sie ist von dem Klassiker fasziniert, von der blumigen Sprache Storms, für sie eine „Steilvorlage fürs Kopfkino des Zuschauers“. Von Zeddelmann hat sein Vokabular um Begriffe wie Sielen, Werfte, Fennen und Haff erweitert; die gigantischen Satzverschachtelungen des Dichters regen die Gehirnwindungen an; am Set habe er jedenfalls keine Probleme mehr, sich die paar Seiten Texte des Drehtags zu merken: „Was ist das schon gegen 44 Seiten Schimmelreiter-Dialoge?“, schmunzelt er. Zeitlich seien die Theaterproben und Fernsehdrehs auch dank der Flexibilität von „Nachbarin“ Schroeder gut unter einen Hut zu bringen, inhaltlich profitiere das jeweils andere Genre sogar: „Das beflügelt sich gegenseitig.“

Ihm hat es vor allem die Reichhaltigkeit der Emotionen des Stücks angetan: „Hinter den vordergründig emotionslosen, harten Menschen steckt so viel: Die Liebe von Hauke Haien zu seiner Frau, zu seinem behinderten Kind…“ Dies alles heraus zu kristallisieren, sieht Schroeder als ihre Aufgabe an. Bei der bewegenden Biografie des „Deichgrafen“, der mit neuer Deichtechnik die Fluten stoppen will, sieht sie im Kern zwei Themen, die auch heute aktuell sind wie eh und je: Der Kampf gegen die Naturgewalten, eine Parabel für den Klimaschutz. Und auch die Verschwörungstheorien, die sich im Dorftratsch manifestieren, entbehren nicht des aktuellen Bezugs.

Bei der Umsetzung kann Schroeder auf ein neues Team bauen: Kostüme und das minimalistische Bühnenbild stammen von Anja Imig vom Jahrmarkttheater. Ebenfalls neu dabei ist Elke Lindner – die kulturaffine Betriebswirtin kümmert sich unter anderem um die Förderung, die für die Produktion noch nicht ganz in trockenen Tüchern ist, „auch wenn wir von der Politik nicht im Stich gelassen werden“, wie Schroeder es formuliert. Für die musikalische Umsetzung zeichnet wie schon beim „Teufel mit den drei Goldenen Haaren“ von Zeddelmanns bessere Hälfte Zsuzsa verantwortlich, die die Inszenierung mit sphärischem, dreistimmigem A-Capella-Gesang bereichert.

Geplant sind ab dem 16. April sechs Vorführungen, für die ab sofort über das Kartentelefon Tickets bestellbar sind, zugelassen sind nach gegenwärtigem Stand 30 Zuschauer pro Abend. Doch auch für eine erneute Rückwärtsrolle wegen steigender Inzidenzwerte wappnen sich die Metronomler: Geplant sind Filmaufnahmen, sodass der „Schimmelreiter“ im Falle einer erneuten Schließung wie schon der „Dritte Engel“ als Stream angeboten werden kann.

Doch nicht nur das: Schroeders Vision ist eine Aufbereitung des Klassikers für Schulen in einem ganz neuen Format. „Man könnte virtuelle Räume schaffen, die die Schüler nach Lust und Laune durchqueren: Hier ein Schauspieler-Interview, dort ein Gespräch mit der Regisseurin.“

Schauspieler Moritz von Zeddelmann schlüpft in die Rolle des Deichgrafen Hauke Haien.

Es gibt viel zu planen, auch in diesen Zeiten – und dann sind da ja auch noch der Theaterfrühling mit „Soufflé“ und der Indoorpremiere des „Teufels mit den drei goldenen Haaren“, der Theatersommer im August, „Kinder machen Theater“ und ein Theaterworkshop auf dem Piratenplatz. Das Einzige, was in der Aufzählung fehlt, sind die sonst üblichen Gastspiele: „Die sind in der gegenwärtigen Situation zu unsicher“, so Schroeder.

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