Vor dem Landgericht Verden

Prozess um Blutrache-Mord von Visselhövede beginnt: Anklage spricht von Hinrichtung

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Akribisch wurden nach der Tat am 9. Januar vor der Grundschule in Visselhövede die Spuren gesichert. Die tödlichen Schüsse auf einen 46-jährigen Albaner in Visselhövede waren aus Sicht der Staatsanwaltschaft ein systematisch geplanter Racheakt.

Rotenburg - Von Wiebke Bruns. Es war aus Sicht der Staatsanwaltschaft Verden eine öffentliche Hinrichtung, die sich am Morgen des 9. Januar mitten in Visselhövede ereignet hat.

Ein 46 Jahre alter Albaner wurde erschossen. Blutrache gilt als Motiv, und es soll mehr Beteiligte als die beiden 23 und 24 Jahre alten Angeklagten geben. Diese müssen sich derzeit wegen Mordes vor dem Landgericht Verden verantworten. Nach einem holprigen Prozessauftakt vor zwei Wochen wurde der Prozess am Donnerstag mit Verlesen der Anklageschrift fortgesetzt.

„Auge um Auge, Blut um Blut“, nach diesem Grundsatz des in ihrer nordalbanischen Heimat verbreiteten Gewohnheitsrechtes Kanun sollen die Angeklagten gehandelt haben. Die jahrhundertealte Tradition sieht Blutrache vor, um die Familienehre wiederherzustellen. Motiv für ihre Rache soll ein Mord im Jahr 2011 in Albanien gewesen sein – verübt von dem Anfang dieses Jahres in Visselhövede hingerichteten Mann an einem Cousin der beiden Angeklagten in dem Verdener Prozess.

Opfer wusste um die Gefahr

Das Opfer wusste offenbar um die Gefahr. Trotz der Strafe habe die Familie der Angeklagten damals Blutrache geschworen und drei Leben aus dem Familienkreis des Täters zur Wiederherstellung der Familienehre gefordert, so die Staatsanwältin. Die Familie des damals verurteilten Mörders sei nach Schweden und Deutschland geflohen. 

Hinter Aktenmappen versteckten sich die beiden Angeklagten vor dem Verhandlungstag

Als jener im Dezember wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen wurde, floh auch er nach Deutschland und landete in Visselhövede. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Familie des in Albanien getöteten Mannes spätestens im Oktober 2016 von Visselhövede als neuen Aufenthaltsort wusste. „Von nun an wurde die Ermordung systematisch vorbereitet“, sagte Erste Staatsanwältin Annette Marquardt.

Früh am Morgen des 9. Januar sollen sich die Angeklagten mit zwei weiteren Männern in Visselhövede getroffen haben. „Alle hatten miteinander vereinbart, nach den Regeln des Kanuns Blutrache zu verüben und den 46-Jährigen zu töten“, so der Vorwurf. Mindestens einer der Männer habe das Opfer an jenem Morgen observiert.

Opfer konnte sich nicht wehren

Um 11.11 Uhr soll der 46-Jährige das Haus verlassen haben. Die Angeklagten seien telefonisch informiert worden. Mit einem extra für die Tat gekauften Motorrad seien sie dem 46-Jährigen, der zu Fuß durch die Große Straße ging, entgegengefahren, „um ihn ohne jeden Gegenwehr öffentlich hinzurichten“, verlas Marquardt.

Der 23-Jährige habe das Motorrad gefahren und auf Höhe des Opfers gestoppt. Um 11.15 Uhr soll der 24-Jährige zwölf Schüsse aus einer halbautomatischen Kurzwaffe mit Schalldämpfer abgefeuert haben. Aus nur einen Meter Entfernung. „Auge um Auge, Blut um Blut.“ Das Opfer starb zwei Tage später im Rotenburger Krankenhaus. Die Tat ereignete sich direkt vor einer Grundschule. Ein Geschoss durchschlug die Scheibe des Lehrerzimmers, verletzte dort aber niemanden.

Geständnis unmittelbar nach der Festnahme

Vor Gericht schweigen die Angeklagten zu den Vorwürfen, doch unmittelbar nach seiner Festnahme im April 2017 hat der 23-Jährige die Tat gestanden und den Mitangeklagten als den Todesschützen benannt. Dies berichtete am Donnerstag ein Beamter der Rotenburger Polizei als erster Zeuge in dem Prozess. 

Der 23-Jährige war in seiner Wohnung in Seelze vom SEK festgenommen worden. Dabei war auch ein Kilo Marihuana sichergestellt worden. Der zweite Angeklagte wurde später in Amsterdam festgenommen, soll aber in Albanien gelebt haben. Beide Männer sitzen in Untersuchungshaft.

Schießerei vor Grundschule in Visselhövede

Der Start des Prozesses verlief holprig. Wegen eines Formfehlers war die Verhandlung Anfang November für zwei Wochen unterbrochen worden. Am Donnerstag gab es erneut eine Unterbrechung. Direkt nach Verlesung der Anklage rügte die Verteidigung die Schöffenbesetzung. Die Kammer unterbrach die Sitzung für mehrere Stunden. Am Nachmittag wies sie den Antrag als unzulässig zurück.

Rotenburger Polizei zur Schießerei in Visselhövede

Rotenburger Polizei zur Schießerei in Visselhövede

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