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Visselhöveder Flüchtlingshelfer kritisieren Behörden

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Von: Jens Wieters

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Jenny (l.) und Freddy Koch mit der 19-jährigen Ukrainerin Anna Demchuck vor ihrem Haus an der Gartenstraße. Cousine Sofia macht derzeit Onlineunterricht.
Jenny (l.) und Freddy Koch mit der 19-jährigen Ukrainerin Anna Demchuck vor ihrem Haus an der Gartenstraße. Cousine Sofia macht derzeit Onlineunterricht. © Wieters

Familie Koch aus Visselhövede hat zwei junge Ukrainerinnen aufgenommen und beschwert sich über die mangelnde Unterstützung durch die Behörden. Sowohl Kommune als auch Landkreis weisen die Kritik zurück.

Visselhövede – „Wir betreuen die beiden jungen Frauen immer noch sehr gerne, aber es wäre schön, wenn uns die Behörden und Ämter ein Stück weit mehr unter die Arme greifen würden und wir nicht so viel Zeit für die unendlichen Behördengänge und Telefonate verlieren würden“, klagen Jenny und Freddy Koch aus Visselhövede.

Das Ehepaar hat privat am 6. März zwei Ukrainerinnen über eine Hilfsorganisation aus dem Heidekreis bei sich daheim an der Gartenstraße aufgenommen. „Das haben wir vorher mit unseren Kindern abgesprochen, die spontan bereit waren, das Gästezimmer zur Verfügung zu stellen“, sagt Jenny Koch. Seitdem fühlen sich die beiden Cousinen Anna (19, Studentin) und Sofia Demchuk (15) wohl im Hause Koch.

Während die 19-Jährige sich bemüht, ihr Studium fortzuführen, versucht Teenager Sofia online am Schulunterricht in ihrer Heimat teilzunehmen. „Beide mussten ihre Eltern in der Ukraine zurücklassen, weil sie im Staatsdienst tätig sind und das Land nicht verlassen dürfen. Aber jeden Tag wird telefoniert“, berichtet Freddy Koch. Der Alltag mit den beiden Mädchen laufe prima, die Verständigung klappe mit Schulenglisch und den Handyübersetzern auch recht gut und „sie sind einfach froh, in Sicherheit zu sein“, betont Jenny Koch.

Allerdings haben die Kochs es sich etwas einfacher vorgestellt, die Formalitäten für die jungen Frauen zu erledigen. „Wir werden von den verschiedenen Ämtern von A nach B geschickt. Aber dann ist der zuständige Sachbearbeiter krank, dann hat der andere Urlaub. So vergehen viele Tage und sogar Wochen, ohne Klarheit zu haben“, kritisiert Jenny Koch. Das sei bei Sofia Demchuk kompliziert, weil sie minderjährig ist. „Wer hat eigentlich aktuell die Vormundschaft? Wer hat ihr etwas zu sagen oder darf ihr sogar etwas verbieten? Antworten darauf habe ich bisher nicht bekommen.“

Viel Zeit habe auch die Eröffnung eines Kontos in Anspruch genommen. Freddy Koch: „Wir sind davon ausgegangen, dass die beiden Mädchen ein Konto bräuchten, um die Sozialleistungen zu bekommen. Das wurde uns vom Landkreis zunächst auch bestätigt.“ Nachdem das Paar von der Sparkasse erfahren habe, dass dafür Gebühren fällig seien, die Mädchen aber mit null Geld und nur ein paar Tüten voller Kleidung in Visselhövede angekommen seien, „haben wir uns tagelang nach einer anderen Bank umgeguckt“. Schließlich habe es bei der Commerzbank kostenfrei geklappt. Anschließend wurde aber die erste Aussage vom Landkreis dementiert und uns mitgeteilt, dass die Finanzhilfen bar ausgezahlt würden. „Also viel Arbeit für nichts. Das sind nur zwei Beispiele von vielen.“ Wieder sei viel Energie und noch mehr Zeit verpufft, die die Familie besser direkt für die beiden Flüchtlinge genutzt hätte. „Anscheinend haben die Behörden aus 2015 nichts gelernt“, ärgert sich Koch.

Es sei doch kein Hexenwerk, dass in den Gemeinden oder auch beim Landkreis jemand sitze, der den privaten Flüchtlingshelfern kurz und knapp sage, wo sie was und wen fänden. „Auch wo es zum Beispiel Rabatte auf Kleidung gibt wie bei Takko in Walsrode“, klagt Jenny Koch, die jetzt händeringend eine 1,5 Zimmer-Wohnung für die Cousinen sucht, denn „auf Dauer können sie nicht in einem Bett schlafen.“ Wer helfen kann, darf sich bei Jenny Koch unter der Telefonnummer 0174 / 3966009 melden.

Im Visselhöveder Rathaus kann man die Kritik nur teilweise nachvollziehen. „Aktuell ist das gesamte Bürgerbüro trotz Corona-Ausfällen nur damit beschäftigt, sich um die Flüchtlingsangelegenheiten zu kümmern. „Da kann natürlich nicht alles auf Anhieb zügig abgewickelt werden. Manches dauert seine Zeit“, betont Ordnungsamtsleiter Mathias Haase und nennt ein Beispiel: „Für die Registrierung einer vierköpfigen Familie geht schon mal schnell eine gute Stunde ins Land, weil nicht nur die Daten erfasst werden müssen, sondern den Menschen auch mitgeteilt werden muss, an wen sie sich wenden können und müssen. Oft ist eine Übersetzerin nötig“, so Haase, der auf aktuell 57 aus der Ukraine geflüchtete Menschen verweist, die ihm für den Raum Visselhövede gemeldet worden seien. „23 aus Kontingent für uns als Kommune und 34, die privat untergekommen sind.“

Für die aus dem Aufnahmelager zugewiesenen und dort registrierten Flüchtlinge habe Visselhövede aktuell genügend Wohnraum. „Da bin ich sehr dankbar, dass sich die Visselhöveder so sehr kümmern.“ Schwierig werde es jedoch, wenn die privaten Helfer jetzt auch bei der Stadt anklopfen würden und Wohnraum fordern, weil es auf Dauer ein wenig eng bei ihnen Haus werde. „Aber wenn ich privat Menschen aus der Ukraine aufnehme, dann muss ich wissen, dass sie nicht nur drei Wochen bleiben.“

Funktioniere das Zusammenleben nicht, sei er bei dieser Gruppe der Geflüchteten eigentlich gezwungen, sie in „ein Aufnahmelager zurückzuschicken, von wo sie dann auf Gemeinden in ganz Deutschland verteilt werden. Aber das wollen wir natürlich verhindern, wenn schon Kontakte geknüpft worden sind“, so Hasse, der die Privathelfer darum um Geduld bittet.

Die Landkreisverwaltung weist die Kritik der Familie Koch zurück. „Alle Informationen zur Hilfe für Ukraine-Flüchtlinge sind auf der Landkreis-Startseite zu sehen“, betont Sprecherin Christine Huchzermeier.

Zwar liege es nicht in der Zuständigkeit des Landkreises, aber Basiskonten für ukrainische Flüchtlinge können grundsätzlich bei den Kreditinstituten wie Volksbank oder Sparkasse eröffnet werden. „Dies mag vielleicht erst nach erfolgter Registrierung möglich sein, ist den Geflüchteten aber grundsätzlich nicht verwehrt. Die Sozialleistungen werden nach den Vorgaben des Asylbewerberleistungsgesetzes in bar ausgezahlt. Damit ist die Sicherstellung des Lebensunterhalts – unabhängig von einem Konto – garantiert“, so Huchzermeier.

Alle Informationen zur Flüchtlingshilfe

Alle wesentlichen Informationen zur Hilfe für Ukraine-Flüchtlinge sind seit zwei Wochen auf der Startseite des Landkreises verlinkt und abrufbar. Auf der Homepage seien zudem Informationen zu den Sozialleistungen und insbesondere die Krankenhilfe leicht zu finden, so Landkreis-Sprecherin Christine Huchzermeier. Über die Mailadresse ukraine@lk-row.de könnten auch alle Fragen zur Flüchtlingshilfe gestellt werden. Die würden zeitnah und kompetent beantwortet. Daneben böten insbesondere die Kommunen, aber auch die einschlägigen Vereine und Institutionen weitere Informationen. Für alle anderen Interessierten an freiwilliger Flüchtlingshilfe führt der Landkreis derzeit innerhalb einer Woche sieben Informationsworkshops in verschiedenen Kommunen durch. In Visselhövede findet ein Workshop am Donnerstag, 31. März, ab 14 Uhr im Haus der Bildung statt.

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