Bio-Pilotprojekt auf Riepholmer Weide / Kreuzungen für mehr Muskelmasse

Besseres Leben für Milchkuh-Brüder

Bio-Schlachter André Schröder (v.l.), Milchvieh-Berater Daniel Bischoff und Biobauer Olaf Wilkens auf der Riepholmer Weide.
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Bio-Schlachter André Schröder (v.l.), Milchvieh-Berater Daniel Bischoff und Biobauer Olaf Wilkens auf der Riepholmer Weide.

Riepholm – Da staunt selbst Hofhund Brösel: 19 männliche Rinder, dazu noch aus neun verschiedenen Rassen, das hat es bisher noch nicht gegeben auf der Weide des Bioland-Hofs von Olaf Wilkens in Riepholm. „Es ist auch das erste Mal, dass wir die Brüder der Milchkühe in dieser Form groß werden lassen“, erklärt Daniel Bischoff, Milchviehberater vom Bioland-Landesverband aus Visselhövede.

Denn die kleinen Bullen sind aus wirtschaftlicher Sicht wenig rentabel. Denn die Milchkuh-Rassen wie die Holstein-Friesian-Kühe werden auch auf den Biohöfen auf Milchleistung gezüchtet. Der Preis dafür ist jedoch ein Körperbau mit wenig verwertbarer Muskelmasse. Und da Biokälber laut EU-Ökoverordnung die ersten zwölf Wochen ihres Lebens Vollmilch erhalten müssen, ist den männlichen Tieren aufgrund der hohen Milchpreise bislang meist schon nach drei Wochen der vorzeitige Verkauf an konventionelle Mastbetriebe vorbestimmt, die diese Auflage nicht erfüllen müssen.

„Das war aber für die Bio-Bauern nicht vereinbar mit den Grundsätzen der ökologischen Landwirtschaft. In den konventionellen Mastbetrieben stehen die Tiere in der Regel auf Spaltböden, haben weniger Platz im Stall und keinen Weidegang“, erklärt Bischoff.

Er hat darum gemeinsam mit Milchviehhaltern wie Olaf Wilkens und Gerhard Cordes aus Kirchlinteln sowie dem Bio-Schlachter André Schröder aus Schwarzenbek bei Hamburg ein Forschungsprojekt gestartet, das den Jungbullen etwa acht Monate lang eine artgerechte Haltung mit viel Auslauf und saftiges Kleegras garantiert, bevor Schröder aktiv wird.

„Wir wollen erfahren, welche Rasse wie viel zunimmt, obwohl natürlich klar ist, dass die Gewichtszunahme geringer sein wird als in einem Stall“, weiß Wilkens schon jetzt. Darum ist die Spannung groß, wenn die Kälber kurz vor Weihnachten am Schlachterhaken hängen. Denn auch ein Bio-Bauer muss wirtschaftlich über die Runden kommen.

Daniel Bischoff führt genau Buch über die bei der Anlieferung zwischen 85 und 140 Kilogramm wiegenden Kälber. „Von der Geburt bis zur Anlieferung hatte die Tiere je nach Rasse zwischen 361 und 1020 Gramm pro Tag zugenommen. Mal gucken, was sie zum Schlachttermin auf die Waage bringen.“

Für den vom Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium geförderten Versuch kreuzen die Milchviehhalter einen Teil ihrer Kühe mit muskelbepackteren Rassen wie Limousin oder Blau-Weißen Belgiern. „Die Kälber aus diesen Verbindungen haben deutlich mehr auf den Rippen als reines Milchvieh und sind damit als Schlachtvieh attraktiver. Die Ackerbauern stellen Weideflächen zur Verfügung – etwa jene, auf denen das in der ökologischen Fruchtfolge extrem wichtige aber wirtschaftlich unrentable Kleegras wächst“, so Berater Bischoff.

Demnach stellen seit einigen Jahren vermehr Ackerbaubetriebe, die kein oder wenig Vieh in den Ställen oder auf den Weiden haben, auf ökologischen Landbau um. „Ausreichend Bioland-Fläche ist in Niedersachsen also vorhanden. Extensiv geführtes Grünland auf sandigen oder moorigen Flächen bietet sich für die Kälbermast ebenfalls an, auch wenn die Tiere auf diesen Standorten vermutlich eine Extraportion Kraftfutter brauchen, um auf ein akzeptables Gewicht zu kommen“, heißt vonseiten des Landesverbands. Mit ihrem Dung würden die Kälber obendrein die Bodenfruchtbarkeit verbessern. „Eine Win/Win-Situation für alle Beteiligten.“

Schlachter André Schröder hat sich verpflichtet, die 19 Versuchskälber des ersten Jahres abzunehmen – und am Ende zu ermitteln, welche Kreuzungen auf welchen Standorten das meiste Fleisch ansetzen. „Jedes Tier wird einzeln kalkuliert, weil wir belastbare Zahlen brauchen“, sagt er. Sehr viel Bürokram, den „ich aber aus Idealismus erledige“, so der Schwarzenbeker, der das Fleisch nicht nur in Bio-Läden, sondern auch in den Bio-Abteilungen großer Handelsketten wie Edeka oder Rewe vermarktet. Auch Großkantinen gehören zu seinen Kunden, die immer mehr werden, weil „das Thema Ernährung aktuell viel diskutiert wird“.

Im Mai haben sowohl Ackerbauer Cordes in Kirchlinteln als auch Olaf Wilkens je zehn Kälber auf ihre Weiden bekommen. „Wir haben sie nach einigen Wochen als Herde zusammengeführt, weil das Nahrungsangebot hier in Riepholm ein wenig besser ist“, erklärt Wilkens.

Ursprünglich waren es übrigens 20 Kälber, die die Hauptdarsteller des Pilotprojekts waren. Jetzt sind es nur noch 19, „weil wir auf der Weide ungebetenen Besuch hatten. Das kleinste Kalb wurde von einem Wolf gerissen“, erläutert Bischoff und verweist auf das zwischen Hiddingen und Riepholm in der Gilkenheide nachgewiesene Rudel der Raubtiere.

Aber nachdem Hofhund Brösel nun auch seine Nachbarn näher kennengelernt hat, wird er sie sicherlich vor den Wölfen schützen.  jw

Männliche Kälber verschiedener Rassen sollen in den kommenden Monaten möglichst viel Fleisch ansetzen.

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