Ausstellung in der Hohe-Heide-Galerie / Euthanasie der Nazis knapp entronnen

Erich Paulickes Geschichte

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Erich Paulicke im Jahr 1990.

Visselhövede - Über das Leben und Wirken des Künstlers Erich Paulicke informiert ab Samstag die neue Ausstellung „über leben“ der Rotenburger Werke in den Räumen der Visselhöveder Hohe-Heide-Galerie auf dem Sonnentau-Campus.

Erich Paulicke war laut Mitteilung der Werke einer der letzten Überlebenden der rund 800 während der NS-Diktatur deportierten Bewohner der damaligen „Rotenburger Anstalten“. 547 Frauen und Männer aus der Einrichtung wurden demnach in sogenannten Tötungsanstalten wie zum Beispiel Kaufbeuren/Irsee ermordet. Dorthin sei auch Erich Paulicke im November 1943 gelangt.

„Im Kloster Irsee verhungerten Menschen mit Behinderung langsam und systematisch. 1945 wiegt Paulicke als 18-Jähriger nur noch 36,5 Kilo. Eventuell war er zu Forschungszwecken mit Knochen-Tuberkulose infiziert worden“, vermutet Rüdiger Wollschläger, Sprecher der Rotenburger Werke, der gemeinsam mit seiner Frau Doris das künstlerische Werk Erich Paulickes begleitet hat.

Im März 1945 sei Erich Paulicke seinen Angehörigen gegenüber für tot erklärt worden. Nach der Versendung solcher Telegramme sei das Leben der Patienten so gut wie ausgelöscht gewesen. Auf die Frage, wie Erich Paulicke überleben konnte, hat Wollschläger auch nach Jahrzehnten keine Antwort gefunden. Noch im Jahr 1945 sei Paulicke zurück in die Rotenburger Anstalten gekommen. Dort hätte die schweren Nachkriegsjahre angestanden – von den Gräueln der NS-Zeit, vom Mord an 200000 Menschen mit Behinderung, schönfärberisch Euthanasie genannt, habe nun niemand mehr etwas wissen wollen.

Fast 50 Jahre seien vergangen, bis Erich Paulicke Gehör fand. Die künstlerische Arbeit in der Bildnerischen Werkstatt der Rotenburger Werke habe ihm den Anlass gegeben, zu erzählen, aber auch die Erlebnisse in Bildern auszudrücken. „Er malte wuchtige Bilder und stellte bedeutungsschwere plastische Arbeiten her: Reliefs, die wie Massengräber wirken, Statuen und Bilder des Teufels. Den habe er in Irsee kennen gelernt, sagte er“, so Wollschläger, der während der Ausstellung einen Film zeigt über das Leben des Künstlers, gespickt mit Interviews (video.rotenburgerwerke.de).

Seit 1990 stoße Paulickes künstlerisches Werk – verbunden mit seiner Biographie in der Wander-Ausstellung „über leben“ – bundesweit auf Interesse. „Erich Paulicke starb 2007 mit 81 Jahren in den Rotenburger Werken“, so Wollschläger.

Die Eröffnung ist am Samstag um 15 Uhr. Einführende Worte sprechen neben Wollschläger auch Vertreter der Stadt Visselhövede. Für den musikalischen Rahmen sorgt Stephan Orth. Die Öffnungszeiten der Ausstellung: Samstag und Sonntag jeweils von 15 bis 18 Uhr. Sondertermine und Gruppenführungen sind unter der Telefonnummer 04262/919646 zu vereinbaren.

jw

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